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Dienstag, 05.12.2017

Dreifaltigkeit der Nutzung

Leipzig feiert die Wiedereinweihung der in der DDR gesprengten Universitätskirche. Eine Architekturkritik.

Von Falk Jaeger

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Das Paulinum in Leipzig erinnert in seiner äußeren Form an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Der Neubau wurde an der Stelle errichtet und beherbergt wissenschaftliche Einrichtungen, die Aula und einen Andachtsraum.
Das Paulinum in Leipzig erinnert in seiner äußeren Form an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Der Neubau wurde an der Stelle errichtet und beherbergt wissenschaftliche Einrichtungen, die Aula und einen Andachtsraum.

© dpa

  • Das Paulinum in Leipzig erinnert in seiner äußeren Form an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Der Neubau wurde an der Stelle errichtet und beherbergt wissenschaftliche Einrichtungen, die Aula und einen Andachtsraum.
    Das Paulinum in Leipzig erinnert in seiner äußeren Form an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Der Neubau wurde an der Stelle errichtet und beherbergt wissenschaftliche Einrichtungen, die Aula und einen Andachtsraum.
  • Bündelpfeiler und das spätgotische Netzgewölbe sorgen für einen sakralen Charakter.
    Bündelpfeiler und das spätgotische Netzgewölbe sorgen für einen sakralen Charakter.

Der Phantomschmerz wollte nicht vergehen. Den Verlust der 1968 vom SED-Regime gesprengten Universitätskirche hatten die Leipziger nie verwunden. Am vergangenen Wochenende nun wurde die Universitätskirche mit viel Symbolik wieder eingeweiht. Bachs Toccata C-Dur erklang, deren Spiel vor der Sprengung abgebrochen wurde. Jetzt wurde sie exakt am selben Takt wieder angestimmt und zu Ende gespielt. Jemand hatte auch die Kerze von damals aufbewahrt. Sie wurde am Sonntag wieder entzündet und weihevoll in das Gotteshaus getragen.

Als die Leipziger am 30. Mai 2013 an die gegen Bevölkerung und amtliche Denkmalpflege durchgesetzte Sprengung erinnern wollten, gab es zwei Gedenkfeiern: Das „Aktionsbündnis Neue Universitätskirche St. Pauli“ ließ alle Glocken der Stadt um 10 Uhr läuten, die Universität gedachte des Ereignisses um 11 Uhr. Dies sei wegen der Sommerzeit korrekt. Die Episode warf ein Schlaglicht auf eine Konfrontation, die bis heute nicht befriedet ist.

Schon der sperrige offizielle Name „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“ lässt es erahnen. Dem Aktionsbündnis – bestehend aus Stiftung Universitätskirche und Paulinerverein – geht es um die Kirche. Die Universität hingegen spricht lieber vom „Paulinum“ und freut sich über eine neue Aula. Sie sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, die Profanierung und damit die „kommunistische Universitätssäuberung“ der Sechzigerjahre zu vollstrecken. Die DDR-Neubauten am Augustusplatz sind nun auch Geschichte. An deren Stelle baute der Rotterdamer Architekt Erick van Egeraat, der 2004 nach einem gekippten ersten Wettbewerb ohne Kirche ein nachgeschobenes „Qualifizierungsverfahren“ für sich entschied, ein Ensemble, das mit Kubatur und Opulenz an den Vorkriegszustand erinnert. Wo die Kirche stand, plante er einen turmbekrönten Baukörper, der mit seinem gotisierenden Giebel und den Zitaten von Schmuckelementen der Paulikirche als deren Nachfolgebau zu lesen ist, gewissermaßen ein Wiederaufbau in moderner Form.

Damit bot er einen Kompromissvorschlag an, der auf breite Zustimmung stieß, aber doch hier und da wegen seiner expressiven Formensprache, dem asymmetrischen Giebel und den windschiefen Baukörpern Unmut hervorrief. Die flirrenden Fassaden des Hauptgebäudes und des rechts anschließenden, ebenfalls von van Egeraat gestalteten Geschäftshauses überspielen mit ihren vertikalen Natursteinstreifen die Stockwerksteilungen und machen das Ensemble zur Aufmerksamkeit heischenden Bauskulptur.

Die als Paulikirche erscheinende Kubatur freilich ist im Inneren durch erhebliche Kompromisse erkauft. Der riesige Dachkörper ist vollgestopft mit Instituts- und Seminarräumen. Manche sind merkwürdig geschnitten. Andere, wie der Seminarraum hinter dem Rosenfenster, kurios befenstert. Auf der gewaltigen Glasdachfläche mussten Sonnenschutzlamellen montiert werden. Zumindest an der Nordseite hätte man sich das unansehnliche Gekröse sicher sparen können.

Mit der Saalgestaltung ist Egeraat den St.-Pauli-Freunden noch mehr entgegengekommen. Drei Schiffe, Bündelpfeiler, spätgotisches Netzgewölbe, Orgelempore, der strahlend weiße Raum hat zweifellos sakralen Charakter und lässt die Universitätskirche wieder aufleben. Doch Egeraat inszeniert eine faszinierende Metamorphose: Die Bündelpfeiler sind nicht aus Stein, sondern mit bedruckten Gläsern verkleidet und leuchten von innen. Die Kapitelle strahlen als LED-Kronen ins Gewölbe. Manchem mag das zu viel Theatralik sein. Ergreifende Räume werden heute nur selten gebaut. Dieser hier ist ein Architekturerlebnis. Drei der Säulenpaare sind kurzerhand abgeschnitten. Sie enden von oben herabhängend auf halber Höhe in einer Art Kronleuchter. Auf diese Weise entsteht ein ungeteilter, in der Breite frei nutzbarer und bestuhlbarer Saal ohne die sakrale Dreischiffigkeit.

