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Ein Pfälzer für Europa

Erst nach dem Tod Helmut Kohls trauen sich die Deutschen, seine Tugenden anzuerkennen.

23.06.2017
Von Werner J. Patzelt

er für Europa
Der Politikwissenschaftler Professor Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Es wundert nicht, dass nach Helmut Kohls Tod allenthalben Rühmliches über den Altkanzler zu lesen ist. Sogar der taz bekam es nicht gut, seiner im alten Kampf- und Verachtungsmodus zu gedenken. Wahrscheinlich wirkt da nicht allein der Grundsatz, vor allem Gutes über Tote zu sagen. Sondern viele werden inzwischen bemerkt haben, wie groß Kohls Verdienste um Europa und um Deutschland sind.

Gut hätte es dem alten Kanzler gewiss getan, wäre noch zu seinen Lebzeiten vernehmbar geworden, wie anerkennend ihn auch frühere Gegner einschätzen. Und dem für Friedensnobelpreise zuständigen Komitee hätte es noch besser angestanden, nicht nur die Europäische Union, sondern auch Helmut Kohl als einen ihrer großen, erfolgreichen Baumeister auszuzeichnen – zumal nach der Würdigung eines gerade erst ins Amt gekommenen US-Präsidenten für nichts weiter als sein Charisma. Solche Blindheit, ja, Lust am demonstrativen Verweigern angemessenen Respekts darf alle besorgt machen, die redliche Urteile und guten Willen für unersetzliche Ressourcen freiheitlicher Demokratie halten.

Wie war es eigentlich möglich, den Modernisierer von Rheinland-Pfalz glaubhaft als rückständigen Trottel auszugeben? Den seit Menschengedenken erfolgreichsten Vorsitzenden einer deutschen Partei als politischen Nichtskönner? Den jahrzehntelang allen hämetrunkenen Medienangriffen trotzenden Leitwolf als kaum mehr denn einen vollgefressenen Saumagenfreund? Den auf internationaler Bühne geachteten, nachhaltiges Vertrauen stiftenden Kanzler als peinlichen Provinzler? Den Einiger nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas als nationalistischen Revisionisten? Den Staatsmann als bloßen Gorbatschow-Profiteur, obendrein als üblen „Don Kohleone“? Den kundigen Leser historischer Literatur als intellektuellen Versager?

Das so lange zum guten Ton gehörende verächtliche Reden über Helmut Kohl lehrt wohl mehr über das juste milieu unseres Landes als über jenen Pfälzer, für den Heimatverwurzelung und Weltläufigkeit eng zusammengehörten. Der auch – zum Leidwesen nicht nur Margaret Thatchers, sondern auch vieler Landsleute – so ganz und gar deutsch war. Es litt wohl mancher gerade am eigenen Land und an dessen Kultur, wenn er an Kohl zu leiden glaubte. Möge das nun ebenfalls zur Geschichte werden!