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Mittwoch, 23.03.2016 Neu im Kino

Einfach beim Sein zuschauen

„Good Morning Vietnam“ war gestern. Heute ist „Rock the Kasbah“. Doch trotz Bill Murray wird daraus wohl kein Klassiker.

Von Martin Schwickert

Die Filmstarts der Woche

Merci (Kate Hudson) macht’s für Geld. Richie Lanz (Bill Murray) hat davon nichts mehr übrig. Noch dazu sind beide in Afghanistan gestrandet. Und trotzdem haben sie Spaß am Leben in „Rock the Kasbah“.
Merci (Kate Hudson) macht’s für Geld. Richie Lanz (Bill Murray) hat davon nichts mehr übrig. Noch dazu sind beide in Afghanistan gestrandet. Und trotzdem haben sie Spaß am Leben in „Rock the Kasbah“.

© Tobis/dpa

Seine besten Tage als Rockmusik-Manager hat Richie Lanz (Bill Murray) längst hinter sich. In einem schäbigen Motel in L. A. residiert er und macht talentlosen Nachwuchssängerinnen falsche Hoffnungen, um sie um ein paar Hundert Dollar zu erleichtern. Die einzige Künstlerin unter Vertrag ist gleichzeitig seine Sekretärin. In halbleeren Bierbars intoniert Ronnie (Zoeey Deschanel) Cover-Versionen längst vergilbter Songs, während Richie ihr vom Tresen aus die richtigen Rockstar-Posen vormacht. Einer der begeisterten Besoffenen gibt dem abgehalfterten Manager einen verhängnisvollen Karrierehinweis: Er solle mit seiner musikalischen Entdeckung gegen gutes Geld zur Truppenbelustigung in Afghanistan auftreten. Gesagt, getan – und schon sitzen die beiden im Flugzeug Richtung Kabul. Aber Ronnie ist bei der Reise ins Herz des „War on Terror“ wenig frohgemut gestimmt und nimmt schon am ersten Tag Reißaus. Ohne Ausweis und Geld bleibt Richie im bürgerkriegsversehrten Afghanistan zurück.

Die Filmstarts der Woche

Den Helden aus seiner gewohnten Umgebung heraus in eine fremde Welt hineinzukatapultieren – das ist ein klassisches Komödienmotiv, und mit einem Hauptdarsteller wie Bill Murray kann da nicht viel schiefgehen. Murray hat sich in den letzten Jahrzehnten in Sophia Coppolas „Lost in Translation“, Wes Andersons „Die Tiefseetaucher“ oder Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ zu einem begnadeten Lustspiel-Minimalisten entwickelt. Sein Gesicht ist wie eine durchfurchte Wüstenlandschaft, in der jede mimische Nuance einen maximalen Effekt generiert. Die traurigen Augen und der unbewegte Blick bieten den idealen Kontrast zur angestrebten Situationskomik. Es gibt nur wenige Schauspieler, denen man gern einfach beim Sein zuschaut. Bill Murray gehört auf jeden Fall dazu.

Dabei hat sein abgewirtschafteter Musikagent in Barry Levinsons „Rock the Kasbah“ eigentlich im Chaos des Krieges alle Hände voll zu tun. Um sein limitiertes Reisebudget aufzubessern, lässt sich Richie darauf ein, eine Munitionslieferung für zwei amerikanische Waffenhändler in ein Paschtunendorf zu bringen. Zur paramilitärischen Unterstützung heuert er sich den in Ungnade gefallenen US-Söldner Bombay Brian (Bruce Willis) an. Natürlich läuft hier nichts wie geplant, und Richie muss sein ganzes Verhandlungsgeschick aufbieten, um heil aus der Situation herauszukommen. Immerhin kann er am Abend bei der Paschtunen-Party eine recht eigenwillige Darbietung von „Smoke on the Water“ zum Besten geben, die einen sicheren Platz im filmischen Gedächtnis bekommt, auch wenn sie von den Einheimischen nur mit einem Achselzucken goutiert wird. Noch wunderlicher wird es jedoch, als er nachts eine ferne Frauenstimme hört, die ihn in eine Höhle führt.

Salima (Leem Lumbaly), die Tochter des Dorfvorsitzenden, singt in ihrem Versteck westliches Liedgut und träumt davon, in „Afghan Star“ – dem örtlichen Äquivalent von „Deutschland sucht den Superstar“ – aufzutreten. Ein alter Hase wie Richie erkennt ein Talent, wenn er es hört. Aber Salima wäre die erste Frau, die ohne Hidschab im afghanischen Fernsehen auftritt, und die tief patriarchale Gesellschaft scheint noch nicht bereit zu sein für eine solche Herausforderung.

Afghanistan sucht den Superstar

Sehr lose beruht dieser Teil der Geschichte auf wahren Begebenheiten. „Afghan Star“ gibt es tatsächlich und ist mit 30 Millionen Zuschauern eine der erfolgreichsten TV-Shows des Landes. 2008 sorgte dort eine Bewerberin für Aufsehen (und Todesdrohungen), weil sie ohne Kopftuch auftrat. Aber mehr Realitätsgehalt ist in „Rock the Kasbah“ beim besten Willen nicht auszumachen. Vielmehr stellt Levinson seinen Film in die Tradition amerikanischer (Anti-)Kriegssatiren, zu der er selbst mit „Good Morning Vietnam“ (1987) und „Wag the Dog“ (1997) zwei Genreklassiker beigesteuert hat. Sicherlich kommt „Rock the Kasbah“ mit seiner etwas zu lose geschnürten Dramaturgie und einigen klischeehaften Nebenfiguren nicht ganz an die Vorgängerwerke heran. Aber Bill Murray und seine schlawinerhafte Figur sorgen für den notwendigen anarchistischen Charme und tragen den Film souverän über kurze Durststrecken hinweg.