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Donnerstag, 21.01.2016

Ein todsicheres Geschäft

Jeffrey Jampol ist Professor für Popkultur. Sein Nebenjob: Er führt die Geschäfte verstorbener Künstler und macht damit Millionen.

Von Marcel Anders

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Rap-Ikone mit hohem Vermarktungspotenzial: Auch 2Pac gehört zu den Klienten von Manager Jeffrey Jampol. Der Kalifornier vermarktet tote Stars wie Jim Morrison, Janis Joplin und  Michael Jackson.
Rap-Ikone mit hohem Vermarktungspotenzial: Auch 2Pac gehört zu den Klienten von Manager Jeffrey Jampol. Der Kalifornier vermarktet tote Stars wie Jim Morrison, Janis Joplin und Michael Jackson.

© AP

  • Rap-Ikone mit hohem Vermarktungspotenzial: Auch 2Pac gehört zu den Klienten von Manager Jeffrey Jampol. Der Kalifornier vermarktet tote Stars wie Jim Morrison, Janis Joplin und  Michael Jackson.
    Rap-Ikone mit hohem Vermarktungspotenzial: Auch 2Pac gehört zu den Klienten von Manager Jeffrey Jampol. Der Kalifornier vermarktet tote Stars wie Jim Morrison, Janis Joplin und Michael Jackson.
  • Jeffrey Jampol Foto: dpa
    Jeffrey Jampol Foto: dpa

Je älter die Popmusik wird, desto mehr Protagonisten gehen von uns – und deren Erben benötigen kompetente Nachlassverwalter. Wie Mr. Jampol, der in den späten 70ern als Manager von Indie-Bands begann, Ende der 90er Uni-Dozent in Los Angeles wurde und 2003 die Geschäfte der Doors übernahm. Mit Erfolg: „Als ich eingestiegen bin, verkauften sie 300 000 bis 350 000 Alben im Jahr, und die Zahlen gingen ständig zurück“, sinniert der große, bullige Mann in seinem Büro am Sunset Boulevard. „Doch nach einigen Umstellungen waren es plötzlich anderthalb bis zwei Millionen. Und die Merchandise-Umsätze wuchsen sogar um 800 Prozent. Da dachte ich mir: Wenn das bei Jim Morrison funktioniert, warum nicht auch bei anderen?“

Die Geburt einer genialen Geschäftsidee: Jeffrey Jampol erkannte das Potenzial verstorbener Rockikonen, die sich nicht – wie aktive Künstler – über Radio, TV oder Tourneen vermarkten lassen, sondern ausschließlich über ihren Namen, ihre Songs und ihr Image. Herausstellungsmerkmale, die zugleich ihre Bedeutung innerhalb der Popkultur definieren: Die Ramones als Pioniere des Punk, die Doors als Rebellen der 60er und Janis Joplin als erste offen bisexuelle Sängerin der Rockgeschichte.

