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Dienstag, 29.04.2008

Endstation Massenmord

Der „Zug der Erinnerung“ macht in Sachsen Station. Er dokumentiert die NS-Deportationen rassisch Verfolgter durch die Deutsche Reichsbahn.

Von Oliver Reinhard

Manchmal schenkt die Geschichte in ihren tödlichsten Momenten Leben. Wie am 13. und 14. Februar 1945, als alliierte Bomben in Dresden Zehntausende auslöschten. So bitter es klingt: Heinz-Joachim Aris verdankt dieser Katastrophe, dass es ihn überhaupt noch gibt. Der damals Elfjährige sollte mit seiner Familie in ein Vernichtungslager deportiert werden. „Doch der Zug der Reichsbahn Richtung Osten konnte die Stadt am 16. Februar nicht verlassen; die Bomben hatten auch die Gleise zerstört“, sagt Aris, der heute Vorsitzender im Sächsischen Landesverband der Jüdischen Gemeinden Deutschlands ist.

Er hatte Glück. Anders als die Zwillinge Heinz und Sonja Zymt, Anna Chama Goldberg, Josef König und weitere 200 jüdische Kinder aus Dresden. Sie gehörten zu den mehreren Zehntausend jungen „rassefremden“ Menschen, die zwischen 1940 und 1945 im Verlauf des nationalsozialistischen Völkermords an Juden, Sinti und Roma aus ganz Europa von der Reichsbahn in den Tod verfrachtet wurden. Nun sind einige von ihnen noch einmal auf deutschen Schienen unterwegs. Als Foto, als Schicksal, als Erinnerung, als Teil der Ausstellung im „Zug der Erinnerung, der seit einigen Monaten durchs Land fährt. Gestern traf er im Dresdner Hauptbahnhof ein.

Keine Hilfe von der Bahn

Gut hundert Menschen waren gekommen, um die Eröffnung der Ausstellung am Gleis 6 am Südende der Tiefebene mitzuerleben. Darunter Vertreter der Stadt, des Landes. Sie mussten große Ohren machen. Lautsprecher scheppern, Turbinen summen, Bremsen pfeifen. Die Menge hörte durch den Lärm zu: Heinz-Joachim Aris, der seiner großen Freude darüber Ausdruck verlieh, dass so viele gekommen waren. Der Kunst- und Wissenschaftsministerin Eva Maria Stange, die sich sehr zufrieden zeigte über diesen „Ausdruck einer öffentlichen Erinnerungskultur, die nicht von einer staatlichen Institution getragen wird“: Der „Zug der Erinnerung“ ist ein gemeinnütziger Verein aus mehreren Bürgerinitiativen. Die Menge applaudiert dessen Sprecher Hans-Rüdiger Minow, der die ganze Aktion mit ins Leben gerufen hat. Und sie lauscht dem Synagogenchor mit seinem Lied „Herr, was ist der Mensch?“ und den Worten „Denn ich weiß, dass der Tod zu mir zurückkehrt, zu jeder Zeit, und in jedem Lebewesen“.

Der Weg von der Idee zum Zug war lang und nicht leicht. Probleme machte und macht vor allem die Deutsche Bahn AG und damit die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn. Für Vorstandschef Hartmut Mehdorn sind deutsche Bahnhöfe kein geeigneter Ort für eine Holocaust-Ausstellung, die die Mittäterschaft der Reichsbahn thematisiert. Der Bundesverkehrsminister ist da zwar anderer Ansicht, doch Mehdorn zeigte sich vom Streit mit Wolfgang Tiefensee unbeeindruckt und blieb hart. Von der Bahn kam keine Hilfe, weder logistisch noch finanziell. In ihrem gläsernen Prunkpalast, dem Berliner Hauptbahnhof, durfte das rollende Museum nicht einmal halten.

