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Freitag, 07.04.2017 Unterwegs beim Filmfest

Ein Land in Trümmern

Der „Fokus Syrien“ ist derzeit wieder aktueller denn je. Er glänzt mit Einsichten auch in eine Zeit lange vor dem Krieg.

Von Christina Wittich

Was wirklich schön wäre: Die Welt wäre ein wenig kühler, emotional betrachtet. Lieber ein bisschen mehr wie die Video-Komposition „Aanaatt“ von Max Hattler, die trotz aller Coolness eine große Liebe zur Schönheit der Alltagsdinge beweist. Man wünscht sich „Aanaatt“ beim Lesen der Nachrichten dieser Tage – Giftgas-Angriff in Syrien, Kinder, die ersticken, Tote und Verletzte – und später auch als Nervenbalmsam vor und nach dem Sonderprogramm „Fokus Syrien“.

Es ist, als legt sich die Wirklichkeit über diesen Schwerpunkt und macht ihn damit noch schwerer zu ertragen, als er angesichts eines bereits sechs Jahre andauernden Krieges sowieso schon ist. Im Foyer des Societätstheaters steht ein Wachmann, bullig, groß und verloren. Für das „Panel Syria“ ist er abgestellt. Warum genau, weiß er nicht. Nicht besonders viele Zuhörer finden sich ein zur Diskussion mit vier syrischen Filmemachern, alle seit Jahren im Exil lebend. Jeder mit seiner eigenen Art, das Leiden in der Heimat zu betrachten.

Zaina Erhaim fällt auf, eine lebendige, kraftvolle, junge Frau, die ihresgleichen porträtiert. Mit „Ahed“ ist sie vertreten im „Fokus Syrien 3“. „Frauen kommen in der syrischen Geschichte nicht vor und in den Nachrichten nur als Opfer und Trauernde“, sagt sie. Sie habe das ändern und für die Nachwelt dokumentieren wollen, dass auch Frauen aktiv ihren Teil zur Revolution beigetragen haben.

Wenigstens erinnern sollen sich die Menschen. Dass Kunst und Film etwas bewirken können in einer Gesellschaft, bezweifelt Alfoz Tanjour. „Brücken bauen ja, aber nichts verändern“, sagt er. Kunst und Kultur schrecken vor allem Regimes auf. Auch in seinem Film „A little Sun“, dessen editierte und von der Zensur genehmigte Version auf dem Festival läuft. Dass ein Schriftsteller darin festgenommen wird, weil er die Machthaber kritisiert, gefiel nicht den realen Machthabern, die darum dem Filmemacher drohten. Welche Ironie.

Das Panel zieht sich träge streckenweise. Es mag an der Übersetzung liegen, die zum Teil mit drei Sprachen jongliert. Die Filmemacher wirken müde. Ihr Reden stoppen nicht die Bomben. Die Heimat, wie sie Omar Amiralay, Ossama Mohammed, Mohammed Malas oder sogar die Defa im Film festgehalten haben, gibt es nicht mehr. Was sie kannten, liegt in Trümmern. Zaina Erhaim stattet inzwischen Bürgerreporter mit Wissen und Technik aus. Sie sollen den Krieg dokumentieren. Das Bild, sagt sie, sei immer noch eine starke Waffe.