Womit Jampol vor allem junge Fans erreichen will, die diese Künstler erst jetzt entdecken. „Fast alle Plattenfirmen, die mit Archivkatalog arbeiten, konzentrieren sich auf Hardcorefans, die leicht zu begeistern sind“, rezitiert er mit kräftiger Stimme und gesundem Selbstbewusstsein. „Gleichzeitig ist diese Gruppe aber sehr überschaubar und somit kein Vergleich zu potenziellen neuen Konsumenten. Die erreicht man nicht mit Teil drei der größten Hits in einer neuen Reihenfolge, sondern da muss man sich etwas einfallen lassen.“ Tatsächlich verzichtet der 57-Jährige auf Handelsübliches wie T-Shirts, Baseballkappen und Kaffeebecher, um stattdessen auf High-End-Produkte zu setzen: Qualitativ hochwertige, aber kostspielige Boxsets, Fotoalben und Biografien. Im Falle von Janis Joplin hat er mit „Made For Pearl“ sogar eine Modelinie entwickelt, die Original-Outfits der Sängerin von angesagten Designern nachschneidern lässt. Und er hat der Hippie-Ikone ein Musical nebst Biopic gewidmet. Letzteres lief 2015 unter dem Titel „Little Girl Blue“ in den USA an, erhielt überschwängliche Kritiken und läuft jetzt auch in deutschen Kinos. „An dieser Dokumentation habe ich fünf Jahre gearbeitet“, verrät der Manager. „Mit solchen Projekten verdient man kein Geld.“ Sie dienten nur dazu, den Künstler ins rechte Licht zu rücken und den Leuten nahezubringen, wer Janis Joplin war und wofür sie stand. „Also auch, dass sie Heroin gespritzt hat. Denn das hat sie – und das thematisiere ich. Nur so lassen sich ihre Persönlichkeit und ihre Magie korrekt vermitteln. Fängt man dagegen an, ihre Geschichte zu verändern, um eine pflegeleichte Version zu kreieren, kann man das Ganze nur ruinieren.“

Ob Jampol seine Künstler genau so vertritt, wie sie sich das gewünscht hätten, kann er indessen nicht belegen. Sein Motto, das er sehr ernst nimmt, lautet jedoch „to protect and serve“ – schützen und dienen. So lässt er keine Lizenzierungen für Werbespots zu, keine posthumen Duette mit aktuellen Popstars und schon gar keine Hologramm-Auftritte. Ein idealistisches Vorgehen, mit dem er in Zeiten der kriselnden Musikindustrie Umsatzrekorde aufstellt und das ihm ein halbes Dutzend Mitarbeiter sowie eine Villa in den Hollywood Hills beschert.

Folglich kann er sich leisten, wählerisch zu sein. So hat er die Nachlässe von Whitney Houston und Frank Sinatra dankend abgelehnt. Nicht aus Snobismus, sondern weil sie nicht in sein Konzept passen. „Es muss genug von dem vorhanden sein, was ich als geistiges Eigentum bezeichne.“ Das habe er erkannt, als er sich mit dem Nachlass von Judy Garland befasste. Denn ihre Aufnahmen gehören Capitol Records, und sie hat nicht einen Songs selbst geschrieben – wie viele Künstler ihrer Zeit. Einschließlich Sinatra. „Sie hat auch keine Rechte an Dorothy aus dem ,Zauberer von Oz’, die beim Filmstudio liegen. Und das ist das Problem bei Schauspielern und Athleten – sie besitzen nur ihren Namen.“

PR-Aktion zur Imagepflege

Neben den Ramones, den Doors und Janis Joplin gehören auch Michael Jackson, Rapper 2Pac, Reggae-King Peter Tosh und Soul-Legende Otis Redding zu Jampols Portfolio. Künstler, die ihm von Erben und Nachlassverwaltern angetragen werden, weil er längst einen hervorragenden Ruf genießt – als Musikliebhaber und Geschäftsmann. So plant er für 2016 eine aufwendige PR-Aktion zur Imagepflege von Skandal-Nudel Rick James. „Rick war der unverfrorenste Rockstar aller Zeiten. Ihm war egal, was andere über ihn dachten. Und deswegen haben ihn die Leute geliebt – weil sie davon träumen, wie er zu sein. Dieser Typ stand für Nutten, für Koks und Partys rund um die Uhr. Und sich um ihn zu kümmern, ist ein Riesenspaß.“ Zumal es da keine Grenzen geben würde. „Wir beginnen mit einem Kinofilm und einer Überarbeitung seiner Alben. Außerdem habe ich den Spruch ,I’m Rick James, bitch’ für Merchandise-Artikel schützen lassen.“ Ideen, die Jampol eine Menge Publicity und neue Kunden einbringen dürften. Denn: Gestorben wird immer – und die Nische, die er entdeckt hat, garantiert ein todsicheres Geschäft.

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