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Freitag, 18.03.2016

Ein Kosmos im Kleinen

Wundern und Staunen mit der SZ-Card: Was wusste Sachsen im 16. Jahrhundert von der Welt? Eine neue Dauerschau öffnet im Dresdner Schloss.

Von Birgit Grimm

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Zu schön fürs Depot! Die gedrechselten Elfenbein-Kunststückchen aus dem Grünen Gewölbe waren seit ewigen Zeiten nicht ausgestellt.
Zu schön fürs Depot! Die gedrechselten Elfenbein-Kunststückchen aus dem Grünen Gewölbe waren seit ewigen Zeiten nicht ausgestellt.

© Jürgen Lösel

  • Zu schön fürs Depot! Die gedrechselten Elfenbein-Kunststückchen aus dem Grünen Gewölbe waren seit ewigen Zeiten nicht ausgestellt.
    Zu schön fürs Depot! Die gedrechselten Elfenbein-Kunststückchen aus dem Grünen Gewölbe waren seit ewigen Zeiten nicht ausgestellt.
  • Zu filigran für die Gartenarbeit? Hacken mit herzförmigem Blatt und gedrechselten Griffen aus Obstbaumholz; 16.Jahrhundert.
    Zu filigran für die Gartenarbeit? Hacken mit herzförmigem Blatt und gedrechselten Griffen aus Obstbaumholz; 16. Jahrhundert.
  • Zu kostbar, um damit zu spielen? Die Brettspielkassette mit Holzintarsien von 1595 aus der Dresdner Rüstkammer ist auch ein Musikinstrument.
    Zu kostbar, um damit zu spielen? Die Brettspielkassette mit Holzintarsien von 1595 aus der Dresdner Rüstkammer ist auch ein Musikinstrument.
  • Zu asiatisch, um sächsisch zu sein? Das Becken kam im 16. Jahrhundert aus Indien nach Dresden.
    Zu asiatisch, um sächsisch zu sein? Das Becken kam im 16. Jahrhundert aus Indien nach Dresden.

Eine Hacke ist eine Hacke, eine Axt ist nur eine Axt und ein Spaten auch nur ein Spaten? Weit gefehlt. Das schönste Handwerkszeug, das man je sah und die wertvollsten Gartengeräte findet man im Dresdner Schloss. Wer in die Wunderwelt der Kurfürstlichen Kunstkammer eintaucht, die sich ab Sonnabend im Georgenbau auftut, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur, weil man das meiste davon noch nie gesehen hat. Für die neue Dauerschau „Weltsicht und Wissen um 1600“ haben die Rüstkammer und das Kunstgewerbemuseum, der Mathematisch-Physikalische Salon, das Grüne Gewölbe und das Kupferstich-Kabinett Forschungsreisen in ihre Depots unternommen und Schätze ans Licht geholt, die so überraschend und bezaubernd sind, dass man sich fragt, wie es möglich ist, dass sie so lange versteckt werden konnten.

Im traditionellen Kunstkammergrün führt die Schau zu den Wurzeln des sächsischen Staatsschatzes. Die liegen offiziell im 16. Jahrhundert, als Kurfürst August die Kunstkammer begründete. Spektakuläre Objekte aus exotischen Welten waren auch vorher schon nach Dresden gelangt.

August sammelte Hacken und Spaten, Stech- und Brecheisen, Feilen, Spielbretter, Musikinstrumenten, Kombinationswaffen, exotisches Getier. Er scheute sich nicht, selbst Hand anzulegen. Seine Gattin Anna soll eine fleißige Gärtnerin gewesen sein. Der Kurfürst hatte eine Werkstatt, ein sogenanntes „Reißgemach“. Er war Kunstdrechsler und Drahtzieher, Kartenreißer und Kernsetzer, er pfropfte und er malte. Seine Werkzeuge sind vom Feinsten und wurden hergestellt von den besten Schmieden und Kunsthandwerkern aus Nürnberg und Augsburg. Augusts Elfenbeindrechseleien sind hübsch, seine Malereien laienhaft. Unersättlich war seine Neugier auf fremde Welten.

Aber die Hauptsache: All diese Dinge aus dem 16. oder noch früheren Jahrhunderten sind in bewundernswert gutem Zustand erhalten: Die älteste Laubsäge. Die älteste Seife. Das zweitälteste Fernrohr. Werkzeug- und Kunstkammerschränke. Karten-, Trink- und Brettspiele. Kokosnuss und Straußenei. Elfenbein, zart gedrechselt oder geschnitzt. Olifanten, das sind Signalhörner. Eins, um 1500 gemacht aus dem Stoßzahn eines Elefanten mit Szenen darauf, die Europäer bei der Safari in Afrika zeigen. Ein anderes, geschnitzt aus einem arktischen Walrosszahn. Das legendäre Horn des Einhorns. Verblüffende Waffen, mehr Spielzeug als Kriegsgerät. Der Kalvarienberg. Originale Bauteile und Ausstattungsstücke der protestantischen Schlosskapelle in einem Raum, dessen Fenster zur katholischen Hofkirche hinausführen. Die Hauspostille Martin Luthers. Dieses kostbare Buch bleibt nur bis Montag aufgeschlagen in der Vitrine. SZ-Leser, die am Sonntag exklusiv mit der SZ-Card die neue Ausstellung besuchen, haben das Glück, diesen Einblick genießen zu dürfen. Nur für ein halbes Jahr ist die außergewöhnliche Serie der Kupferstiche von Jan van der Straet zu sehen. Der Flame zeigt in 19 Blättern epochale Erfindungen wie Brillen, Steigbügel, Buchdruck, Schießpulver und Guajakholz als Mittel gegen Syphilis.

Die neue Dauerausstellung in den privaten Wohnräumen der sächsischen Kurfürsten und Könige verknüpft Innen- und Außenwelt kongenial und ist bezaubernd schön. Sie wird nicht nur Kunstfreunde, sondern auch Handwerker begeistern. All die kuriosen Objekte und kurfürstlichen Werkzeuge haben Schlossdirektor Dirk Syndram und sein Team zu einer Welt der Wunder und des Wissens zusammengeführt, wie sie nur hier existieren kann.

Weltsicht und Wissen um 1600. Ab 19. März im Dresdner Schloss, geöffnet Mi – Mo; 10 – 18 Uhr

SZ-Leser können die neue Schau am Sonntag mit der SZ-Card besuchen (3 Euro, Eintritt für Kinder bis 17 Jahre frei). Tickets gibt es in den SZ-Treffpunkten.

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