Hans-Rüdiger Minow und die Initiative „Zug der Erinnerung“ konnte das nicht bremsen. Sie konzipierten eine eigene Ausstellung, trieben die nötigen Geldmittel durch Spenden ein, buchten wie ein privater Zugbetreiber bei der „DB-Netz“ Gleise für eine Reise quer durch Deutschland mit Endstation Auschwitz und machten Dampf im Kessel. Fast 50 Städte haben sie bereits angelaufen, schon 220000 Menschen sind zugestiegen in die drei Personenwaggons aus den Sechzigern, gezogen von einer Dampflok Baujahr 1921, gestellt von einem privaten Eisenbahnclub aus Ulm.

„Die Zusammenarbeit mit den Landesbehörden läuft außerordentlich gut“, sagt Minow, „gerade in Sachsen. Der Zug kostet am Tag 4000 Euro, der Freistaat hat viele Kosten übernommen. Außerdem ist Dresden eine der letzten Stationen, und durch die lange Vorbereitungszeit sind die Recherchen vor Ort im Resultat ganz hervorragend geworden.“ Das Lob geht vor allem an Schüler. In zwei Waggons schildert die Ausstellung anhand von Opfer- und Täterbiografien die Geschichte der Kinder-Deportationen: die Zustellung der Bescheide, das Herrichten und Verlassen der Wohnungen, der Weg zu den Sammellagern und von dort durch die Dörfer und Städte zu den wartenden Zügen in den Tod. Der dritte Waggon präsentiert die Ergebnisse der Forschungen an Schulen jener Orte, an denen der Zug Station macht. Und damit Schicksale von Dresdner Kindern wie Heinz und Sonja Zymt, Anna Chama Goldberg, Josef König, wie die Schwestern Mirjam, Irma und Sonja Sonnenschein.

Sie alle hat man in die Vernichtung geschickt. Als die Fotos aufgenommen wurden, ahnten sie von alledem noch nichts. Man sieht sie lachen, mit Gesichtern, in denen sich niemals die Geschichten eines langen Lebens haben einschreiben können. Es gibt keine Bilder, die die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Politik schrecklicher vor Augen führen, ohne dass man deren Folgen selber sieht. „Ich glaube, es war wichtig, dass wir uns nicht nur mit Büchern, sondern mit den Schicksalen der Kinder beschäftigt haben“, sagt Sara Taborek. Die 17-Jährige gehört zu einem Geschichts-Leistungskurs an Dresdens Dreiköniggymnasium. „Denn wenn man die Geschichte über die Menschen erfährt, über die Familien, dann geht einem das viel näher. Man ist einfach motivierter, sich damit intensiver zu beschäftigen.“ Trotzdem hat sie auf ein größeres Interesse ihrer Mitschüler gehofft: „Von unserem Kurs hat nicht einmal die Hälfte mitgemacht. Vielleicht wollten einige lieber wegsehen.“

In das Thema hineingestürzt

Gerade deshalb ist Tobias Weidlich stolz auf jene „seiner“ Schüler, die dabei waren. Der Geschichtsstudent an der TU Dresden hat sie während eines Praktikums angeregt, beim „Zug der Erinnerung“ mitzuwirken. „Wir haben mehrere Arbeitsgruppen gebildet und sind in die Archive gegangen“, sagt er. „Viele haben sich regelrecht in das Thema hineingestürzt. Auch wenn sie zunächst etwas enttäuscht darüber waren, dass heute kaum noch Informationen vorhanden sind – die Bomben haben 1945 das meiste Material vernichtet.“ Dennoch konnten die Schüler einige Biografien zumindest in Ansätzen rekonstruieren. Und wenigstens die Erinnerung an die von ihren Landsleuten ermordeten Kinder aus Dresden wieder zum Leben erwecken.

So lässt sich der „Zug der Erinnerung“ auch begreifen: Als Beispiel dafür, wie sich zahllose Menschen freiwillig zu einer historischen Verantwortung bekennen, indem sie das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus wachhalten. Mit oder ohne Hilfe der Institution, über deren Gleise auch die jüdischen Kinder in die Vernichtung transportiert wurden, organisiert von Zehntausenden, die mehrheitlich wussten, was sie taten.

Immerhin toleriert die Bahn AG den „Zug der Erinnerung“. Und immerhin springt für sie etwas dabei heraus: 3,50Euro für jeden Bahnkilometer, fünf für jede Parkstunde, 450 für jeden Ausstellungstag.