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Mittwoch, 27.01.2016

Die Tage werden rückwärtsgezählt

Dresdens Philharmonie bereitet den Umzug in den Kulturpalast und eine Kurt-Masur-Akademie vor. Geräuscharm, aber effektiv führt Frauke Roth ihr Haus.

Von Bernd Klempnow

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Dresden Philharmoniker im Albertinum.
Dresden Philharmoniker im Albertinum.

© Marco Borggreve

  • Dresden Philharmoniker im Albertinum.
    Dresden Philharmoniker im Albertinum.
  • Nordlicht wird Sächsin: Frauke Roth ist seit 2015 Intendantin der Dresdner Philharmonie.
    Nordlicht wird Sächsin: Frauke Roth ist seit 2015 Intendantin der Dresdner Philharmonie.

So soll das sein. Die Arbeit flutscht, die Fernbeziehung mit dem an der Küste arbeitenden Mann harmoniert und die Kinder lesen den Sportteil der Sächsischen Zeitung. „Ja, wir sind angekommen“, sagt Frauke Roth, seit einem Jahr Intendantin der Dresdner Philharmonie. „Durch den derzeitigen Wanderzirkus des Orchesters habe ich die Stadt und die Mentalität der Dresdner schnell kennengelernt. Ich fühle mich wohl, sehe die Zukunft sehr positiv.“

Erstmals führt eine Frau das Orchester mit einer fast 150-jährigen Tradition – für vorerst drei Jahre. Sie tut es geräuscharm, charmant und recht erfolgreich. Dank einer Kinderfrau kann sie Zehn-Stunden-Tage leisten. Vom Job, der besser bezahlt ist, als der des Oberbürgermeisters, schwärmt die gebürtige Hamburgerin. Das Orchester sei in einer hervorragenden Verfassung – obwohl es wegen des Umbaus des Kulturpalastes derzeit kein festes Haus hat und jedesmal in einem anderen Saal spielt. „Ich bewundere die Musiker, wie blitzschnell die sich umstellen und einfach gut sind.“

Diese Top-Form des Ensembles macht die 48-Jährige an der Resonanz auch bei den weltweiten Tourneen aus. „Wir bekommen noch während der Reisen Wiedereinladungen, was unüblich ist.“ Zudem „haben wir CD-Produktionen gemacht, da standen den Tonmeistern der Mund offen“. Die CDs mit Beethoven- und Schostakowitsch-Sinfonien werden hervorragend besprochen. Eine weitere ist in Arbeit. Und da Sony diese veröffentlicht, hat man jetzt ein Label, das wichtig für die internationale Vergleichbarkeit des Orchesters ist. All das sei nur möglich, weil es sehr gut zwischen Chefdirigent Michael Sanderling und ihr funktioniere. Sie selbst hat keine Ambitionen zur Größe. „Ich will die Wünsche des Chefdirigenten meistmöglich umsetzen.“

Vergessene DDR-Meister im Blick

Die Stimmung im Team sei gut. Sogar die Musiker, die für gewöhnlich recht schnell über die neuen Chefs meckern, sind versöhnlich drauf und setzen alle neuen Ideen ohne zu murren um. Deutlich wurden nämlich die musikpädagogischen Angebote für Kitas und Schulen ausgebaut. Zielgerichtet wurde die Arbeit mit jungen, hoffnungsvollen Dirigenten intensiviert.

„Wirklich überrascht hat mich das Potenzial der beiden Philharmonischen Chöre“, sagt Roth. Der Kinderchor war schon immer Spitze. Der große Chor wurde in den vergangenen Jahren auch wegen schwankender Verfassung wenig eingesetzt. Der neue Chordirektor Gunter Berger hat ihn zu neuer Güte geführt. „Die Chöre werden künftig wieder stärker das Profil der Philharmonie mitbestimmen.“

Zwei große Vorhaben prägen die Arbeit der Intendantin. Das eine: „Wir wollen junge Eliten an uns binden, die frischen Wind und Internationalitäten bringen, denen wir zugleich unsere Werte vermitteln.“ Dies soll über eine Orchester-Akademie geschehen, die noch mit dem kürzlich verstorbenen Ehrendirigenten Kurt Masur besprochen worden ist. Sie ist gegründet, trägt Masurs Namen und wird ab Herbst bis zu zehn Akademisten für zwei Jahre ausbilden. Die Philharmonie, die wie alle Spitzenklangkörper klagt, es gebe zu wenig gute Hochschulabsolventen, schafft sich eine eigene Kaderschmiede.

Das zweite Großprojekt ist der Wiedereinzug in den Kulturpalast, der momentan einen Spitzen-Konzertsaal erhält. Bei anderen Bauprojekten der Stadt knirscht es, beim Kulturpalast scheint es – nach anfänglichen Verzögerungen – planvoll und reibungslos zu gehen. „Im Frühjahr 2017 ziehen wir ein. Die Tage werden bereits rückwärtsgezählt.“ Derzeit entsteht das Betreiberkonzept, denn die Philharmonie wird der Haupt-, aber nicht der einzige Nutzer des Saales sein. Das Podium gehört auch der Unterhaltung und der leichten Muse. Ganz neue Formate für Kinder und Familien würden entwickelt. So sollen die Chöre die pädagogische Arbeit bereichern.

Bewusst rücken wieder hiesige Komponisten ins Blickfeld. „Neben dem Royalen, das die Staatskapelle pflegt, muss auch das bürgerliche Musikleben der Stadt intensiv beleuchtet sein“, so Roth. „Dazu gehört auch, sich DDR-Musikern zu widmen, die trotz Qualitäten nach 1989 von den Spielplänen verschwanden. Wer, wenn nicht das städtische Orchester, sollte sie spielen.“

Konzerttipp: Arthur Honeggers Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“ mit Johanna Wokalek und Thomas Quasthoff unter Leitung von Bertrand de Billy am 6. und 7. 2., je ab 19.30 Uhr im Albertinum; Kartentel. 0351 4866866

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