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Montag, 14.03.2011

Empört Euch!

Der Banker und Jurist Dietrich Hoppenstedt fordert bei den Dresdner Reden die Abschaffungder Finanzindustrie.

Von Peter Ufer

Ein Banker fordert die Revolution. Er behauptet, dass sich die Weltgeschichte wieder an einem Dreh- und Angelpunkt befinde. Die Situation erinnere an die aufbegehrenden Menschen in Polen, Ungarn und in der DDR der achtziger Jahre. Er sagt: Empört Euch! „Sie haben doch hier in Dresden vor gut 20 Jahren bewiesen, wie das geht und dass das geht.“

Die Zuschauer, die am Sonntag die letzte Dresdner Rede dieses Jahres im Schauspielhaus verfolgen, klatschen heftig Beifall. Denn Dietrich Hoppenstedt, einst Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, offenbarte sich am Rednerpult zum einen als eleganter Bildungs-, aber zugleich als aufklärender Wutbürger, der die moralische Verkommenheit der Finanzwirtschaft nicht länger hinnehmen will.

Sein eigener Berufsstand befinde sich in einer Wertekrise, was durchaus im doppelten Wortsinn zu verstehen wäre. Geldwirtschaft entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren zur egomanischen Industrie, wurde zum Selbstzweck und missachtete die soziale Komponente. Aber genau das wäre das Übel und der Grund für die Finanzkrise, sagt der 70-Jährige, der seit Jahren dafür sorgt, dass der deutsche Sparkassenverband die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden unterstützt – wofür sich der Generaldirektor Martin Roth in seiner Vorrede herzlich bedankte. Kultur sei ein Wert, der zu fördern ist, um die Moral wiederzuentdecken, sagt Hoppenstedt. Denn die Wiederentdeckung der Moral treibt den Mann, der in Göttingen Jura studierte, seit Jahren an.

Monopolare Welt entstand

Nach 1989 beobachtete er, dass die Öffnung des Eisernen Vorhangs nicht nur eine politische Zeitenwende hervorbrachte, sondern eine weniger bemerkte wirtschaftliche Revolution. Hoppenstedt sagt: „Es entfiel nämlich der historische Gegensatz von Markt- und Planwirtschaft. Die Folge: Es bedurfte immer weniger der Sozialen Marktwirtschaft als einen dritten, vermittelnden Weg. Aus einer bipolaren wurde eine monopolare Welt.“

Allerdings hätte sich diese Entwicklung zunächst im wiedervereinigten Deutschland nicht so stark repräsentiert, denn das Land sei für einige Jahre ein Sonderfall gewesen. Hoppenstedt, der vor seiner Karriere beim Sparkassenverband von 1979 bis 1983 Staatssekretär beim Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten war, sagt: „Das gigantische Sonderkonjunkturprogramm der Wiedervereinigung überdeckte die erstarrten Strukturen der alten Bundesrepublik. Man ruhte sich in Deutschland auf einer scheinbar moralischen Überlegenheit aus.“ Ein Fehler, denn schon Mitte der 90er-Jahre galt Deutschland als der kranke Mann Europas.

Schnell musste Deutschland den Anschluss an die globale Wirtschaft, gesteuert von den USA, finden und rief mit der Agenda 2010 die Neue Soziale Marktwirtschaft aus. Die jedoch wäre nichts weiter gewesen als der Anschluss an die kapitalistisch betriebene weltwirtschaftliche Umwälzung, eine Demutsgeste gegenüber der Macht des Faktischen. Eine der wichtigsten Folgen formuliert der Vater von drei Kindern so: „Es war der Abbau von begrenzenden Regulierungen, und damit gab es immer freiere Kapital- und schließlich auch Güterverkehre.“ Plötzlich wurde die Finanzwirtschaft als Wachstumsbranche der Zukunft ausgerufen und Industrie genannt, um zu suggerieren, es werde etwas produziert. Wurde es aber nicht, es wurde nur umverteilt.

Hoppenstedt geriert sich nicht zum Systemkritiker, sondern zum Kritiker der freien Finanzindustrie, die kein Geld mehr zahlt für erbrachte Leistung, sondern es sich leistet, mit Geld zu handeln, beziehungsweise mit Krediten oder nur noch Wetten darauf abschließt, wer sie bedienen kann und wer nicht. Er geißelt die Abkopplung der Finanzindustrie von der realen Wirtschaft. Er widerspricht der These des einstigen BDI-Präsidenten Olaf Henkel, der in seinem Buch „Die Ethik des Erfolgs“ behauptet, eine auf Solidarität und Bindung zu Gemeinwesen zurückgehende Ethik behindere den unternehmerischen Freiheitsdrang.

Ethische Grundhaltung erforderlich

Nein, sagt der Christdemokrat Dietrich Hoppenstedt zu Henkels Gefühlslosigkeit. Jeder benötige eine eigene ethische Grundhaltung, um Moral in den globalen Märkten einfordern zu können. „Es gibt nach wie vor ein tief verankertes gemeinsames Moralverständnis. Anständigkeit, Einsatz für andere, Gemeinwohlorientierung und sozialer Zusammenhalt gelten etwas“, sagt Hoppenstedt. Es existiert ein allgemein wirksames Gespür für Gerechtigkeit und Anstand. Dieses Gespür müsse mehr denn je unterstützt werden durch das Rechtssystem, das sich seiner geschichtlichen Einordnung und moralischen Wurzeln wieder stärker bewusst werden müsse. Nicht Deregulierung der Wirtschaft sei das Gebot der Stunde, sondern Regulierung. „Notwendig sind künftig wieder mehr abstraktere Regelwerke, die den Bürger stärker herausfordern, ethisch einwandfreies Verhalten selbst zu formulieren. Und in der Lage sind, den Wandel der Wirtschaftswelt in sich aufzunehmen“, lautet Hoppenstedts These.

Zudem wünscht er sich eine stärkere Bindung der Menschen an das Wirtschaftsleben. Eines der großen Probleme der Volkswirtschaften sei die entpersonalisierten Beziehungen. Es müsse wieder mehr Personalgesellschaften geben und immer weniger Kapitalgesellschaften. Ein persönlich haftender Unternehmer handle viel verantwortungsvoller als ein angestellter Manager, der ausschließlich vom Gewinn profitiere. Und die Mitarbeiter müssten an Unternehmen beteiligt werden.Der Banker will die Soziale Marktwirtschaft wiederbeleben. Der Markt sei kein Glaubensbekenntnis, sondern der Ort, wo Leistungen oder Waren gegen Geld getauscht werden. Das klingt archaisch und dennoch hoch aktuell.