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Montag, 02.03.2009

Die Welt braucht keine Cocktailkirschen

Der Star-Architekt Meinhard von Gerkan wendet sich in seiner Dresdner Rede gegen Banalität und Exhibitionismus in der aktuellen Baukunst.

Von Heinrich Löbbers

Die Elbe, wie sie so dahinfließt, ist nicht nur das, was Dresden und Hamburg verbindet. Durch den Fluss lassen sich die beiden Städte auch trefflich unterscheiden. Provinzielle Enge im Sächsischen, weltoffene Weite hoch im Norden. Wolfgang Hänsch, der berühmte Architekt, der Dresden mit Gebäuden wie dem Kulturpalast oder der rekonstruierten Semperoper entscheidend geprägt hat, vermisst hier den Mut zum Neuen ebenso wie den respektvollen Umgang mit der Vergangenheit. „Manchmal wünscht man sich, der Fluss möge in die andere Richtung fließen“, sagt Hänsch.

Im ebenfalls nach seinen Plänen rekonstruierten Dresdner Schauspielhaus konnte er gestern vor ausverkauften Rängen einen Kollegen begrüßen, der immerhin elbaufwärts von Hamburg gekommen war, um eine Dresdner Rede zu halten: Meinhard von Gerkan, einen der bedeutendsten deutschen Architekten. Gerade erst ist er wieder mal aus Asien zurückgekehrt, wo er vor allem in China und Vietnam tätig ist. In Deutschland hat er unter anderem den Flughafen Tegel und den neuen Lehrter Bahnhof in Berlin entworfen. In Dresden jedoch hatte es der 74-Jährige immer schwer. Bis auf ein Geschäftshaus am Altmarkt 10 ist er hier mit allen Projekten gescheitert. „Nirgends haben wir uns so intensiv und zugleich so erfolglos engagiert wie in dieser Stadt“, sagt er.

Eine Erklärung dafür suchte von Gerkan gestern nicht, er ließ offen, ob es zusammenhängt mit seinem Credo für eine Architektur der anspruchsvollen Einfachheit, die Form und Funktion in Einklang bringt, aber auf sinnlose Dekoration und „Disneysierung“ verzichtet. Die verbreitete Banalität in der Baukunst verabscheut er ebenso wie künstlerische Willkür.

„Dresden“, so viel weiß der in Riga geborene Architekt, „ist eine Art Wespennest, ein besonders heißes Pflaster in Sachen Städtebau und Architektur.“ Auf konkrete Gebäude in der sächsischen Landeshauptstadt ging er zwar nicht ein – „da fehlt mir die Detailkenntnis“ – jedoch offenbaren sich natürlich auch in Dresden, hier oftmals sogar besonders, die Phänomene, die von Gerkan in der ganzen Welt ausgemacht hat. Anhand zahlreicher Fotos stellte er sie im Schauspielhaus dar. Mit einiger Empörung im Ton, denn vieles missfällt ihm.

„Architektur ist immer ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse“, sagt von Gerkan. Zwei aktuelle Tendenzen stellt er fest: Banalisierung und Exhibitionismus. Einerseits soll es billig und schnell gehen, wird dadurch gesichtslos und geistlos. Andererseits sind Alleinstellungsmerkmale gefragt, die die Vermarktung einer Immobilie erleichtern sollen. „Besonders häufig ist die Verschmelzung von banaler Architektur und exhibitionistischer Show-Attitüde“, sagt von Gerkan. „Banale Baumasse für die Rendite und obendrauf zur Verzierung eine Cocktailkirsche. Seit Ästhetik als Marketingfaktor entdeckt wurde und Architektur von breiten Schichten als Wohnung, Firmensitz oder über Fondsanteile konsumiert wird, diktiert der Durchschnittsgeschmack. So wie hohe Einschaltquoten beim Fernsehen nur durch Anpassung an ein niedriges Geschmacksniveau erreicht werden, verkauft sich die Massenware Architektur nach dem gleichen Prinzip.“

Zum Beispiel Shanghai: Unter den Tausenden Hochhäusern dort gebe es höchstens ein Dutzend anständige, und das seien immer die einfachen und unambitionierten. „Aber die meisten sind aufgedonnerte Primadonnen“, sagt von Gerkan. „Man fragt sich, was in Leuten vorgeht, die so was entwerfen, was in Bauarbeitern vorgeht, die so was realisieren, und in Bauherren, die so was der Gesellschaft zumuten.“

