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Donnerstag, 07.12.2017

Die Weisen aus dem Sorgenland

Die „Striezelmarktwirtschaft“ am Dresdner Kabarett geht auf Zeitreise und sieht schwarz.

Von Rainer Kasselt

Neu in der „Striezelmarktwirtschaft“: Zwei Bürgerwehr-Typen (Thomas Schuch, l. und Carsten Linke) wollen die fehlende Polizei ersetzen und selbst für Recht und Ordnung sorgen.
Neu in der „Striezelmarktwirtschaft“: Zwei Bürgerwehr-Typen (Thomas Schuch, l. und Carsten Linke) wollen die fehlende Polizei ersetzen und selbst für Recht und Ordnung sorgen.

© Elisabeth Schuch-Wiens

Treue Besucher der jährlichen „Striezelmarktwirtschaft“ im Dresdner Kabarett Breschke & Schuch werden sich die Augen reiben. Die vertrauten Figuren sind weg und der Striezelmarkt gleich mit. Nur eine Glühweinbude, die kurz ins Bühnenbild geschoben wird, erinnert samt Kultfigur Mömmerich an einstige Zeiten. Ansonsten beherrschen die Bibelverdreher Melchior, Balthasar und Caspar die Szene. Auch bekannt als die Weisen aus dem Morgenland. Ihre Botschaft ist wenig weihnachtlich: Die Menschheit wird sich weiterhin die Köpfe einschlagen.

Alles neu macht der Schuch, auf diesen Nenner lässt sich die 14. Ausgabe der „Striezelmarktwirtschaft“ bringen. Thomas Schuch, alleiniger Geschäftsführer nach Manfred Breschkes Rückzug, setzt ganz auf kritisches politisches Kabarett. Zeitreise ist angesagt. Auf der mit eisblauen Tüchern und Schneezapfen ausgestatteten Bühne tickt per Video-Einspiel die Uhr. Wohin die Reise auch geht, zurück an die Krippe von Bethlehem oder zweitausend Jahre voraus: Überall bleibt der Wecker fünf Minuten vor zwölf stehen. Zwischen Mittelalter, Gegenwart und Zukunft nichts als Bedrängnis.

Erstmals inszeniert der erfahrene Ulrich Schwarz am Haus. Er führt die Darsteller zu profundem Spiel, gewinnt ihnen nach harter Probenarbeit neue Seiten ab. Besonders auffällig ist ihm das mit dem ungarischen Musikclown Daniel Vedres gelungen. Vedres musiziert nicht nur brillant auf Horn und Flöte, Luftballon und Krückstock, er füllt auch die Sprechrolle des asiatisch angelegten Balthasar überzeugend aus. Neu im Ensemble ist der in vielen Dialekten agierende Schauspieler Carsten Linke. Als afrikanisch angelegter Caspar passt er bestens zum germanisch auftrumpfenden Melchior von Thomas Schuch.

Die Kabarettisten hangeln sich von Bild zu Bild, schlüpfen mit sichtlichem Spaß in wechselnden Kostümen in andere Figuren. Sind Maria und Joseph, Luther und Trump, Merkel und Rock-Oma. Begeisterung löst im Publikum der von Linke virtuos gespielte Raucher-Sketch aus. Der Dauerqualmer versteht sein anstandsloses Bezahlen der Tabaksteuer als sozialen Dienst am Vaterland und bedauert, dass nie ein Lungensanatorium seinen Namen tragen wird.

Die Texte, geschrieben von Schuch, Conny Molle, Jörg Lehmann und anderen, sind von durchwachsener Qualität. Es gibt bissigen Wortwitz, das ironische Spiel mit alternativlosen Fakten, aber auch längliche Szenen, die ewig nicht zum Punkt kommen. Die Themen reichen von Kinderarbeit bis Prostitution und Altersarmut, von „Großer Kloalition“ und Wahlfiasko bis Weltmachtwahn. Stark der Auftritt von zwei sächsischen Bürgerwehr-Typen, die mit Schlagstock und Stahlhelm die fehlende Polizei ersetzen und mit der Knarre für Recht und Ordnung sorgen möchten. Trefflich der Freundschaftspakt von Luther und Trump, die gemeinsam mit Thesen und Twitter die Welt erobern wollen. Hübsch die bange Frage Marias nach der Zukunft ihres Söhnchens: „Macht er in Immobilien oder bloß in die Windeln?“

Bei der Premiere am Dienstag reagierte das Publikum anfangs zurückhaltend, hatte Mühe bei den ersten Auftritten der drei Weisen aus dem Sorgenland, fand aber zunehmend Gefallen an dieser ungewöhnlichen „Striezelmarktwirtschaft“ und belohnte den Mut von Schuch und den Seinen zuletzt mit kräftigem Applaus.

25 Vorstellungen bis 13. 1. Kartentel.: 0351 490 40 09