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Freitag, 08.12.2017 Operngeflüster

Ein Enthusiast sollte ehrlich sein

Wie eine heikle Begegnung mit einem Fremden in Venedig doch zu einem guten Ende findet.

Von Donna Leon

Die Schriftstellerin Donna Leon, Liebhaberin von Barock-Musik, schreibt über Richard Wagner, dessen „Ring des Nibelungen“ im Januar in die Semperoper zurückkehrt. (Übersetzung: Werner Schmitz, Diogenes Verlag 2017)
Die Schriftstellerin Donna Leon, Liebhaberin von Barock-Musik, schreibt über Richard Wagner, dessen „Ring des Nibelungen“ im Januar in die Semperoper zurückkehrt. (Übersetzung: Werner Schmitz, Diogenes Verlag 2017)

© dpa

Als Mädchen weiß man einfach nie, was der nächste Tag für Abenteuer mit sich bringt. Allein schon die Neugier darauf, was das Leben bereithält, lässt einen morgens voller Vorfreude aus dem Bett hüpfen, mitten hinein ins menschliche Getümmel. Nicht anders erging es mir vor ein paar Jahren, als mich mitten im Februar herrlicher Sonnenschein weg vom Schreibtisch in die Gassen von Venedig lockte. Es war der Tag vor dem Valentinstag.

Ständig war es nass und kalt gewesen, und so wimmelte es von Leuten, die, wie ich, ihre vier Wände hinter sich gelassen hatten, um der Sonne guten Tag zu sagen. San Marco bot sich an als Ziel: Nachdem ich nachgesehen hätte, ob die Basilica noch an Ort und Stelle war, würde ich auf einen Kaffee zum Campo Santo Stefano weitergehen. Ich stand gerade vor einem Schaufenster in der Via XXII Marzo, als hinter mir eine Männerstimme fragte: „Entschuldigen Sie, sind Sie Donna Leon?“

Ich drehte mich um und erblickte einen stattlichen Mann in meinem Alter: In elegantem Anzug, Krawatte und einem dunklen, lässig über die Schultern gelegten Mantel stand er einen halben Meter von mir entfernt. Ich sagte, ja, die bin ich, worauf er mich so freundlich anstrahlte, dass ich unwillkürlich ebenfalls lächelte.

Er hielt eine langstielige rote Rose in der Rechten, und um das peinliche Schweigen zu brechen, das entsteht, wenn man einem Unbekannten gegenübersteht, fragte ich: „Sie sind zu Besuch in Venedig?“

Sein Nicken machte mir Mut. „Besuchen Sie Ihre fidanzata?“, fragte ich weiter. Die Frage schien ihn zu verwirren. Ich wies auf die Rose.

Er warf einen Blick darauf, als sehe er sie gerade zum ersten Mal. „O nein, nicht dafür.“

Was nun? Mir fiel kein anderer Grund ein, warum ein Mann mit einer roten Rose in der Hand durch Venedig spazieren sollte.

„Ach nein?“, sagte ich und hoffte, ihn mit meiner Frage nicht in Verlegenheit gebracht zu haben.

„Nein“, bekräftigte er, und seine Miene hellte sich noch mehr auf. „Die ist für mein Idol.“

Ich lächelte tapfer und sah mich verstohlen um, ob auch genug Leute in der Nähe waren, die mir notfalls helfen könnten.

„Ach, Ihr Idol“, wiederholte ich und machte einen kleinen Schritt rückwärts. Mir fiel ein, dass La Coupole schon geöffnet hatte, als ich daran vorbeigekommen war: Dort hinein könnte ich mich flüchten, falls er plötzlich zudringlich würde.

„Ja, heute ist sein Todestag“, erklärte er. „Ich komme jedes Jahr zum Todestag hierher und lege vor dem Casinò eine Blume für ihn nieder.“ Ich wollte schon einen weiteren Schritt zurückweichen, als die Wolken sich teilten und die Sonne auf uns herunter schien.

„Ach, dieses Idol“, sagte ich erleichtert und nun in Sicherheit. „Dort, wo er gestorben ist.“

„Ja“, sagte der Mann, und Trauer verdunkelte seine Miene.

„Und warum tun Sie das?“, erkundigte ich mich höflich.

„Ich bin Präsident der Internationalen Wagner-Gesellschaft“, stellte er sich vor, nahm die Rose in die Linke und reichte mir die Rechte. Ich schüttelte ihm die Hand, erfreut, einen Menschen zu treffen, der seine Leidenschaft lebte, ja, die Musik und ihren Schöpfer so sehr liebte, dass er jedes Jahr eigens hierherkam. „Sind Sie sehr traurig?“, fragte ich.

„Nein“, sagte er und schüttelte mit Nachdruck den Kopf. „Uns bleibt ja die Musik.“ Allerdings, dachte ich, uns bleibt die Musik. „Ich finde das großartig von Ihnen“, sagte ich mit aufrichtiger Bewunderung.

„Lieben Sie Opern?“, fragte er.

„O ja. Sehr.“ Und da ein Enthusiast dem anderen gegenüber ehrlich sein sollte, fügte ich hinzu: „Opern sind mein Ein und Alles.“

Verständlicherweise deutete er dies so, dass ich mich für dieselbe Art von Opern begeisterte wie er selbst. „Oh, würden Sie gern zu den Festspielen kommen?“, rief er aus.

Ich musste sofort an meine beste Freundin Peggy denken, eine passionierte Wagnerianerin, die regelmäßig in die Oper ging und seit gefühlt einem Jahrzehnt auf der Warteliste für Bayreuth stand. Wir waren seit der Highschool befreundet, ich war ihre Trauzeugin gewesen und empfand für sie wie für eine Schwester.

„Ah, die Festspiele“, wiederholte ich.

„Ja, wenn Sie kommen möchten, besorge ich Ihnen gern zwei Tickets.“

Peggy hatte mir bei der Chemieprüfung ihren Spickzettel zugesteckt und so dafür gesorgt, dass wir beide unser Examen an der Highschool bestanden. Peggy hatte während meines ersten längeren Aufenthalts in Europa jede Woche meine Eltern besucht. In Peggys New Yorker Wohnung hatte ich praktisch ein eigenes Zimmer. Peggy war meine beste Freundin, und meine treueste.

„Ach“, sagte ich und setzte eine betrübte Miene auf, „wie schade, leider bin ich dann in Amerika. Aber wenn Sie eine Visitenkarte hätten. Vielleicht ein andermal.“

Er überreichte mir seine Karte, die noch heute in einer Teedose zusammen mit anderen Kärtchen ruht. Der Mann sah auf die Uhr, er durfte das Vaporetto zum Casinò nicht verpassen, weil er am Abend nach Deutschland zurückmusste.

Wir gaben uns die Hand, zwei Opernliebhaber, die, wenn man so wollte, ihre gemeinsame Leidenschaft für die Kunst verband. Dann gingen wir getrennter Wege.

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