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Dienstag, 11.07.2017

Eine sternschnuppenlange Hoffnung

Peter Härtling hat nicht nur die Kinderliteratur revolutioniert. Er war auch ein einfühlsamer Romancier. Mit 83 Jahren ist der gebürtige Sachse gestorben.

Von Karin Großmann

Höchst produktiv und belesen: Der Schriftsteller Peter Härtling 2013 in seiner Wohnung im hessischen Walldorf, das ihn zum Ehrenbürger ernannte. Rund zwanzig deutsche Schulen sind nach ihm benannt.
Höchst produktiv und belesen: Der Schriftsteller Peter Härtling 2013 in seiner Wohnung im hessischen Walldorf, das ihn zum Ehrenbürger ernannte. Rund zwanzig deutsche Schulen sind nach ihm benannt.

© dpa

Kuchenränder vom Bäcker und eine peinliche Strickmütze mit drei Ecken, das verband Peter Härtling mit der Erinnerung an Hartmannsdorf. Dort wuchs er auf, in der Nähe von Chemnitz, wo er im November 1933 geboren wurde. Olmütz in Mähren, Zwettl in Österreich, Nürtingen in Schwaben hießen die nächsten Stationen. Der Vater starb in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Die Mutter nahm sich das Leben. Da war er 13.

Solche Erfahrungen steckt man nicht einfach weg. Sie hinterlassen Spuren. Peter Härtling macht sie sichtbar, wenn er von Flucht und Fremdsein erzählt, von Enttäuschung, Hilflosigkeit und Alleinsein.

Am Montag ist der Schriftsteller nach kurzer Krankheit mit 83 Jahren gestorben. Bis zuletzt blieb er produktiv – und erstaunlich vielseitig. Er schrieb für Kinder und für Erwachsene, der Unterschied lag für ihn nur in der Orchestrierung: hier Kammermusik mit wenigen Instrumenten, dort Sinfonie mit voller Besetzung. Härtling bezog seine Inspiration oft aus der Musik. Seine Romanbiografien über Schubert, Mozart und Schumann gehören zum Besten des Genres. Gerade kam die Taschenbuchausgabe seines Verdi-Romans heraus. Dort erscheint der Komponist in seinen letzten Lebensjahren als eigensinnig und weise – und immer noch auf der Suche.

In seinen Büchern gibt Peter Härtling sich zu erkennen. Für neue Anfänge war er zu haben, er war geradezu anfangssüchtig. Auch aus diesem Grund suchte er sein Publikum bei den Kindern. Da ist noch alles unverfälscht, sagte er, was später verloren geht, verschüttet oder verstärkt wird. Da scheint noch alles möglich zu sein, sogar ein eigenes Schloss mit Ponyhof. Doch das war es nicht, was Peter Härtling interessierte. Er brachte eine Wirklichkeitsnähe in die Kinderliteratur, wie es sie vorher kaum gab. Die Kinder in seinen Texten sind keine dressierten Hochglanzpüppis. Es sind Außenseiter, Randbewohner, Verdrängte. Sie erfahren eine Erwachsenenwelt, die sie nicht akzeptieren können.

Das begann Anfang der Siebzigerjahre mit dem Hirbel, dem behinderten Jungen, der zwischen Heimen und Pflegeeltern hin und her wandert und manchmal Sachen macht, über die andere lachen. Er ist ein unverstandenes Wesen, und Peter Härtling unternimmt nichts, um den Jungen zu retten. Das war kühn. Auch später inszenierte der Autor für Kalle, Fränze, Theo, Jakob, für Benn und Anna und die anderen eine Realität voller Brüche. „Ich bin ein unnötiges Kind“, konstatiert Paul. Seine Eltern sind mit ihrer Karriere vollauf beschäftigt.

Kinder brauchen Wahrheit, auch in der Literatur. Davon war Härtling zutiefst überzeugt. Trotzdem gab er seinen Figuren mitunter ein Stück Hoffnung mit, und sei sie auch nur von „Sternschnuppenlänge“. Dann tritt ein verständnisvoller Opa auf, der sich kümmert.

Bei allen Unterschieden haben die Kinderbücher, die autobiografisch gefärbten Texte und selbst die großartige Romanbiografie über den Dichter Hölderlin etwas gemeinsam. Sie sind bestimmt von Härtlings Lauterkeit, von seiner Melancholie, seinem Zorn und auch von seinen moralischen Ansprüchen. In Essays formulierte er seine Weltsicht direkt. So prophezeite er schon 1991 einen Kampf zwischen Habenden und Habenichtsen in einem Europa, das sich weder durch Kultur noch Wohlstand oder schlechtes Gewissen schützen könne vor dem Zustrom hungernder und hoffender Fremder. Er könne nur erzählen, sagte Härtling, wie ein Zusammenleben ausprobiert wird, „bis in alle Zukunft, die unsere Sprache noch nicht kennt“.

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