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Samstag, 18.11.2017

Ein Porträt als Brandstifter?

Kann Kunst Verderben bringen? Tony Franz spinnt eine merkwürdige Geschichte in fein gestrichelten Bleistiftzeichnungen weiter.

Von Birgit Grimm

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Wer in der Ausstellung von Tony Franz nicht nur die vom Künstler genähten Vorhänge, sondern vor allem dessen Zeichnungen bewundern und die ganze Wahrheit erfahren will, muss selbst aktiv werden.
Wer in der Ausstellung von Tony Franz nicht nur die vom Künstler genähten Vorhänge, sondern vor allem dessen Zeichnungen bewundern und die ganze Wahrheit erfahren will, muss selbst aktiv werden.

© Robert Vanis

Darf ich? Oder bekomme ich dann Ärger mit der Museumsaufsicht? Die Besucher im Projektraum der Städtischen Galerie Dresden sind unsicher. Jeder wartet darauf, dass der andere sich traut, die Vorhänge zurückzuziehen und nachzuschauen, was dahinter ist. Tony Franz, der Künstler, der hier ausstellt, ist als Zeichner bekannt. Aber er hängt seine Zeichnungen nicht einfach gerahmt an die Wand, sondern komponiert sie in Rauminstallationen zu einer oft schrägen, aber fesselnden Geschichte, die irgendwo irgendwann passiert ist. Dass der 32-Jährige, der an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste studierte und jetzt in Leipzig lebt, auch nähen kann, war nur Eingeweihten bekannt. Also Vorhang auf, das Spiel beginnt!

Mysteriöse Brandserie

Diese Geschichte hier dreht sich um ein weinendes Kind, dessen süßes Porträt einst viele Menschen in ihren Wohnzimmern hatten. Es wurde zu einem Horrorbild. Vierzig Wohnhäuser, in denen dieses Bild hing, gingen in den 80er-Jahren in England in Flammen auf. Eine mysteriöse Brandserie war das, denn die Feuerwehrleute retteten aus den Aschehaufen immer nur dieses Bild des weinenden Jungen. Ein Feuerwehrmann sagte in einem Interview, dass er sich dieses Bild niemals ins Haus holen würde.

Die Boulevardzeitung The Sun forderte schließlich ihre Leser auf, sich von diesen Kinderbildern zu trennen: „Send them to us“, schickt sie her. Das ist auch der Titel der Ausstellung. Die eingesandten, meist billigen Drucke auf Sperrholzplatten wurden eingesammelt, um sie zu verbrennen. Dabei stellte sich heraus, dass sie nur schwer entflammbar waren. Das Mysterium löste sich materialtechnisch in Rauch auf. Zog nun Ruhe ein, war der Fall gelöst? Mitnichten! Jahrzehnte später wurde im Internet erneut eine Debatte entfacht über diese verwunschene Kunst. Heiß diskutierte Frage im Jahr 2013: Kann dieses Bild einen Brand entfachen? Hat der Junge magische Kräfte? Auch um den Maler des Bildes, Giovanni Bragolin, rankten sich wilde Gerüchte. Gesicherte Informationen fehlten, also wurde spekuliert: War er der Vater des Jungen? Warum weint das Kind? Wurde es entführt? Misshandelt? Missbraucht?

All das wendet Tony Franz in Gedanken hin und her, während er die großen Formate mit dünnen Bleistiften zeichnet. „Ich muss mich beim Arbeiten doch in Laune halten“, meint er. Die in den Zeitläuften mehrfach verwandelten Bilder verwandelt er erneut. Mehrere Wochen, manchmal Monate, sitzt er meditativ strichelnd an einem Blatt und holt die Geschichte aus der Vergangenheit in die Gegenwart, aus der Virtualität in die Realität. Wer in der Ausstellung den Vorhang öffnet und sich gedanklich in die großen Formate hineinzoomt, wird Schicht für Schicht die Überlagerungen abtragen können – sofern er sich nicht verführen lässt. Tony Franz hilft dabei, indem er in seinen Zeichnungen den Inhalt peu à peu verschwinden lässt. Das Kinderbild, von dem er eine vierteilige Serie mit unterschiedlich harten Bleistiften aufs Papier brachte, verblasst.

Daffy Duck als Platzhalter

Was ist Wahrheit? Was ist Fake? Was ging verloren? Was kam hinzu? Die Lettern auf den Zeitungsseiten von damals sind überlebensgroß, aber die Texte sind nur mühsam zu lesen. Hier ziehen Schlieren übers Blatt. Dort ist Daffy Duck, der chaotische Vogel mit der lispelnd-feuchten Aussprache, gnadenlos tollpatschig drübergelatscht. Wie kommt er überhaupt in diese Geschichte? „Daffy Duck ist so absurd, dass er der perfekte Platzhalter für meine Idee ist“, sagt der Künstler.

Tony Franz macht keine politische Kunst, auch keine Medienkritik. Er beobachte und zeichne das Gefühl, das entsteht, wenn man über Politik nachdenkt, sagt er. Es geht um die Macht des Bildes und um die Verführbarkeit des Publikums, das gern wissen möchte: Was wurde aus dem Jungen? Auch dazu findet sich im Internet eine Geschichte. Es heißt, er wurde nur 19 Jahre und kam bei einem Autounfall ums Leben. Er verbrannte.

Tony Franz, „Send them to us“, bis 11. Februar 2018 im Projektraum der Städtischen Galerie Dresden im Landhaus, Wilsdruffer Straße (Eingang Landhausstr.). Geöffnet Di – Do, Sa/So 10-18 Uhr, Fr 10-19 Uhr

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Ute Hentschker-Ott

    Ich war zur Ausstellungseröffnung: Megainteressante Ausstellung, tiefgründig, macht sehr nachdenklich im positiven Sinne. Und künstlerisch : Hochachtung! Weiter so!

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