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Dienstag, 06.12.2016

Egoist zwischen Teufel und Muse

Theatralisch, aufwendig, magisch: Die Semperoper fragt mit „Hoffmanns Erzählungen“, was Künstler der Kunst opfern.

Von Jens Daniel Schubert

Hoffmann (Eric Cutler, M.) glaubt, den Durchblick zu haben. Doch da täuscht er sich gewaltig. Denn der Teufel führt ihn hinters Licht. Foto: Jochen Quast
Hoffmann (Eric Cutler, M.) glaubt, den Durchblick zu haben. Doch da täuscht er sich gewaltig. Denn der Teufel führt ihn hinters Licht. Foto: Jochen Quast

© Jochen Quast

Der schillernde Künstler E. T. A Hoffmann und dessen fantastisch-skurrilen Geschichten dienten Jacques Offenbach als Stoff für „Hoffmanns Erzählungen“. Die einzige große Oper des französischen Komponisten hat drei Liebesgeschichten der Titelfigur im Zentrum. Hoffmann beschreibt das tragische Ende seiner Lieben zu Olympia, dem perfekten Automaten, Antonia, der leidenschaftlichen Sängerin, und Giulietta, der männerverschlingenden Kurtisane.

In diesen drei Figuren spiegelt er seine große Liebe, die Sängerin Stella. Als er diese, wie in den Geschichten, verliert, stimmt seine Muse ein Loblied an auf den Künstler, der durch das Leid geläutert zur wahren Kunst findet. Eine Oper über die Oper, Kunst oder Liebe, die am Sonntag in Dresden Premiere hatte und im begeisterten Applaus wieder einige enthusiastische Buhrufer für das Inszenierungsteam fand. Dabei war die szenische Lösung weit mehr staatsoperngerecht als der musikalische Gesamteindruck. Natürlich, wer die musikalische Qualität in der Semperoper kritisiert, klagt auf hohem Niveau. Die Kapelle spielte, Chor und Solisten sangen in einer Güte, die andere Häuser nur in Sternstunden erreichen. Allerdings hatte Frédéric Chaslin am Pult kein gutes Gespür für Offenbach gezeigt. Der Esprit der Komposition wurde oftmals durch eine auftrumpfende, geradezu bombastische Prächtigkeit überlagert. Die Tempi waren vielfach ungewohnt, gerade Chor und Orchester fielen immer wieder empfindlich auseinander.

Geschichten auf der nackten Haut

Die an Glanzpartien reiche Oper hatte in dieser Inszenierung keinen herausragenden Star. Es sei denn, es war die Muse, die Christina Bock stimmlich wie spielerisch berührend interpretierte.

Das Inszenierungsteam um Johannes Erath verließ die gewohnten Pfade, indem es weniger die unterschiedlichen Frauen als drei Seiten der einen und daran den künstlerischen Reifeprozess des Hoffmann zeigte. Vielmehr ähnelten sich die Frauen. Die Puppe wurde zur Spitzenballerina, die Sängerin zur Diva und die Kurtisane zur Barsängerin. Immer und immer wieder war das Verhältnis zur Kunst, die Selbstaufgabe des Künstlers Thema. Und Hoffmann veränderte sich. Vom blinden Narren, der mit der Ballerina wie mit einer Puppe spielte, über den Künstlerkollegen, den die Theatralik des Bühnentodes fesselte, bis hin zum rücksichtslosen Egoisten, der sich nahm, was er zu brauchen meinte. Mit ihm lebte die Muse, die vom fast überlegenen, ihn wie zauberhaft führenden Kumpel zur werbenden Frau und schließlich zu seiner ergebenen Sklavin wurde, auf deren nackter Haut Hoffmann seine nächste Geschichte schrieb. Ungewohnte Bilder, die zu Gänsehautmomenten werden konnten.

Heike Scheele bettete diese durch viele Spiegelungen, Verdrehungen und surreale Überhöhungen nichtlinear fortschreitenden Erzählstränge in ein mehrdimensionales Bühnenbild. Der ganze Apparat arbeitete: Durchscheinende Wände, Videos und Spiegel, die Einbeziehung des gesamten Opernhauses bis hin zum herauffahrenden Graben wurden Oper in der Oper, Akteure und Zuschauer als Teil des verhandelten Prozesses gezeigt. Dazu gab es charakterisierende Kostüme, im Zentrum das weiße Brautkleid, das faszinierenderweise allen Akteurinnen gut stand: Tuuli Takala als spitzetanzender und blitzblanke Koloraturen singender Olympia ebenso wie der ergreifend leidenden Sarah-Jane Brandon als Antonia und ihrer Mutter, beeindruckend gesungen von Christa Mayer. Measha Brueggergosman als grell getönte Giulietta gefiel in dem Kleid ebenso wie Christina Bock als Muse.

Peter Rose hatte als Gegenspieler außer dem aufgesetzten Lachen wenig Diabolisches. Eric Cutler erzählte die Geschichte des sich entwickelnden Künstlers nachvollziehbar, wurde dabei von der Regie weniger durch intensive Personenführung, als durch sinnfällige Arrangements und Bühnenlösungen unterstützt. Wenn er etwa alleine auf schwarzer Bühne saß und rückwärts die Spieler der Geschichte hinter ihm vorüberzogen. Hier gab die Szene dem Gesang den Subtext, war mehr als nur optischer Rahmen und visueller Zierrat.

Nicht jede Szene mag getroffen haben, nicht alles dramaturgisch konsequent gewesen sein, aber anregendes Musiktheater war dieser „Hoffmann“ ganz bestimmt.

Termine: 7., 10., 16., 19. und 23. 12. sowie 2. und 7. 1.; Kartentel. 0351 4911705