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Dienstag, 17.04.2018

Ein Kontinent im Wind der Krise

Zum Jubiläum blickt das Filmfest in mehreren Programmen zurück auf „30 Jahre Europa“ und fragt sich: Hat das Projekt doch noch eine Chance?

Von Sven Pötting

Im griechischen Film „Die Kapsel“ müssen sieben junge Frauen auf einer einsamen Insel Lektionen lernen über Disziplin, Begehren, Entdecken und Verschwinden.
Im griechischen Film „Die Kapsel“ müssen sieben junge Frauen auf einer einsamen Insel Lektionen lernen über Disziplin, Begehren, Entdecken und Verschwinden.

© Filmfest

Die großen europäischen Träume, die nach dem Ende des Kalten Krieges kurzzeitig Gestalt annahmen, verwehen derzeit im kalten Wind der Krise. Europa ringt um seine Identität. Die Anziehungs- und Abstoßungskräfte des europäischen Gefüges spiegeln sich auch im Kurzfilm. In mehreren Programmen, die sowohl historische als auch aktuelle Perspektiven einschließen, blickt das Filmfest Dresden zurück auf 30 Jahre Europa.

„Die Zeit der Kunst ist eine andere als die Zeit der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ So sagte es der Dramatiker und Schriftsteller Heiner Müller im Jahr 1990. In den Filmen des Programms „Der Freiheit eine Gasse“ – etwa in Penelope Buitenhuis’ filmischem Tagebuch der Wende „Llaw“– werden diese Funken deutlich sichtbar, aber auch die Euphorie wird nachvollziehbar, die in Deutschland unmittelbar nach dem Mauerfall herrschte. Thomas Heise registriert dagegen die Agonie in der DDR in der Zeit zwischen Öffnung der Mauer und der Wiedervereinigung. Jochen Kuhn imaginierte etwa in „Die Beichte“ eine Zeit, in der die großen Ideologien durch Menschlichkeit besiegt sind.

Hat Europa noch eine Chance?

Das Programm „Grenzgebiete“ präsentiert ein Europa der gescheiterten Utopien und fragt sich, wo – in vielerlei Hinsicht – Europa beginnt und wo endet. Der Zerfall Jugoslawiens, der in Jasmila Žbanics „Geburtstag“ thematisiert wird, zeigt deutlich auf, dass eine Antwort auf diese Frage nur schwer möglich ist. Bernd Lützelers „Camera Threat“ bewegt sich zwar geografisch von unserem Kontinent weg, dokumentiert aber eindrücklich ästhetische Entwicklungen des Mediums Film in den vergangenen 30 Jahren und begibt sich in Grenzgebiete, in denen Fakt und Fiktion verschwimmen.

Dies ist gleichzeitig auch als Übergang zum Programm „Europe is falling apart“ zu verstehen. Die EU ist in den vergangenen Jahren durch populistische Diskurse schwer unter Beschuss geraten. Als Staatenunion wollte Europa ursprünglich dazu beitragen, Nationalismen zu überwinden. Später suchte man einen Kompromiss zwischen durchlässigen (Handels-) Grenzen und der Notwendigkeit, populären Anti-Immigrationsgefühlen entgegenzukommen. Es ist jener Strohhalm, an den sich diejenigen klammern, die eine vermeintlich sinkende Souveränität von Nationalstaaten beklagen.

Heute ist jede Balance längst verloren gegangen. Mit allen Mitteln wird versucht, die vielschichtige kontinentale „Festung“ Europa vor Eindringlingen zu schützen. Welche Konsequenzen dies hat, zeigt uns auf Makroebene etwa Laura Waddingtons „Border“, auf Mikroebene demonstriert es Adriano Valerio anhand einer Liebesgeschichte in „Mon Amour, mon Ami“. Doch trotz aller Law-and-Order-Maßnahmen gewinnen links- und rechtspopulistische Lager in Europa mehr und mehr an Zulauf. Die Filme des „Fokus Europa“ entlarven viele ihrer Diskurse als postfaktisch, geben Denkanstöße und stellen Fragen: Wie kann die politische Regression innerhalb der EU beendet werden? Und: Hat das Projekt Europa doch noch eine Chance?