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Er hat Nazi gesagt!

Rationalität bewahren ist nicht einfach in der hitzigen Debatte. Versuchen wir’s trotzdem.

14.10.2016
Von Werner J. Patzelt

zi gesagt!

Es geht doch! Erklären hilft – falls das Gegenüber zuhört. Michael Bittner hat inzwischen nicht bloß verstanden, was das Thema meiner letzten Kolumnen war, sondern wendet diese Einsicht gerade so an wie ich selbst an anderer Stelle. Nämlich im Aufweis, wie sehr auch bei Pegida politische Religiosität wabert. Dort ist sie besonders stark ausgeprägt als Wiederholungsritual von Bekenntnis- und Verfluchungsformeln, gepaart mit Lust am Herabsetzen von Glaubensfeinden.

Wichtig ist zu begreifen, dass derlei Posen recht unabhängig von den jeweiligen Glaubensinhalten sind. Man erkennt sie immer wieder: auf Konzilen der frühen Kirche, im Umfeld inquisitorischer und reformatorischer Gewaltsamkeit, beim politischen Verhalten von Nazis und ihrer Gegner. Das wirkungsvolle Gegenmittel besteht nicht im Verdrängen solcher Ähnlichkeit, oft vollzogen im denkfaul-empörten Ruf: „Er hat Nazi gesagt!“ Es besteht im Vermitteln und Praktizieren von Rationalität – und zwar gerade dann, wenn politischer Streit sich erhitzt.

Folgendes ist rational: Die Bereitschaft, sich das für die Beurteilung und Gestaltung eines Sachverhalts nötige Wissen verfügbar zu machen sowie Verzerrungen oder Ungewissheit des „gefühlt Gewussten“ in Rechnung zu stellen. Die Unterscheidung von Tatsachenbehauptungen und Werturteilen. Auseinanderhalten, ob man eine Aussage auf sachliche Richtigkeit prüft, oder ob man den ethischen Wert ihres Gegenstands beurteilt. Die Fähigkeit und Bereitschaft, auch eigene Argumentationen und Urteile auf Widersprüche oder sachliche Fehler zu befragen – sowie diese dann zu korrigieren, wenn sich Irrtümer zeigen.

Doch noch Schwierigeres verlangt Rationalität. Vor allem, dass die Bereitschaft, sich auf Argumente eines anderen einzulassen und aus ihnen zu lernen, von der persönlichen Beziehung zum anderen unabhängig sein muss. Auch braucht es die Kompetenz zum Perspektivenwechsel, also dazu, ebenfalls mit den Augen und Gefühlen des Gegners einen Sachverhalt oder Streitfall zu betrachten. Und obendrein Übung darin, bei der Frage nach politischen Handlungsoptionen das Wünschbare und Gesollte vom faktisch Gegebenen oder derzeit Möglichen zu unterscheiden.

Das alles fehlte uns so lange in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern. Machen wir es fortan besser – bitte!

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