Das Problem beginne bereits bei der „unsäglichen Trennung“ in solche Gebäude, die angebliche nur eine nützliche Funktion erfüllen müssen, und solche, die höheren Anliegen dienen. Muss ein Bahnhof lediglich ein Bahnhof sein, wie der Bahnchef meint? Meinhard von Gerkan hat leidvolle Erfahrungen beim Bau des neuen Hauptbahnhofs in Berlin gemacht. Die Bahn AG ließ seinen Entwurf verändern, verkürzte die Gleisüberdachungen und machte aus einer Gewölbedecke eine Flachdecke. Einen Prozess wegen Verletzung des Urheberrechts gewann von Gerkan in erster Instanz. Für ihn bleibt der Fall jedoch ein Beispiel für die „Degradierung des gebauten Lebensraums“ und die Borniertheit öffentlicher Bauherren, die immer häufiger bereit seien, das öffentliche Lebens den Gesetzen des Marktes unterzuordnen.

Auch mit Kollegenschelte hält sich der Stararchitekt nicht zurück. Schon gar nicht, wenn es um den seiner Ansicht nach „bisher größten architektonischen Supergau“ geht, das längst berühmte neue Gebäude des chinesischen Fernsehens CCTV (siehe Foto) in Peking, das der Deutsche Ole Scheeren entworfen hat. Namen nannte von Gerkan nicht, sprach aber von einem „Scharlatan, der es versteht, unseren gesellschaftlichen Zustand nicht nur eins zu eins städtebaulich zu interpretieren, sondern diese auch seinem Bauherrn, also der chinesischen Regierung, wie ein Hofnarr vorzuspielen. Dieses Gebäude ist das perfekte Spiegelbild unserer Weltfinanzkrise, ein Symbol für Maßlosigkeit, Hochmut und Menschenverachtung. Es manifestiert die absurde Obsessionen von Hunderten von Milliarden, die um den Globus kreisen. Babylon lässt begrüßen“, so von Gerkan

Und was macht dieser Mann, so so viel kritisiert, nun besser? In Hamburg führt er mit seinem Kollegen Volkwin Marg und weiteren Partnern das nach eigener Aussage größte Architekturbüro Deutschlands (gmp). 600 Mitarbeiter arbeiten dort an 150 Projekten, davon 85 in Asien, vom Bürogebäude bis zum Sportstadion, vom Flughafen bis zur Kirche, zwei Drittel davon sind öffentliche Bauten. Und immer fällt die klare, einfache Struktur ohne große Effekthascherei auf.

In der Nähe von Shanghai entsteht nach seinen Plänen derzeit Lingang New City, eine komplett neue Idealstadt für 800000 Menschen, die kreisförmig um einen riesigen neu angelegten See gebaut wird. Hochhäuser wird es dort kaum geben, dafür ist bereits vor den Wohnblöcken ein riesiges Meeresmuseum gebaut worden. „Die Stadt soll von vornherein eine Identität bekommen und das urbane Leben eine integrale Mischung aus Freizeit, Arbeit und Wohnen ermöglichen.“

Kulturelle Identität zu bewahren, aber auch neu zu stiften, ist nach Gerkans Ansicht eine der wichtigsten Anforderungen an die moderne Architektur: „Sie ist die gewichtigste Gegenposition zu Heimatverlust und Globalisierung“, sagt er. Vier solcher zentralen Aufgaben hat er ausgemacht, auch die Ökologie gehört dazu, ebenso die Nachhaltigkeit, sprich Langlebigkeit von Gebäuden. Sinnstiftung schließlich sei ebenso bedeutsam: Architektur müsse mehr als nur funktionale und ökonomische Anforderungen erfüllen. „Der Verlust von sittlichen und moralischen Werten findet seine Entsprechung in der ausschließlich auf banale Ökonomisierung orientierten Bautätigkeit.“ Deswegen müsse sie sich der Formel ,Es muss sich rechnen’ versagen.

Der Stellenwert der Architektur für die Zukunft liege nicht in der Erfindung immer neuer „-ismen“, vielmehr müsse sie sinnvolle Antworten auf gesellschaftliche Probleme liefern. Und so lautet Meinhard von Gerkans zentrale Forderung: „Die Gesellschaft muss dem Teil der Architektur, den man als Ästhetik umschreibt, eine weitaus höhere Bedeutung einräumen.“