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Dienstag, 05.12.2017

Ein Kinderbuchonkel wird entkitscht

Wer ist Erich Kästner? Mit sechs Jungen und Mädchen sucht das Staatsschauspiel Dresden nach einer Antwort auf diese Frage.

Von Rafael Barth

Erich Kästner, der 1899 in Dresden zur Welt kam, erlebte zwei Weltkriege. Vom Glauben an die Literatur blieb da kaum was übrig. Beeindruckend spielt Matthias Reichwald die Verzweiflung.
Erich Kästner, der 1899 in Dresden zur Welt kam, erlebte zwei Weltkriege. Vom Glauben an die Literatur blieb da kaum was übrig. Beeindruckend spielt Matthias Reichwald die Verzweiflung.

© Sebastian Hoppe

Er könnte Spaß pur haben. Könnte kopflos über die Bretter steppen mit Girls in Glitzerkleidern, wann, wenn nicht jetzt in den Goldenen Zwanzigern? Könnte wild flirten, lieben, die Welt ringsrum vergessen – aber er kommt einfach nicht los von der Mutti. Noch zwischen dem erwachsenen Erich Kästner und seinem „Muttchen“ passt kein Tag Schweigen.

So sieht man auf der großen Bühne im Kleinen Haus Dresden einen Kästner, der zwischen den Welten hin und her springt. Sieht ihn tanzen und sich an Damenleibern reiben, und im nächsten Moment schwingt er sich ans Mikro und erstattet der Mutter Rapport in Liebesdingen. Tendenz: unglücklich.

Wer ist Erich Kästner? Das ist die Leitfrage, die sich über die jüngste Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden spannt. Ein Schriftsteller, der mit Büchern wie „Emil und die Detektive“ Jungleser zu Recht begeistert? Oder ein Kinderbuchonkel mit Hang zum Seichten? Eine moralische Instanz? Einer, der in der Nazizeit zu laut schwieg? Eine Dresdner Literaturikone?

Weil alles ein bisschen und nichts so ganz stimmt, tut Regisseur Jan-Christoph Gockel das einzig Richtige. Sein eigenes, mit Originaltexten durchsetztes Stück „Parole Kästner!“ will keine schlüssige Antwort geben. Im Spannungsfeld aus heiteren und tragischen Linien entsteht das Bild einer Persönlichkeit voller Risse. Den großen Roman über die Hitlerjahre zum Beispiel: Kästner wollte ihn schreiben, als Zeitzeuge hatte er doch das Material beisammen. Aber er konnte es nicht. Und dann wollte er auch nicht mehr.

In einem dieser Aufmerkmomente steigt Kästner-Darsteller Matthias Reichwald aus einem Schacht, und erst jetzt sieht man, dass er minutenlang im Wasser stand. Bühnenbildnerin Julia Kurzweg hat gerade mal Mülltonnen und eine Wäschestange aufstellen lassen. Der nüchterne schwarze Raum ist wie gemacht für das Ziel, Kästner zu entkitschen.

Reichwald beherrscht beides in beeindruckender Weise: die Einfühlung in den Menschen und die Distanz zu ihm, gespeist aus Ironie und Kritik. So wenig Kästner einen Draht zu echten Kindern hatte, so wenig biedert sich der Schauspieler an bei den sechs Mädchen und Jungen auf der Bühne. Die kommen in Panzern auf die Bühne gerollt und tanzen putzig kostümiert als Dresdner Wahrzeichen. Dass die Kritik an Dresdens Selbstvernarrtheit auch schon etwas Selbstvernarrtes hat: geschenkt.

„Parole Kästner!“ leistet sich einen eigenen, unglamourösen Blick auf den beliebten Autor. Kästner wird nicht plump vom Sockel gerissen, sondern als Mensch erfahrbar in einem dynamischen Abend, der einen bis zuletzt packt.

„Parole Kästner!“: Wieder am 5., 17., 23. Dezember im Kleinen Haus, Dresden. Kartentel. 0351 4913555

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