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Freitag, 09.02.2018

Die „Wunderharfe“ kehrt in den Kulturpalast zurück

Die Sächsische Staatskapelle lehnte lange den Palastumbau ab, ihr Chef plädierte gar für Abriss. Ab Sommer gastiert das Orchester dort wieder.

Von Bernd Klempnow

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Gern groß besetzt: Staatskapelle und Staatsopernchor Anfang der 1970er-Jahre im alten, stets ausverkauften Dresdner Kulturpalast mit seinen 2400 Plätzen.
Gern groß besetzt: Staatskapelle und Staatsopernchor Anfang der 1970er-Jahre im alten, stets ausverkauften Dresdner Kulturpalast mit seinen 2 400 Plätzen.

© Erwin Döring

  • Gern groß besetzt: Staatskapelle und Staatsopernchor Anfang der 1970er-Jahre im alten, stets ausverkauften Dresdner Kulturpalast mit seinen 2400 Plätzen.
    Gern groß besetzt: Staatskapelle und Staatsopernchor Anfang der 1970er-Jahre im alten, stets ausverkauften Dresdner Kulturpalast mit seinen 2 400 Plätzen.
  • Der Kulturpalast in Dresden.
    Der Kulturpalast in Dresden.

Dresden. Das wird Musikfreunde freuen. Die Sächsische Staatskapelle Dresden wird künftig Sonderkonzerte im umgebauten Kulturpalast der Elbestadt geben. Damit kehrt das Orchester an seine frühere Spielstätte zurück. In der kommenden Saison wird der seit Richard Wagner als „Wunderharfe“ bezeichnete Klangkörper dort unter anderem das Eröffnungskonzert des Schostakowitsch-Festivals Gohrisch musizieren. „Die Semperoper bleibt unsere künstlerische Heimat, aber wir wollen testen, wie wir mit dem neuen Saal klarkommen und auch, ob unser Publikum, das sich in der Oper sehr wohlfühlt, uns dorthin folgt“, sagte am Freitag Orchesterdirektor Jan Nast. Weitere Details der neuen Spielzeit gab er zunächst nicht preis. Sie sollen am 1. März vorgestellt werden.

Alte Dresdner schwärmen

Was für ein Sinneswandel! Lange hat die Orchesterleitung vehement den Umbau des Kulturpalastes abgelehnt. So hoffte Orchesterdirektor Nast auf ein neues, eigenständiges Konzerthaus am Elbufer. Das wollte und konnte der Freistaat als Träger von Kapelle und Staatsoper nicht zahlen. Asiatische Sponsoren, die im Gespräch waren, zogen sich zurück. Und Chefdirigent Christian Thielemann wurde 2013 während des Palastumbaus vom Magazin „Dresdner“ zitiert, dass ihm zwar bewusst sei, dass das Haus für einige eine „heilige Kuh ist“. Gleichwohl deutete er an, ein Abriss des DDR-Baus wäre ihm lieber gewesen: „Jetzt, wo die Altstadt daneben wiederersteht, könnte ich mir ja fast radikale Lösungen vorstellen.“

Wohl wurden die Töne im Laufe der Jahre versöhnlicher. Kurz vor der Eröffnung des Palastes im vergangenen April sagte Thielemann: „Es ist Tradition bei der Staatskapelle, dass die Sinfoniekonzerte in der Semperoper stattfinden. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit für viel Geld neue Konzertzimmer machen lassen. Die Semperoper als Konzertraum ist so deutlich aufgewertet worden. Das schließt nicht aus, dass wir auch mal im neuen Kulturpalast auftreten.“

Inzwischen haben Orchester wie die Dresdner Philharmonie, Topsolisten wie der Pianist Daniel Barenboim und Spitzenklangkörper aus aller Welt etwa bei Gastspielen zu den Musikfestspielen bewiesen, welch akustisch feiner Saal entstanden ist. Auch jeder fünfte Musiker der Staatskapelle hat als Gast bei der Philharmonie oder in Ensembles wie den Kapellsolisten hier inzwischen gespielt. „Ich kenne über unsere Tourneen viele gute Säle in der Welt. Der Dresdner in seiner Exzellenz gehört dazu“, sagt der Kapellen-Kontrabassist und „Echo“-Preisträger Helmut Branny. Vertraut ist ihnen noch der dumpfe, die Musik mehr verschluckende als reflektierende alte Saal. „Die Breitwandbühne des riesigen Festsaals stellt sich erschwerend mancher klanglicher Feinarbeit entgegen“, beschrieben bereits 1973 Orchesterdirektor Dieter Uhrig und Dramaturg Eberhard Steindorf das Phänomen: „Dennoch, wie sich in diesem Kulturpalast aus Glas, Stahl und Beton in jeder Saison summa 95 000 Menschen um die Kapelle scharen – welch ungewöhnliches Maß an Musikbegeisterung und Treue zur Institution verbirgt sich hinter dieser Zahl!“ Ab dem 5. Oktober 1969 hatte die Staatskapelle hier ihre Sinfonie- und Sonderkonzerte sowie Aufführungs- und Kammerabende gegeben. Von großartigen Erlebnissen etwa mit dem „Ring“ unter Marek Janowski oder der „Alpensinfonie“ unter Herbert Blomstedt schwärmen alte Dresdner. Chefdirigent Giuseppe Sinopoli (1946 – 2001) verlegte die Konzerte ab 1992 wegen der akustischen Tücken in die Semperoper. Später gab es nur noch selten dort Auftritte, etwa als die Semperoper 2002 von der Flutkatastrophe betroffen war.

Geburtstagsfeier im neuen Saal

Der Hausherr des Palastes, die Dresdner Philharmonie, war jederzeit zur Kooperation bereit. „Wir haben versucht, die Kapelle stets ins Baugeschehen einzubinden und halten beispielsweise in den Garderoben eine Doppelstruktur vor. Die Kapelle kann jederzeit, wenn Termine frei sind, wieder im Kulturpalast arbeiten. Wir sind da flexibel“, sagt der zuständige Künstlerische Betriebsdirektor der Philharmonie Martin Bülow. Und Jan Nast bestätigt dies. „Es gibt ein großes Entgegenkommen von der Intendantin Frauke Roth und von Herrn Bülow.“

Auch er kennt den Saal von Besuchen und weiß natürlich, dass die Semperoper für Opern akustisch ideal, im Konzertleben aber nur für ein bestimmtes Repertoire tauglich ist. Für wichtige Werke wie von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch ist der Raum trotz der Konzertzimmer weniger geeignet.

Und so kommt die Kapelle auch nicht mit eher einfachen Vorhaben, sondern mit durchaus Programmatischem zurück. Zum Start in die neue Palast-Zeitrechnung gibt es am 22. September immerhin das Konzert zum 470. Geburtstag der Kapelle. Und am 27. November dirigiert der Capell-Compositeur der nächsten Spielzeit Peter Eötvös unter anderem die Deutsche Erstaufführung seines Tamburinstücks „The gliding of the eagle in the skies“ sowie sein geniales Violinkonzert „Seven“.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Berg

    Wem verdanken wir es, dass der Kulturpalast stehen bleiben konnte? Einen Orden für diese Person! Wieviele Interessenten für Besuche philharmonischer Konzerte gibt es? Und wieviele für die andere Genres? Hier hat sich wenigstens mal das Mehrheitsprinzip durchgesetzt.

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