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Samstag, 16.01.2016

Einmal feucht durchwischen

Anne Will talkt wieder am Sonntagabend und soll vieles besser machen als Günther Jauch. Das dürfte nicht schwer sein.

Von Rainer Kasselt

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Das Blau steht ihr: Moderatorin Anne Will in ihrem neuen Studio, wo sie ab diesem Sonntag zum wöchentlichen Talk nach dem Krimi einlädt.
Das Blau steht ihr: Moderatorin Anne Will in ihrem neuen Studio, wo sie ab diesem Sonntag zum wöchentlichen Talk nach dem Krimi einlädt.

© NDR/Wolfgang Borrs

Sie war nie ganz weg, aber lange nicht ganz oben. Jetzt bekommt Anne Will den Premiumplatz des politischen Talks im deutschen Fernsehen zurück. Vor gut vier Jahren musste sie ihn an Günther Jauch abgeben. Während er am Sonntag nach dem „Tatort“ oft mehr als fünf Millionen Zuschauer erreichte, war sie schon froh, wenn sie am späten Mittwochabend die Zwei-Millionen-Grenze streifte.

Ihren Ärger über die Zurücksetzung zeigte sie nicht öffentlich. Anne Will verhielt sich gegenüber ihrem Arbeitgeber ARD loyal. Kein lautes Wort der Kritik, keine Schelte gegen den Kollegen. Ohne Murren erledigte sie ihre Arbeit zu nachtschlafener Stunde. Kompetent, mit sportlicher Note, sogar besser als vorher. Sie ist souveräner, heiterer und selbstbewusster geworden. Gern zieht sie spöttisch eine Augenbraue hoch, entspannt das Gespräch, wenn es hoch hergeht.

Die studierte Politologin kann hart nachfragen, lässt sich nicht so schnell mit Phrasen abspeisen. Sie ist perfekt vorbereitet, diskutiert mit dem Gegenüber auf Augenhöhe. Eine Schwäche aber kann oder will sie nicht ablegen. Wenn eine Diskussion zu heiß wird, wechselt sie abrupt das Thema, würgt die Debatte ab, sobald sie beispielsweise zu linkslastig wird. Diese Schwäche ist in den Augen der Chefs eine Stärke, auch deshalb fiel die Wahl auf sie. Die Rückkehr auf den Sonntagabend wird Anne Will leichtfallen. Nach der eher mauen Ära Jauch kann die Sendung nur besser werden. Er wirkte politisch wenig sattelfest, manchmal hilflos und überfordert. Die ARD wollte mit seiner Popularität punkten und den Unterhaltungsfaktor des Formats heben. Das ging am Ende schief, weil Jauchs populistische Ader in schwierigeren gesellschaftlichen Zeiten fehl am Platz ist. Mit seinem legendären Pokerface kann er RTL-Kandidaten beim Millionärs-Quiz verunsichern, bei ausgebufften Politikern löst das nur ein mildes Lächeln aus.

Sie reden viel und sagen wenig

Anne Will, die im März 50 wird, ist seit Langem ein prägendes Gesicht der ARD. Als erste Frau gelangte sie 1999 in die damals noch heilige Riege der Sportschau-Moderatoren. Die gebürtige Kölnerin studierte Geschichte, Politik und Anglistik, moderierte beim WDR das Medienmagazin „Parlazzo“ und beim SFB die Gesprächssendung „Mal ehrlich“. 2001 löste sie Gabi Bauer bei den ARD-Tagesthemen ab und leitete von 2007 bis 2011 den Polittalk am Sonntag, bevor sie für Jauch das Feld räumen musste.

Privat lässt die rheinische Frohnatur, die gern einen Witz erzählt, wenig nach außen dringen, zum Ärger der bunten Blätter. Ihre Lebenspartnerin ist die Wissenschaftlerin Miriam Meckel.

Die Erwartung der ARD ist klar. Anne Wills Gesprächsrunde mit meist vier Teilnehmern soll deutlich politischer und aktueller werden. Sie soll brisante Themen aufgreifen und selber setzen, für Schlagzeilen sorgen. Anne Will spielt das ein wenig runter. Im Vorfeld sagt sie: „Ein bisschen was werden wir verändern, allein schon weil wir 60 statt 75 Minuten haben, aber grundsätzlich machen wir so weiter wie bisher. Also wischen wir einmal feucht durch, bringen das Altpapier raus und sind frisch gekämmt und gut gelaunt zurück.“

