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Dienstag, 22.03.2016

DJ bittet zum Totentanz

Auf der Jagd nach einem grünen Diamanten zieht der Autor Marcus Wächtler eine Blutspur durch Dresden.

Von Stefan Becker

Moritzmonument samt Katakomben der Festung Dresden spielen im Thriller „Grüner Dresdner“ wichtige Rollen – steckt der Teufel doch im Detail.
Moritzmonument samt Katakomben der Festung Dresden spielen im Thriller „Grüner Dresdner“ wichtige Rollen – steckt der Teufel doch im Detail.

© Stefan Becker

Das Leben ist doch ein Wunschkonzert. Zumindest manchmal und immer dann, wenn Marcus Wächtler nachts in der Neustadt hinter den Turntables steht und vor seiner Nase das tanzende Volk schwitzt und singt. Jeder so gut er oder sie kann und alle mit einem Lieblingslied im Herzen und auf den Lippen. Diesen Wunsch tragen die Tobenden dann an den DJ heran.

So seine Ohren nicht gerade schallgeschützt hinter den Kopfhörern klemmen, registriert er vollkommen schmerzfrei das Gesagte und tippt den Titel in die Suche der Playlist. Seine Musikbibliothek bietet Tausende von Titeln, und wenn der Spezialist für die 80er und 90er nicht sofort liefern kann – dann gewiss beim nächsten Mal.

Als Zuspätgeborener verpasste der Fan oder mehr noch Verehrer der Band Depeche Mode um einiges die Hochzeit der Punk- und New-Wave-Ära und wundert sich umso mehr über sein junges Publikum, das im unendlichen Ozean der Musik immer noch auf der Neuen Deutschen Welle surft: „Spielen Sie doch bitte mal Blümchen!“ lautet zum Beispiel so ein Begehr im Downtown oder in Katy’s Garage.

In den beiden Institutionen legt der 36-Jährige auf. Selbst wenn zuvor Scooter durch die Bude wummerte – der DJ mit dem Pseudonym „Pery van Dango Dancing Harakiri Monk“ findet irgendwo er auch die letzten unveröffentlichten Songs von so Exoten wie „Schleimkeim“ oder „Tausend Tonnen Obst“ und spielt sie ab.

Weil ein Mann eben tun muss, was ein Mann tun muss, widmet sich der Tonmeister in seiner Freizeit der zweiten Muse: dem selbst geschriebenen Wort.

Vor zwei Jahren setzte sich Marcus Wächtler an den Rechner und schrieb den ersten Satz. Dem folgten die nächsten, mehr und mehr Zeilen versammelten sich auf dem Bildschirm, und ehe er sich versah, stand dort auch schon das erste Kapitel seines Thrillers „Grüner Dresdner“. Mit der sächsischen Geschichte weniger vertraute Menschen kommen bei dem Titel wahrscheinlich die wildesten Assoziationen, von Außerirdischen bis zu politischen Lokalgrößen – geneigte Historiker dagegen wissen um den Stein des Anstoßes.

Der Wille zum Wort

Der Diamant aus der Zeit von August dem Starken liegt auf Samt gebettet im Grünen Gewölbe des Residenzschlosses und funkelt dort die Besucher an. Rund um den Klunker fabulierte Wächtler eine seitenlange Melange aus brutalen Morden und mentalen Ablenkungsmanövern. Letztere wählt seine Heldin immer dann, wenn sie um ihr Leben rennt, was recht häufig passiert. Die Methode besitzt Witz, weil der Leser auf diese Weise einiges Wissenswerte erfährt über verschiedene Gebäude in Dresden und andererseits die etwas konstruierte wie klischeeverliebte Handlung für Momente vergisst.

Zur eigenwilligen Art des Erzählens gesellt sich beim Autor von eigenen Gnaden zwangsläufig auch die des Verkaufens: Da kennt Wächtler kein Pardon und vergleicht sein Werk der Einfachheit halber gleich mit dem von Dan Brown. So gehört eine veritable Sachsenwelt-Verschwörung ebenso zum Plot wie über die Stadt verteilte Zeichen, die gedeutet werden wollen.

Kleckern statt klotzen also, allerdings mit einem Augenzwinkern, bei dem die Wimpern vor Wonne klimpern. Denn während sich das einstige Vorbild in den vergangenen Jahren nur noch selbst kopierte, wechselte Wächtler für sein neues Projekt prompt das Genre und präsentierte auf der Leipziger Buchmesse sein jüngstes Werk mit dem Arbeitstitel: „Die Enden der alten Welten“. Allerdings bleibt der studierte Historiker seiner Heimat treu und liefert diesmal ein Familienepos aus dem noch heidnischen Sachsenlande des frühen Mittelalters.

Da sein erster Verlag mit dem Vertrieb des Thrillers zauderte, zögerte der Autor nicht lange und suchte auf der Leipziger Buchmesse beim Speed-Dating mit Lektoren nach einem neuen Herausgeber. Denn von der Geschäftsidee rund ums Selfpublishing zeigt er sich bisher nur wenig begeistert. Zwar verwandelt das PDF-Dokument als digitale Buchversion praktisch jeden selbsterklärten Schriftsteller zum elektronischen Publizisten bei voller Kontrolle über Rechte und Einnahmen – doch muss Hilfe im Bedarfsfall auch dann teuer erkauft werden.

Ein Manuskript und zwei Exposés

So saß der Jungautor am Sonntag bei drei Terminen den trainierten Talentscouts gegenüber, um ihnen die Idee seines neuen Buches zu verkaufen. Dreimal landete er einen Treffer: Zwei Lektoren steckten das Exposé ein und der Dritte nahm gleich das ganze Manuskript mit. Für Wächtler ein Riesenerfolg, wie er sagt, denn mit der Saga plant er Großes – Pate stand diesmal nichts Geringeres als die Serie „Game of Thrones“. Bescheidenheit sei angeblich ja eine Zier, doch weiter kommt man eben ohne ihr – frei nach Wilhelm Busch.

www.szlink.de/gruenerdd

Marcus Wächtler - Grüner Dresdner; ISBN 978-3-945769-10-2; erschienen im Südwestbuch Verlag - Stuttgart, 2016.

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