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Montag, 24.07.2017

Eine Show der Lustlosigkeit

Früher galt Marilyn Manson als Schrecken des Establishments. In Dresden provozierte er nur mit blutleerem Spektakel.

Von Kai-Uwe Reinhold

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Marilyn Manson trat am Samstag in der Jungen Garde in Dresden auf - mit Null-Bock-Attitüde.
Marilyn Manson trat am Samstag in der Jungen Garde in Dresden auf - mit Null-Bock-Attitüde.

© Archivbild/dpa

Am Samstag stiegen im Raum Dresden die Zugriffe auf die Wetter-Apps. Kurz bevor der Einlass zum Woodstage Open Air in der Jungen Garde um 15.45 Uhr geöffnet werden sollte, versprach der wolkenverhangene Himmel trübe Aussichten für den Rest des Abends. Die Pessimisten sahen schon Schwarz, dass das Konzert, bei dem kein anderer als Marilyn Manson als Headliner auftreten sollte, ins Wasser fällt. Der Schockrocker hätte sich vielleicht darüber gefreut. Optimisten hingegen nahmen die düsteren Vorzeichen gelassen eher gelassen. Frei nach dem Motto: Es regnet sich jetzt aus, und dann ist eitel Sonnenschein.

Die Optimisten sollten recht behalten. Ab 17 Uhr gab nach und nach die Wolkendecke eine schöne Aussicht auf den Abend frei. Das tropische Klima ließ zwar die mühevolle Schminkprozedur, die so manche der 5 000 schwarzen Seelen auf sich genommen hatte, um es ihrem Helden gleichzutun, in ungewollt schreckliche Anblicke verlaufen. Aber ohnehin hübschte sich das Gros der Besucher eher pragmatisch monoton in schwarzen Shirts und Hose auf, anstatt im extravaganten Gothicstyle daherzukommen.

Vereint im Herzschmerz

Zur Feier der Wiederkehr des Schockrockers hatten einige Fans ihre ganze Familie im Schlepptau. Als Manson seine Hochzeit in den späten 1990er-Jahren mit legendären Alben wie „Antichrist Superstar“ und „Mechanical Animals“ hatte, wäre dies eine undenkbare Konstellation gewesen. Seinerzeit galt er als der Schrecken eines jeden Elternhauses, das seine Töchter und Söhne vor der vermeintlichen Inkarnation des Bösen bewahren wollte. Der Ruf der Schamlosigkeit und der Provokation eilte ihm voraus und ließ ihn zur Identifikationsfigur für jene werden, die gegen die Eltern und das Establishment aufbegehrten. Heute nehmen jene Eltern, die mit Manson groß wurden und ihm treu blieben, ihre Kinder zum Konzert mit. Anstatt zu spalten, verbindet der 48-Jährige die Generationen.

Es passte dann auch ins Bild, dass nach The Charm The Fury und den freizügig-fetischistisch gekleideten Grausamen Töchtern mit Megaherz eine Vorband auf die Bühne trat, die zwar den Fans richtig einheizte, aber zugleich verdeutlichte, dass die Provokation zum Showelement verkümmert ist. Es reicht nicht aus, martialisch mit Baseballschläger als Mikrofonhalter auf der Bühne zu posen oder die Gesichter in Schwarz-Weiß zu schminken, wie es bei den ganz bösen Black-Metal-Combos Usus ist. Wenn Form und Inhalt auseinanderklaffen, wirkt die Show einfach nur seltsam, um es vorsichtig auszudrücken. Songs wie „Für immer“ mit Texten wie „Wenn du gehst / Bleibt etwas hier / Unzerstörbar tief in mir / Schließ ich es ein in mein Herz / Für immer“ triefen vor Liebesschmerz und Sehnsuchtspathos, als ob sie aus der Feder von Matthias Reim stammten.

Krächzendes Belzebübchen

Zugegeben: Megaherz konnten mit einer richtig guten Abmischung und mit Soundeffekten auftrumpfen, die bisweilen an große Kinoerlebnisse erinnerten. Im Gegensatz zum Auftritt von Marilyn Manson. Kurz nach halb neun fiel der schwarze Vorhang. Der Herr und Meister der Provokation hockte auf einem riesigen Thron wie der Teufel, nur krächzte und kratzte er wie ein Belzebübchen in der Pubertät die ersten Songs „Revelation #12“ und „This Is The New Shit“ ins Mikrofon. Neu waren die Songs keineswegs, aber dass er zum großen Teil auf alte Stücke wie „The Beautiful People“, „The Dope Show“, „Coma White“ oder Eurythmics „Sweet Dreams“ zurückgriff, war noch das Beste seines Auftritts.

Mit einer Null-Bock-Attitüde schleppte, schlurfte und krabbelte Manson über die Bühne, schwang gelangweilt Slips und BHs, die für ihn auf der Bühne landeten, klatschte ab und an mit den Fans ab, trat mit schöner Regelmäßigkeit seinen Mikrofonständer um und entdeckte, dass Mikrofone auch Geräusche machen, wenn sie auf den Boden geworfen werden. Je länger das 90-minütige Konzert dauerte, desto besser wurde zwar seine Stimme, aber umso mehr Umbau- und Umkleidepausen wurden eingelegt. Netto spielte er knapp eine Stunde in der ausverkauften Jungen Garde, die er ohne Zugabe verließ. Freilich musste er noch einmal den Mikrofonständer auf den Boden schmeißen. Immerhin blieb sich Manson mit seiner Lustlosigkeit treu, die für ihn die letzte Möglichkeit zur Provokation zu sein scheint: Kein Bock auf Fotos, auf eine gute Show, auf Zugaben und scheinbar auch keinen Bock auf die Fans, die ihn trotzdem feierten. Sie hatten zum Glück keinen Bock, sich die Laune von Manson vermiesen zu lassen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 8 Kommentare

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  1. Yuri

    Wir können doch froh sein, dass er überhaupt auf der Bühne steht jetzt nach dem Tod seines Vaters. Das als Lustlosigkeit abzutun ist schon sehr pietätlos und zeugt von Desinteresse. Über Geschmack lässt sich streiten, vor Allem wenn man kein Anhänger der schwarzen Szene ist und darüber urteilen will (Manson war nie Goth!), aber dieser Artikel strotzt nur so von Lustlosigkeit vernünftige Recherche zu betreiben. Revolution #12 ist im Übrigen ein absolut neuer, unveröffentlichter Titel. Soviel zum Thema...

  2. Dresden123

    Bei dem Artikel wird einem ja schlecht. Komisch das Publikum hat sich die Laune nicht vermiesen lassen? Warum auch? Manson ist Gott sei Dank ein Mensch geblieben der auch mal schlechte Laune haben darf und nicht nur durch übertriebene Darstellung punktet. schade wenn man nicht in der Lage ist die Realität richtig wahr zu nehmen und nur mit übertriebenen Erwartungen einen Artikel pushen will.

  3. Dresden 456

    Manson hat sich zwar am Ende mit Pausen/ Zugaben über die Zeit gerettet, dass ist aber auch alles, was es zu beanstanden gibt.

  4. Matze

    Also ich hab den Eindruck es werden immer die selben Kritiker zu den Konzerten nach Dresden geschickt. Es war eine super Stimmung und da ich in den letzten Jahren einige Konzerte von ihm sehen durfte muss ich sagen, dass dieses eines der besten war. Natürlich gibt es bei einem Konzert immer auch "die Klassiker" die gespielt werden, aber dafür das das neue Album noch gar nicht auf dem Markt ist kamen doch recht viele neue Sachen. Vielleicht sollte der Herr Schreiber mal versuchen vorbehaltlos solche Shows zu besuchen. Ab und zu schadet es auch nicht sich Hintergrundinformationen zu besorgen bevor man so einen Artikel schreibt.

  5. Mein Name ist Jeff

    Ich denke eher , das derjenige der sich von ihrem Blatt die Show angesehn hat "keinen Bock" hatte . 4999 Leute feiern und haben einen tollen Abend , nur einer findet es doof ! Soll er das nächste mal zu Kollegah gehn da werden Fans von der Bühne Geprügelt . Wohl eher was für ihn . Selten so einen "kein Bock" artigen Artikel gelesen . in Zukunft habe ich keinen Bock mehr ihre Seite zu lesen .

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