Der Chorbereich behält seine religiöse Anmutung, auch durch die prächtigen Epitaphien aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die 1968 aus der Universitätskirche geborgen wurden und nun, sorgfältig restauriert, wieder ihren Platz in der Kirche fanden. Sakrale Nutzung im Chor, profane Nutzung im Langhaus, so hat man sich geeinigt. Getrennt werden beide durch eine raumhohe, sprossenlose Glaswand, die das Raumerlebnis kaum beeinträchtigt. Sie kann zudem zur Seite gefahren werden, sodass der Raum als Ganzes nutzbar wird, etwa bei Konzerten der „Schwalbennestorgel“ im Seitenschiff des Chors – ein guter Kompromiss. Auch im Hauptschiff gibt es nun eine neue Orgel. Die Universitätsmusik gehört neben der Zweckbestimmung als Aula der Alma Mater und den Gottesdiensten zur „Dreifaltigkeit der heutigen Nutzung“, wie es Rektorin Beate Schücking ausdrückte.

Die sächsische Landesregierung hat der historischen Bedeutung der Paulikirche als geistig-kulturelles Herz der Alma Mater Lipsiensis, wie die Universität nun wieder heißt, entsprochen und im Rahmen der Entwicklung des Standorts Augustusplatz den Neubau mitfinanziert. Wenngleich Kirchenbau streng genommen nicht Aufgabe des Staats ist.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Bernd S

    Eine Kirche hat an einer Universität nichts zu suchen.man kann kein Dogma mit dem Ringen nach Erkenntnissen verbinden.Die Kirche hat genug Verbrechen und Morde an Forschern und Wissenschaftlern vollbracht,ihr bestes Instrument war die Inquisition,sowas darf genauso wenig vergessen werden wie die Hexenverbrennungen!

  2. Herr Geheimrat

    "Über alles stehe die Ehre Gottes, der das große Universum schuf, das der Mensch und seine Wissenschaft in tiefer Ehrfurcht von Tag zu Tag weiter durchdringe und erforsche". - "Die gelegentlich gehörte Meinung, daß wir im Zeitalter der Weltraumfahrt so viel über die Natur wissen, daß wir es nicht mehr nötig haben, an Gott zu glauben, ist durch nichts zu rechtfertigen. Bis zum heutigen Tag hat die Naturwissenschaft mit jeder neuen Antwort wenigstens drei neue Fragen entdeckt!" - Nur ein erneuerter Glaube an Gott kann die Wandlungen herbeiführen, die unsere Welt vor der Katastrophe retten können. Wissenschaft und Religion sind dabei Geschwister, keine Gegensätze". Wernher von Braun (1912-1977), Deutsch-amerikanischer Raketenforscher

  3. forscher Forscher

    Hallo Bernd S, Sie haben sicher zuviel DDR- Geschichtsunterricht genossen. Ohne Kirche keine universalen Sprachentwicklungen (Latein etc.) und ohne Sprache kein Denken, demzufolge keine Universitäten. Die Kirche hat sicher mehr Verbindendes und Positives auf der Haben- Seite als Sie sich offensichtlich vorstellen wollen. Von der Baugeschichte in Leipzig mal ganz abgesehen, da war die Kirche vor der Universität am Standort und das Kloster war die Basis für die Gründung der Universität.

  4. Joachim Herrmann

    Über Archtektur und deren Preis kann (muss) man streiten, über Ansichten dazu auch und was Kirche bewegt und unterlassen hat oder an Verbrechertum der gesamten Menschheit zum Teil noch heute antut auch! Dabei sollte stets zwischen Glauben an sich, Konfessionen und Amtskirchen, sowie deren Amtsträgern unterschieden werden. Es gibt kaum einen Tag in der Geschichte der Menschheit, der nicht von der "Überhöhung" kirchlichen "Seins und Daseins" gezeichnet war. Dazu muss man übrigens weder in der DDR geboren sein, Wahrheiten gelernt haben- dazu braucht man nur zu schauen, zu lesen und die Geschichte verfolgen (ohne Klitterung oder Hofierung). Ja, die Sprengung der Kirche war ein Verbrechen- Systemimanent. Nur, wie viele Male und Denkmale werden und wurden zu allen Zeiten (und Unzeiten) liquidiert. Auch heute in "Massen" das es zum Himmel....! Archtektur (auch Kirchen) sind wie Wissenschaft erhabene Felder menschlicher und damit humanistischer Realitäten. Nur Prunk und deren Trächtigkeit...?!

  5. Berg

    In der Nachkriegszeit, mit reichlich zerstörten Städten, unter volkseigenen Verhältnissen waren die Stadtoberen aller ostdeutschen Städte deutlicher auf Wohnbauten orientiert. (Auch das zerstörte Dresdner Schloss und die ausgebrannte Semperoper mussten warten - wurden aber nicht weggesprengt. Aber die Kirche am Postplatz ebenfalls, war wohl mehr zerstört.) Damals hätte man keinen Beifall bekommen, wenn die begrenzten Mittel nicht für Wohnungen/Schulen/Hochschulen/Kitas, sondern für eine Kirche eingesetzt hätte. Trotzdem: im nachhinein: diese Kirche hätte stehen bleiben müssen - dann eben angeschlagen. - Immerhin machte es Honecker später mit dem Gewandhaus ein bisschen wieder gut.

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