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Montag, 04.12.2017

Ein Schlachthof voller Flötentöne

Von Nadine Franke

Wenn das Schlagzeug es zuließ, war Schandmaul Thomas sogar zu hören.
Wenn das Schlagzeug es zuließ, war Schandmaul Thomas sogar zu hören.

© Ronald Bonß

Jeder Musiklehrer wäre am Samstagabend auf seine ehemaligen Schüler stolz gewesen: War es doch im Unterricht immer mühsam, die Kinder beim Kanon zum Mitmachen zu bewegen. Wenn allerdings Schandmaul-Sänger Thomas Lindner in Dresden zum gemeinsamen Singen auffordert, stimmt die gut gefüllte Halle fröhlich mit ein. Laut schallt das französische Kinderlied „Bruder Jakob“ durch den Alten Schlachthof. Vom Publikum im Chor gesungen. Dreistimmig.

So etwas kann es nur auf Mittelalter- und Folk-Rockkonzerten geben. Es geht nicht nur um Musik, sondern vor allem um Spaß und Feiern. Nicht umsonst lädt die sechsköpfige Band aus dem Münchner Raum zum Tanzen in der „Walpurgisnacht“ ein. Und selbst wenn Lindner in einem Lied erklärt, „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“, antwortet das Publikum auch nur einstimmig: „Na und?“

Schandmaul versteht es, seine Fans in Bewegung zu bringen. Obwohl das nur bedingt über die schlechte Akustik hinwegtröstet. Jedes Mal schluckt das zu laute Schlagzeug Lindners melodische Stimme. Die Texte sind stückweise kaum zu verstehen. Dabei sind sie es, die die Zuhörer in das Mittelalter zurückreißen, erzählen sie doch auch Geschichten von Spielleuten, Königen und Narren.

Aber Schandmaul sind eben nicht bloß Gesang. Es funktioniert trotzdem, nur dass dieses Mal das Zusammenspiel von Flöte und Geige den Abend trägt. Birgit Muggenthaler-Schmack beeindruckt, sei es an ihren Flöten, dem Dudelsack oder mit Gesang. Das Flötenspiel dominiert das Konzert. Aber auch Lindner zeigt, wie bewegend er seine Stimme einsetzen kann, wenn Gitarren und Schlagzeug einmal schweigen. An dem Klavier, in Nebel gehüllt und von seinen Bandmitgliedern umgeben, singt er das mit Abstand ergreifendste Lied der Band: „Euch zum Geleit“ ist dem echten Abschiedsbrief einer Frau nachempfunden, die nach ihrem Tod den Hinterbliebenen durch die Trauer hilft.

So erzeugt Schandmaul Gänsehaut, bevor die Band mit dem nächsten Flötenspiel zum Tanz bittet. Das Publikum, für ein Folk-Konzert erstaunlich durchmischt, feiert gemeinsam. Viele aus der schwarzen Szene sind gekommen, etliche in Mittelaltergewandung, andere wiederum scheinen eher Unheilig-Fans zu sein; vielleicht sind sie angelockt worden, als Schandmaul 2016 beim letzten Konzert des Grafen auf Dresdens Elbwiesen als Vorband auftrat.

Der Winter ist für Düster-Musiker

Es war nicht der letzte Dezemberabend mit Folkmusik im Alten Schlachthof: Der Winter scheint die Düster-Musiker enorm anzuziehen. Wenn es kalt und dunkel draußen wird, kommen auch die Spielleute von der Straße. Mit dem Sommer gehen die Mittelaltermärkte und Festivals vorüber. Komponieren und Studioaufnahmen scheinen dem Frühling vorbehalten – also beben die Bühnen im Winter. Vielleicht ist aber auch gerade das einfache Spielmannsmanier. Früher verkrochen sie sich für etwas Wärme in Wirtshäusern, heute fiedeln sie in Konzerthallen. In Dresden haben Versengold bereits im November den Anfang gemacht, am kommenden Sonnabend bringen Corvus Corax den Fluch des Drachen, einen Tag vor Weihnachten bespielen Subway to Sally ihre jährlichen Eisheiligen Nächte. Und im November nächsten Jahres geht‘s mit Saltatio Mortis weiter.

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