In dieser Woche sagte Will dem Internetportal „Übermedien“, sie habe zum Nachdenken über die berufliche Veränderung nicht viel Zeit gehabt. „Einen Tag und eine Nacht. Da habe ich sehr nüchtern abgewogen, und am Schluss sprach doch ein bisschen mehr dafür.“ Der Unterschied entstehe durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die am Sonntag ungleich höher sei. „Man hat innerhalb der Woche so etwas wie einen Artenschutz. Wer den Sonntags-Platz bespielt, braucht sich dagegen nicht zu sorgen, voll auf die Fresse zu bekommen.“

Dass die Wahl wieder auf eine Frau gefallen ist, überrascht wenig. Politiker lassen sich offenbar lieber von ihnen befragen. Es ist kein Zufall, dass Sandra Maischberger, Maybrit Illner (ZDF) und eben Anne Will die Polittalks dominieren. Als Letzter der Mohikaner ist nur Frank Plasberg übrig geblieben. Noch vor Jauch hatte Reinhold Beckmann die Segel streichen müssen. Vielleicht gelingt es Frauen mit ihrem Charme eher, eine Gesprächsatmosphäre der Kultur zu schaffen. In der Regel aber fallen sich die Streithähne bei ihnen genauso unkultiviert ins Wort. Gemütlicher jedenfalls geht es bei den Talkladys nicht zu.

Viele Zuschauer schalten Talkshows generell nicht mehr ein. Das hat gute Gründe. Immer die gleichen Gesichter, immer die bekannten Argumente, immer dieselben Ausflüchte. Die eingeladenen Politiker nutzen ausgiebig die Gelegenheit, sich ins rechte Licht zu rücken und wenig zu sagen. Eine Partei schlägt auf die andere ein, alles wird personalisiert oder skandalisiert. Am schlimmsten ist es vor Wahlen. Viel zu selten werden Probleme diskutiert, mit denen sich die Leute im Alltag plagen. Wen wundert es, wenn sie sich anderswo Gehör verschaffen.

Statt neue Farbe auf Nummer sicher

Als Nachfolgerin von Jauch hätte sich auch Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga angeboten. Ihre große Stärke ist die natürliche Ausstrahlung und Bodenhaftung. Beharrlich und schlagfertig stellt sie unbequeme Fragen. Ihr Mona-Lisa-Lächeln hat schon manchen Prominenten ins Schwitzen gebracht. Caren Miosga hätte eine neue Farbe in den Polittalk gebracht. Das Erste entschied sich für die bewährte Farbe und geht mit Anne Will auf Nummer sicher. Typisch ARD.

Anne Will, sonntags, 21.45 Uhr, ARD

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Hermann

    Da lohnt es sich mal wieder ARD anzuwählen. Aber erst 21:45Uhr, dass Programm vorher ... na ja.

  2. Luisa

    Die SZ sollte auch mal ordentlich durchwischen und einiges besser machen. Die Messlatte hängt tief, ein besserer Neustart kann nicht so schwierig sein! Nein, ich bin kein Pegidianer und ich skandiere nicht "Lügenpresse"! Ich mag nur ordentlichen und reflektierten Journalismus. Davon ist die SZ allerding noch weit entfernt!

  3. ICH

    Ich hatte gehofft , diese Sendungen werden ganz abgeschafft . Hermann Sie brauchen den Polizeiruf auch nicht 20:15 sehen , geht auch 21:45 und 23:45 auf Eins-Festival oder morgen bzw. Dienstag 01:20 auf ARD :-( Man kann sich nur bei unseren ÖR bedanken , wie sie mit unseren Gebühren umgehen .

  4. Demokrat

    Ja auf Nummer Sicher geht ARD bestimmt mit Anne Will wie eigentlich bei allen polit. Talk Shows die ehrliche Stimme der Mehrheit der Bürger wird nicht eingeladen. Siehe auch den letzten Presseclub mit Volker Herres - wo es ein Bla Bla gab aber ausgespaart wurde das die Kriminellen der Kölner Sylvesternacht keine Kriegsflüchtlinge waren.Es waren Marokkaner,Tunesier ect.In deren Ländern wird Raub usw.sehr hart bestraft. In Deutschland treffen sie auf Strukturen von Landsleuten die schon länger illegal da sind oder geduldet u.verdienen sie mit Drogenhandel Raub ect Geld. Nun reden unsere Politker über neue Gesetze die es nicht braucht.Man muß nur die bestehenden anwenden.Was sind das für Zustände wenn wir ein MHAGREB Viertel haben u.rechtsfreie Räume. Die Politik die ihre Bürger nicht mehr schützt hat verspielt und mit den begangenen Gesetzesbrüchen ist sie selbst kriminell geworden,(Verstoß gegen GG,Asylgesetz usw)Auch Anne Will wird klar auf Linie bleiben u.helfen Bürger mitzunehmen

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