erweiterte Suche
Samstag, 23.01.2016

Es hat sich ausgerodelt

Nicht nur weil Schnee fehlt: Immer weniger klassische Schlitten sind im Einsatz. Der Po-Rutscher triumphiert – wäre da nicht ...

Von Bernd Klempnow

„Bahne frei, Kartoffelbrei ...“ So sah es um 1910 aus, wenn Jung und Alt auf dem Dresdner Weißen Hirsch rodelten.
„Bahne frei, Kartoffelbrei ...“ So sah es um 1910 aus, wenn Jung und Alt auf dem Dresdner Weißen Hirsch rodelten.

© Sammlung Holger Naumann

Der Richter wird sich revidieren müssen. 2005 entschied das Landgericht Traunstein, dass das Fahren eines Schlittens zum „allgemeinen Erfahrungswissen“ gehört. Demnach dürfe ein Schlitten ohne Gebrauchsanweisung verkauft werden. Geklagt hatte ein Vater, der sich mit seiner neunjährigen Tochter beim Fahren mit einem neuen Schlitten verletzt hatte. Da sich das Gefährt nach seinen Angaben nicht richtig lenken ließ und der Produzent keine Gebrauchsanleitung mit beigelegt hatte, verlangte der Kläger insgesamt 12 500 Euro Schmerzensgeld.

Mittlerweile hätte der Kläger wohl bessere Chancen. Denn blickt man auf heutige Rodelstrecken, dann sieht man dort kaum noch den klassischen Rodel. Kinder und Erwachsene sausen eher in Lenkbobs bergab, vor allem aber dominieren Po-Rutscher und Rutschteller den Hang. Wie konnte das geschehen?

Der Trend: je flacher, umso schneller

Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch den Schlitten – Althochdeutsch von slito, der Gleiter. Man kann sagen, die Menschheit wäre ohne das Kufengefährt wohl nicht so weit wie heute. Ganz frühe Überlieferungen zeigen, dass in Mesopotamien 4 000 Jahre vor der Zeitrechnung Schlitten zum Einsatz kamen, um Material zu Baustellen zu transportieren. In Europa wurden die ersten wohl seit der Frühzeit als winterliches Transportmittel, so etwa in Skandinavien, im Alpenraum oder im Erzgebirge als lange und flache Ziehschlitten für den Heu- und Holztransport verwendet.

Und es gab die prunkvollen. Man denke nur an jenes komfortable, reich verzierte Gefährt, das der sächsische König 1812 in Dresden dem aus Russland fliehenden Napoleon übereignete. Die Krönung freilich ist der Gala-Schlitten, den sich der Bayernkönig Ludwig II. 1872 anfertigen ließ. Seine Gestaltung und kunsthandwerkliche Qualität sind unvergleichlich. Inspirationen gab der Rokoko-Stil: Mythologische Meereswesen stützen den Schlittenkasten, während Putten die Symbole von Herrschaft und Ruhm vorneweg tragen. Die verglaste Krone wurde 1885 mit einer Glühbirne ausgestattet. Eine Chromschwefelsäure-Batterie, die im Sitzkasten untergebracht war, speiste die Lampe – damals eine bahnbrechende technische Neuerung. Mit diesem Vierspänner tourte der träumerische König nachts durch Ammergaus Alpen.

Die Geschichte des heute bekannten Rodels beginnt um 1870. Ein Schreiner im schweizerischen Davos erfand ihn. Der Begriff leitet sich vom Oberdeutschen-Schweizerischen rotteln, also rütteln und schütteln ab. Das passt, dürfte jeder bestätigen, der mit dem Gefährt über Dellen geholpert ist oder gar die Mutprobe wagt, über eine selbst gebaute Schanze zu fliegen. Steißbein und Po grüßen herzlich.

Die neue Erfindung, der sogenannte Davos-Schlitten aus einer stabilen Eschenholzkonstruktion und mit Eisen beschlagenen Kufen, begeisterte jedenfalls damals in St. Moritz britische Kurgäste. Wettfreudig, wie die Engländer sind, waren sie es, die alsbald Wettbewerbe initiierten. So fand das erste Rennen der Welt 1883 in Davos statt. Später entstanden Schlitten mit Lehne, klappbare Schlitten und weitere Innovationen. Neben dem Davoser Schlitten gibt es vor allem den Hörnerschlitten mit den nach oben gebogenen Kufen wie die Hörner eines Widders. Daran kann man sich gut festhalten, allerdings stellen sie ein etwas höheres Verletzungsrisiko dar.

Ein Nest für müde Helden

Interessant ist die Höhe der Rodel. Lange Zeit war es nur ein Vergnügen der gut Betuchten. Ärmere Schichten hatten kein Geld für saisonale Spielzeuge. Entsprechend trug der Schlittenfahrer Anzug, fuhr im Zweifel mit Zylinder und Frauen im Rock und möglichst mit wenig Schneekontakt. Heute, wo jeder Schneeanzüge oder andere Outdoor-Kleidung trägt, ist das egal. Im Gegenteil: je flacher, umso schneller. Kein Wunder, dass die Bobs und Rutscher so beliebt sind. Und da diese Flitzer im Gegensatz zum Davos-Modell auf relativ wenig Weiß oder vereistem Boden noch immer fahren oder schlingern, sind sie gerade für schneeärmere Breiten die ideale Wahl.

Was spricht noch gegen den Schlitten? Die Pflege des Holzes und der über kurz oder lang verrosteten Kufen ist relativ aufwendig. Der Kaufpreis ist sicher nicht mehr ausschlaggebend, weil gute Rutscher so viel kosten wie ein solider, normaler Davos-Schlitten. Die freilich kann man auch für gut 200 Euro und mehr bekommen.

Nein, dass es sich – von Nostalgiefans abgesehen – ausgerodelt hat, liegt an den Eltern und Kindern selbst. Ein flacher, leichter Po-Rutscher ist nicht nur einfacher im Auto zu verstauen. Wenn man stürzt, kippt man nur um, tut sich also weniger weh. Vor allem ist er einfacher den Hang hochzutragen als ein mehrere Kilogramm schwerer, einsinkender Schlitten. Und da immer weniger Kinder Kondition haben, geht ihnen beim Hochziehen noch viel eher als beim Po-Flitzer die Puste aus. Von halben Tagen auf der Piste kann schon lange keine Rede mehr sein. So wird es das Schlittenfahren wohl nur im Leistungssport und im sprichwörtlichen, unangenehmen Sinne geben.

Allerdings ist der klassische Schlitten in einem nicht zu toppen: als Zuggerät für kleine müden Helden – am besten mit Lehne. Nach einem langen Tag in der Kita oder beim Waldspaziergang nimmt der Zwerg einfach Platz – die Großen mummeln ihn ein und sind das Pferd. So gemütlich und bequem wird der Schlitten zum Nest, an das man ein Leben lang verklärend denkt.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein