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Mittwoch, 19.10.2016 CD-Tipp

Ein Fest für Ohr und Seele

Das Dresdner Festspielorchester und Solocellist Jan Vogler legen eine tolle „Originalklang-CD“ mit Hauptwerken Schumanns vor.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

In der taufrischen Schumann-CD von Jan Vogler und dem Dresdner Festspielorchester, die diese Woche erscheint, mit der spröden Sinfonie Nr. 2 und dem Cellokonzert, steckt ganz viel Dresden. Die C-Dur-Sinfonie hat Schumann hier komponiert, im Dezember 1845, nachdem er mit Familie ein Jahr zuvor hergezogen war. Auch das „Concertstück für Violoncell mit Begleitung des Orchesters“, das heute so beliebte A-Dur-Konzert, dürfte gedanklich hier gereift sein. Er schrieb es kurz nach seinem Weggang aus Dresden 1850 in recht kurzer Zeit nieder. Allerdings wurde das Konzert erst postum uraufgeführt und fristete lange ein Schattendasein. Heute gilt es als ein Juwel der Cello-Literatur.

Die Aufnahme ist auch durch die beteiligten Musiker „dresdnerisch“: Cellist Jan Vogler, vor seiner Solokarriere Orchestermusiker bei der Staatskapelle und seit 2008 Intendant der Musikfestspiele, etablierte 2012 das „Dresdner Festspielorchester“: Unter der Leitung des temperamentvollen Dirigenten Ivor Bolton erarbeiten sich seither alljährlich im Lenz etwa 50 Musiker aus namhaften Klangkörpern Europas Werke der Klassik und Romantik. Grundidee ist die lebendige, historisch kundige Annäherung an Spielpraxis und Klangbild zur Zeit der Entstehung. Nicht als Dogma, denn wir werden sowieso nie genau wissen, wie sich das damals angehört hat, sondern als vitaler Versuch, das Wesen dieser Musik und die Intentionen ihrer Schöpfer besser zu verstehen und zu vermitteln. Bei Beethoven und Schumann ist das Boltons bunter Schar ein ums andere Mal vorzüglich gelungen. Es ist wunderbar, dass diese freudvolle Arbeit nun erstmals auf CD dokumentiert wird.

Ganz leicht war das nicht. Sony Classical, bei denen Vogler unter Vertrag steht, ließen sich zwar für die Veröffentlichung gewinnen, bestanden aber wohl darauf, dass das Produkt in erster Linie als Vogler-CD vermarktet wird, mit ihm bildfüllend auf dem Cover und dem Orchester und Bolton nur im Untertitel – was der Sache nicht ganz gerecht wird. Auch war für die Aufnahme in der Dresdner Lukaskirche und die Produktion eine externe Finanzierung nötig. Die wurde über eine Crowdfunding-Aktion im Internet, mithilfe von Fans des Projekts und der Ostsächsischen Sparkasse Dresden gestemmt. Sei es, wie es sei – das Ergebnis ist ein Fest für Ohren und Seele, was dem bestens aufgelegten Solisten und dem fantastischen Originalklangorchester mindestens gleichermaßen zu danken ist.

Grandiose, kernige Annährung

Besser sogar noch als im gefeierten Abschlusskonzert der Festspiele im Juni 2016 in der Semperoper gelingt es Jan Vogler hier, auf seinem diesmal mit Darmsaiten bestückten Stradivari-Cello packende, mitunter raue Emotionalität und elegisch fließende Gesanglichkeit auszubalancieren. Das Orchester korrespondiert damit großartig. Geradezu hinreißend gelingt es dem Briten Bolton dann in der Sinfonie, das Widersprüchliche, den heftigen Konflikt von Schumanns Dialoggestalten Florestan und Eusebius, kontrastreich herauszustellen. Es ist die am wenigsten „romantische“ von Schumanns Sinfonien, er nannte sie einst „meine Jupiter“, huldigte aber neben Mozart auch Bach und Beethoven, und das ist bislang selten so klar und unverbrämt zu hören gewesen wie in dieser grandiosen, ungemein kernigen Einspielung.

CD: Schumann – Cellokonzert, Sinfonie Nr. 2; J. Vogler, I. Bolton, Dresdner Festspielorchester (Sony Classical)

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