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Donnerstag, 17.08.2017

Einblicke in Silbermanns Orgel-Kosmos

In Freiberg, wo der geniale Spezialist seine Werkstatt hatte, würdigt ihn erstmals eine Schau. Und jedermann darf orgeln.

Von Bernd Klempnow

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„An dieser Orgel kann sich jeder ausprobieren“, sagt Albrecht Koch, Organist und Chef der Silbermann-Gesellschaft.
„An dieser Orgel kann sich jeder ausprobieren“, sagt Albrecht Koch, Organist und Chef der Silbermann-Gesellschaft.

© Robert Michael

  • „An dieser Orgel kann sich jeder ausprobieren“, sagt Albrecht Koch, Organist und Chef der Silbermann-Gesellschaft.
    „An dieser Orgel kann sich jeder ausprobieren“, sagt Albrecht Koch, Organist und Chef der Silbermann-Gesellschaft.
  • Historisch eingerichtete Schauwerkstatt mit Plüsch-Gottfried, aber echten Pfeifen aus Holz und Metall.
    Historisch eingerichtete Schauwerkstatt mit Plüsch-Gottfried, aber echten Pfeifen aus Holz und Metall.
  • Gutes Holz und walzbares Metall – mehr brauchte der Orgelbauer nicht – das Werkzeug zeigt es.
    Gutes Holz und walzbares Metall – mehr brauchte der Orgelbauer nicht – das Werkzeug zeigt es.
  • Genial musste der Orgelbauer Silbermann trotzdem sein.
    Genial musste der Orgelbauer Silbermann trotzdem sein.

Er ist der Mann ohne Gesicht, aber sein Name hat einen guten Klang in vielen Ohren: Gottfried Silbermann. Es gibt kein Porträt von ihm, aber 31 erhaltene Orgeln von ihm, seinen Mitarbeitern und Söhnen machen Sachsen zu einer der reichsten und schönsten Orgellandschaften der Welt. 45 dieser Königinnen, darunter die genialen im Dom St. Marien und in der Stadtkirche St. Petri von Freiberg entstanden in seiner Werkstatt am heutigen Schlossplatz 6 der Stadt. Und dort öffnet am Sonnabend die erste Ausstellung über Gottfried Silbermann (1683 – 1753) an authentischem Ort. In jenem Haus lebte und arbeitete er ab 1711, als er vom Freiberger Rat für die Dom-Orgel auch freie Kost und Logis zugesichert bekam. Später mietete er das Gebäude, und auch nach seinem Tod bestand die Werkstatt weitere 70 Jahre.

Als die Bank auszog, flossen Spenden

Jahrhunderte war das 1601 errichtete Gebäude Wache, Werkstatt, Eichamt, Schule, Zigarettenfabrik und Wohnhaus – bis es vor wenigen Jahren für eine Bank saniert und umgebaut wurde. Immerhin konnte 1999 auch die Gottfried-Silbermann-Gesellschaft als Ausrichter des Internationalen Orgelwettbewerbes und der Silbermann-Tage ins Haus mit einziehen. „Doch der langfristige Mietvertrag mit der Bank ließ die Vision eines Silbermann-Museums an diesem Ort unwahrscheinlich erscheinen“, sagt Albrecht Koch, der Präsident der Gesellschaft und Domkantor.

Und doch wurde es möglich. Die Bank zog überraschend aus, die Stadt Freiberg fand an diesem wohl wichtigsten Platz der Kommune ideale Räume für die Tourist-Information und die Kasse des Mittelsächsischen Theaters. Die Silbermann-Gesellschaft durfte im Erdgeschoss fünf Räume für eine aufzubauende Schau nutzen. „Rund 8 000 Euro brauchten wir für die Umsetzung des Konzepts, die Klangwelt Silbermanns darzustellen“, so Koch. Innerhalb weniger Monate kamen 20 000 Euro über Crowdfunding zusammen.

Freibergs Silbermann das ganze Jahr

Das Ergebnis revolutioniert die Museumswelt nicht. Aber es gibt in einer Art und Weise, wie es bislang auch das kleine Silbermann-Museum in Frauenstein nicht vermochte, Einblicke in diesen Kosmos des bedeutendsten Orgelbauers Mitteldeutschlands im Barock. Eines Mannes, dessen Wirkungsgebiet zeitlebens regional eingeschränkt blieb, dessen Werk aber schul- und stilbildend war. Die Bauweise und Funktion der Orgel wird präsentiert, sie ist zu hören und selbst auszuprobieren. Und: War die Silbermann-Gesellschaft bislang nur mit Veranstaltungen in der Öffentlichkeit präsent, ist sie es jetzt auch mit der Schau – ganzjährig. „Für uns ist das ein Quantensprung“, sagt Koch: Und die Größe der Schau soll erst der Anfang sein. Der Präsident hat schon Erweiterungspläne.

Was ist zu erleben? Im einzigen original erhaltenen Raum mit Wandbeschriftungen von 1601 und dem Schlussstein ist ein Silbermann-Zimmer eingerichtet. Der Raum bietet Platz für Vorträge und kleine Konzerte. Während der Ausstellungsöffnungszeiten werden hier Filme gezeigt.

Daneben, in einer teilweise herzig eingerichteten Schauwerkstatt, zeugen Werkbänke, Werkzeuge und Materialien vom Können der Orgelbauer. Die Achtung vor deren Kunstfertigkeit steigt noch, wenn man diese einfachsten Mittel sieht, die ihnen zur Verfügung standen. Zugleich ist es gut zu wissen, dass Silbermann so gut verdiente, dass er vergleichsweise viele Mitarbeiter hatte, darunter welche, die auf Holz oder Metall spezialisiert waren. Hier in der Werkstatt können Kindergruppen nach Anmeldung selbst Holzpfeifen und andere Instrumente basteln.

Der Clou freilich ist der Orgel-Raum. In ihm wird virtuell, anhand einer Pfeifenauswahl und an Modellen erläutert, wie eine Orgel im Detail funktioniert. Der Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider baute dazu auch ein Modell nach Silbermann’scher Bauart mit zwei Registern und anderthalb Oktaven, in dessen Inneres man hineinschauen kann. Im Kleinen kann man hier die Komplexität des großen Instruments nachvollziehen – von der Windanlage über die Klangerzeugung bis zur mechanischen Steuerung. Wer das halbwegs verstanden hat, wird umso tiefer seinen Hut vor Silbermann ziehen. Und jedermann kann diese Orgel selbst ausprobieren. Es ist nur ein Blasebalg zu treten und am kleinen Spieltisch Platz zu nehmen. Ob nach Noten, aus dem Kopf oder improvisierend orgelnd – wann und wo kann ein Laie schon mal Silbermann zum Klingen bringen?

Klangbeispiele und kurze Filme sollen in einem Exra-Raum Lust machen, die historischen Orgeln Gottfrieds und seiner Söhne in ihrer ganzen Pracht auch live zu erleben. Eine interaktive Karte zeigt alle Standorte der erhaltenen Instrumente in der Region an. Und ein jeder wird Wilhelm Friedemann Bach zustimmen, der schon 1736 formulierte: „Berühmter Silbermann! … Dein Ruhm wird ewig bleiben, den DU durch Deine Kunst mit gantz geschickter Hand bereits erworben hast in unserm Sachsen-Land.“

Die Schau im Silbermann-Haus ist mittwochs bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt drei Euro, Jugendliche unter 18 Jahre haben freien Eintritt.

Eröffnung der Ausstellung am 19. August von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt an dem Tag ist frei.

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