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Mittwoch, 15.11.2017

Ein bisschen Zirkus

Die Cynetart, das Dresdner Festival für Computerkunst, widmet sich stärker der Gesellschaft als der Technik.

Von Uwe Salzbrenner

Die Cynetart bringt elektronische Spielereien, aber auch Poesie, Techno, Yoga und Tanz ins Festspielhaus Hellerau.
Die Cynetart bringt elektronische Spielereien, aber auch Poesie, Techno, Yoga und Tanz ins Festspielhaus Hellerau.

© PR

Je häufiger wir eine Aussage hören, selbst mit dem Kommentar versehen, sie sei falsch, desto öfter wird sie geglaubt. Das meint der Wahrnehmungspsychologe Rainer Mausfeld, emeritierter Professor der Universität Kiel. Und je weniger wir uns auf einem Gebiet auskennen, desto stärker suchen wir die Wahrheit in der Mitte der Meinungen, auch wenn sie womöglich am Rande liegt. Außerdem erreichen uns Fakten fragmentiert und ohne Zusammenhang, aber dennoch so viele, dass wir uns für informiert halten können – laut Mausfeld, um uns zu beruhigen, bis wir weder gröbste Verletzungen der Menschenrechte bemerken noch die versteckte Herrschaft einer reichen Minderheit unter dem Deckmantel der Demokratie. Bei der Cynetart, dem Festival für transmediale Kunst im Festspielhaus Dresden-Hellerau, wird der Psychologe am Sonnabendnachmittag hierzu einen Vortrag halten. Wer ihm unbesehen folgt, müsste jetzt freilich die Zeitungslektüre beenden: Wenn man Massenmedien bewusst meidet, erklärt Mausfeld, entgeht man den oben genannten Effekten.

Wenn man seine Kinder nicht in die Schule schickt, sondern selbst unterrichtet, kann aus ihnen etwas werden. Das sagt und schreibt Dagmar Neubronner, nachdem sie so gehandelt und sich durch mehrere Instanzen bis zum Bundesverwaltungsgericht geklagt hat. Sie hält ebenfalls einen Vortrag zur Cynetart. Ulf Langheinrich, seit dem Vorjahr künstlerischer Leiter des Festivals, will die Positionen vom Rand des Diskutablen im Programm. Es gehe ja stets um Zukunft, ums Nachdenken, um Begegnung, um Provokation und Zweifel. „Ich bin zutiefst misstrauisch der Idee gegenüber, alles erklären zu können.“

Sprachaufnahmen in Soundschleifen

Die Beiträge zum Festival müssen daher nicht unbedingt etwas mit Maschinen zu tun haben. Den Titel der 21. Ausgabe, „Enlightenment for the Nerd“, Erleuchtung für den Computerfreak, versteht Langheinrich als Ironie. „In Wirklichkeit will ich ein paar Sachen zeigen, die jenseits der Computerkunst für Leute interessant sind, die mit Computern arbeiten.“ Das wären heutzutage nahezu alle. Der 57-jährige Komponist und bildende Künstler findet es spannend, dass sich das Festival an Leute wendet, die nicht sein klassisches Klientel sind.

Die Umorientierung der Cynetart von einem durch Elektronik gesteigerten Körperempfinden auf Probleme der Gesellschaft hat ihren Grund. Zum einen kann computergestützte Kunst schon aus Kostengründen nicht auf die avancierten Technologien zurückgreifen, wie sie heute im Kino und im Computerspiel zu finden sind. Oder in den vielen handlichen und tragbaren Assistenten, die unser Leben begleiten. Zum anderen haben sich in Dresden Initiativen wie das Dave-Festival, das Netzwerk.Medien.Kunst mit einer jährlichen Ausstellung entwickelt. Beide ergänzen eine Präsentation und Reflexion der Maschinenvernunft.

Konzerte gibt es im Programm wie gehabt, vor allem am Donnerstag und Freitag: Elektroakustik, Improvisationen am Klavier, das Spiel mit Sprachaufnahmen. Soundschleifen, Raumklang-Performances, Experimente mit Sinuswellen und einer Gitarre. Der Synthesizer-Hersteller Jürgen Michaelis, in der Techno-Szene ein Star, stellt allerdings nicht bloß sein „Resonator Neuronium“ vor, sondern philosophiert. Er interessiert sich für Quantenphysik, Kosmologie und systemdynamische Netze. Das Leben ist ein solches Netz, jeder Wachstumsprozess, die Veränderungen von Klima und Umwelt. Ebenfalls mit einem Vortrag wird das Sonderprogramm ab Samstagabend eröffnet, das im großen Saal des Festspielhauses 24 Stunden Klang, Poesie, Kontaktimprovisation und Yoga bietet, Schlafplatz und Gastronomie inklusive. Der Astronom Josef M. Gassner hat im Vorjahr über Grenzen der Erkenntnis berichtet. Diesmal will er einen verblüffend auf den Menschen abgestimmten Kosmos vorstellen.

Das scheint zu passen. Performances wie Ausstellungen der „Cynetart“ haben sich Jahr für Jahr mit Natur und Physik beschäftigt. Die diesjährige Schau ist klein, will aber den Besuchern schon im Foyer näher rücken. Kinetische Spiegel soll es geben, ein silbriges Flattern im Klang. Videos von Ebbe und Flut in Zeitdehnung. Ein im Tonfall von Sigmund Freud sprechendes mechanisches Piano, dessen Text man mit etwas Hilfe sogar verstehen kann. Roboter-Pornografie aus der virtuellen Realität, Verständigungsversuche mit Mondquallen, die dem Menschen vergleichbare Schwerkraftrezeptoren besitzen. Nicht zuletzt die Begegnung von Roboterhunden mit madagassischen Schaben. „Ein bisschen Zirkus und ein paar gefährliche Tiere“, fasst Langheinrich die Schau im stärksten Bild zusammen. „Ohne Absperrung.“

Das Festival Cynetart im Festspielhaus Dresden-Hellerau, Karl-Liebknecht-Straße 56, findet vom 16. bis 19. November statt.

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