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Samstag, 12.09.2015

„Eine solch primitive sozialkritische Masche kotzt mich an“

Vor 50 Jahren bannte die SED einen ganzen Jahrgang von Defa-Filmen. Die Hälfte davon wird jetzt noch einmal in Dresden und Leipzig gezeigt.

Von Oliver Reinhard

Auch Frank Beyers Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug wurde 1965 beim „Kahlschlag“-Plenum des ZK der SED verboten.
Auch Frank Beyers Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug wurde 1965 beim „Kahlschlag“-Plenum des ZK der SED verboten.

© dpa

Kurt Maetzig war nicht irgendein Filmregisseur. Er war Defa-Star, DDR-Nationalpreisträger und vor allem „Vater“ der beiden Thälmann-Filme. Ermutigt durch das kulturelle Tauwetter Anfang der Sechziger wagte selbst er sich jedoch auch an weniger SED-Staatstragendes heran – und übte 1965 in „Das Kaninchen bin ich“ vorsichtige Kritik an der Alltagsrealität des Sozialismus in der DDR. Wohlgemerkt konstruktive Kritik; Kurt Maetzig wollte das System verbessern.

Sein neuestes Werk wurde im Dezember jenes Jahres sogar den Delegierten des 11. Plenums des Zentralkomitees in Ostberlin vorgeführt. Doch diese „Ehre“ war vergiftet. Die Parteiführung wollte das Kulturtauwetter beenden, kritische Werke sanktionieren und die Künstler wieder auf Linie bringen. Da kam ihnen der Star Kurt Maetzig als Abrechnungsobjekt gerade recht. „Eine solch primitive, italienische sozialkritische Masche kotzt mich an“, wetterte Konrad Naumann von der SED-Bezirksleitung Berlin auf dem Plenum gegen „Das Kaninchen bin ich“ und andere Filme. Was da vor sich gehe, sei eine „Schweinerei“, eine „ideologische Verwilderung“ und obendrein ein „Wirtschaftsverbrechen“. Weitere Redner wie Erich Honecker und Horst Sindermann taten es Naumann gleich.

Das Plenum wurde zum sorgfältig geplanten – und vorher von Moskau abgesegneten – Kahlschlag. Betroffen waren Literaten, Musiker und Theaterautoren wie Stefan Heym, Werner Bräunig oder Wolf Biermann, vor allem aber Regisseure und Drehbuchautoren. Die Partei verbot elf ihrer Arbeiten, fast die komplette Defa-Jahresproduktion. Filme wie „Spur der Steine“, „Wenn du groß bist, lieber Adam“, „Denk bloß nicht, ich heule“ und „Der verlorene Engel“ landeten im Giftschrank. Einer davon, „Ritter des Regens“, ist bis heute verschollen. Es waren allesamt Werke, die sich nur deshalb am Sozialismus rieben, weil sie ihn lebenswerter machen wollten.

Die Einschüchterung funktionierte. Viele der sanktionierten Künstler waren geschockt und desillusioniert, manche blieben es. Kurt Maetzig veröffentlichte einen Brief im SED-Zentralorgan Neues Deutschland und kroch darin zu Kreuze, zur Selbsterniedrigung. Von diesem Kahlschlag sollte sich die Kulturlandschaft der DDR nie wieder ganz erholen.

Zwar laufen manche Verbotsfilme spätestens seit 1989 vereinzelt im Fernsehen. Auf die große Leinwand schaffte es hingegen kaum einer mehr. Das wird sich zum 50. Jahrestag des Kahlschlag-Plenums ändern. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut veranstaltet zusammen mit dem Leipziger UT Connewitz und dem Programmkino Ost in Dresden eine Reihe mit insgesamt fünf einst gebannten Defa-Filmen: Frank Beyers „Spur der Steine“, Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“, „Karla“ von Hermann Zschoche, Gerhard Kleins „Berlin um die Ecke“ und „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher. Die Vorführungen starten am 14. September in Leipzig und am 16. September in Dresden mit „Das Kaninchen bin ich“. „Spur der Steine“ wird die Reihe am 28. Oktober in Dresden und am 2. November in Leipzig beschließen.

www.verbotsfilme.wordpress.com

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