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Es gibt immer eine Alternative

Wenn man sich mehr vornimmt, als die Wirklichkeit hergibt, kann der Erfolg schon mal ausbleiben.

02.09.2016
Von Werner J. Patzelt

mmer eine Alternative
Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Die Welt ist keine Knetmasse, die Politiker ganz nach ihrem – oder ihrer Wähler – Ermessen gestalten könnten. Sie gleicht eher einem Biotop. Die Naturstrukturen eines solchen lassen sich leicht schädigen, doch selten zielgerichtet verbessern. Deshalb legen wir Wert auf Naturschutzgebiete, wo natürliche Prozesse selbst organisiert ablaufen können.

Mit Soziotopen halten wir es recht anders. Weil allein wir Menschen sie hervorbringen, hoffen wir gern, sie ließen sich ganz nach unseren Wünschen gestalten. Im Jahr 2000 beschloss etwa die EU zu Lissabon, binnen eines Jahrzehnts solle Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden. 2010 legte die Klimarahmenkonvention der Uno fest, die globale Erwärmung werde – im Vergleich zum Niveau vor der Industrialisierung – gefälligst auf zwei Grad Celsius begrenzt. Und wir westlichen Staaten schicken Soldaten, um anderswo Demokratie zu errichten.

Aus dem EU-Beschluss wurde nichts, aus dem Uno-Beschluss wird vermutlich auch nichts, und der Export von Demokratie ist ohnehin gescheitert. Vielleicht ist es ja gar nicht leicht, durch Politik mehr zu erreichen als eine Verfestigung dessen, was auch ohne Politik zustande käme. Oder gar mehr zu schaffen als verlässliche Rahmenbedingungen für wünschenswertes Handeln, das sich dann selbst organisiert. Sodass schon viel erreicht wäre, wenn man Hinnehmbares nicht durch Politik zerstörte – und obendrein neue Möglichkeitsräume eröffnete.

Kindisch ist die Vermutung, durch Einführung von Demokratie könne man die Gestaltungsgrenzen von Politik erweitern. Dagegen wehren sich Politiker denn auch, oft mit der allzu billigen Rede von einer „Alternativlosigkeit“ ihrer Politik. Denn es gibt immer eine Alternative: das Unterlassen zum Tun, das Eingreifen zum Treibenlassen. Nur gibt es nie eine Erfolgsgarantie, zumal dann nicht, wenn man sich mehr vornimmt, als die Wirklichkeit hergibt. Das Herz kann nämlich größer sein als die Möglichkeiten; das Geld weniger als erhofft; die Funktionsweise der Wirklichkeit anders als unterstellt. Wenig hilft in solchen Lagen ein „Glaube an den Endsieg“, heute formuliert als „Yo, wir schaffen das“. Lernen wir besser über reale Funktionszusammenhänge aus der Geschichte, und bauen wir vorsichtig auf plausibles Wissen!

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