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Mittwoch, 09.08.2017 Perspektiven

Die Schule entrümpeln, jetzt!

Wie lange wollen wir das alles unseren Kindern noch zumuten? Eine polemische Einmischung zum Schuljahresbeginn.

Von Volker Sielaff

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Bei dem ganzen Chaos in der Schul- und Bildungspolitik gerät das Wesentliche aus dem Blick.
Bei dem ganzen Chaos in der Schul- und Bildungspolitik gerät das Wesentliche aus dem Blick.

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  • Bei dem ganzen Chaos in der Schul- und Bildungspolitik gerät das Wesentliche aus dem Blick.
    Bei dem ganzen Chaos in der Schul- und Bildungspolitik gerät das Wesentliche aus dem Blick.
  • Volker Sielaff, geboren 1966 in Großröhrsdorf, ist Schriftsteller und lebt in Dresden. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Zuletzt erschien im Verlag Edition Azur der Prosaband „Überall Welt“.
    Volker Sielaff, geboren 1966 in Großröhrsdorf, ist Schriftsteller und lebt in Dresden. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Zuletzt erschien im Verlag Edition Azur der Prosaband „Überall Welt“.

Zu diesem Thema wollte ich eigentlich nichts mehr sagen. Denn ich bin es leid. Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass sich in der vermaledeiten Bildungspolitik dieses Landes und des Freistaates in den kommenden Jahren grundsätzlich etwas zum Besseren wenden wird. Denn man müsste damit anfangen, die Lehrpläne zu entrümpeln. Man müsste sich, ohne Rücksicht, von dem ganzen Ballast an Lehrstoff trennen, den diejenigen, die ihn täglich eingetrichtert bekommen, nie wieder in ihrem Leben brauchen werden. Man müsste wegkommen von diesem sinnlosen Bulimie-Lernen! Die Schüler also nicht mehr zwingen, möglichst viel in sich hineinzustopfen, damit sie es zur Prüfung unverdaut wieder ausspucken können.

Man müsste die Unterrichtszeiten auf den Prüfstand stellen: Warum so unsinnig früh anfangen? Sollen Grundschüler wirklich im Winter in aller Herrgottsdunkelheit und mit überschwerem Ranzen schon in die Schule traben müssen? Die Forschung weiß es längst besser: Frühes Aufstehen, sagt sie, kann sogar krank machen. Die innere Uhr von circa 70 Prozent der Menschen sei so beschaffen, dass diese frühestens gegen acht Uhr erst wirklich wach sind. Die Wirtschaft hat, mit flexiblen Arbeitszeiten, zum Teil schon darauf reagiert. Dort hat man offenbar ein Interesse an ausgeschlafenen – das heißt auch: gesunden und kreativen – Menschen. Die Schulanfangszeiten scheinen dagegen in Deutschland wie in Stein gemeißelt.

Es ist aussichtslos. Man müsste wohl die gesamte Bildungsbürokratie zum Teufel jagen und wieder ganz von vorne anfangen, um wirklich etwas zu ändern. Denn seit Jahren wird nur an den Symptomen herumgedoktert. Wird erklärt, was alles und warum nicht geht. Und ständig werden neue Entschuldigungen dafür vorgebracht, warum es nicht einmal gelingt, das Selbstverständliche bereitzustellen. Schulbücher zum Beispiel. Ich bin noch in der DDR zur Schule gegangen. Eine ideologische, vom Staat gelenkte Beschulung, voller Zwänge. Klar: möchte man nicht zurückhaben. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns einmal die Schulbücher fehlten.

Die Schülerzahlen sind im Wachsen begriffen, die Politik, die lange beklagte, dass in Europa keine Kinder mehr geboren würden, zeigt sich plötzlich erstaunt, dass so viel Nachwuchs in die Schulen drängt. Man ist alles andere als vorbereitet. Kaum ein Politiker, der nicht davon schwafelt, man müsse „mehr in Bildung investieren.“ In diesen Tagen beginnt der Wahlkrampf. Ich fürchte, die Sprüche auf den Wahlplakaten, denen man nicht entgehen können wird, werden an Einfallslosigkeit wieder einander zu überbieten versuchen. „Deutschland döst“, titelte eine große deutsche Zeitung voller Vorfreude. Achten Sie, liebe Leser, in den folgenden Wochen mal darauf, wie die Parteien mit dem Thema Bildung zu punkten versuchen. Die fehlenden Schulbücher werden bis zur Wahl schon gedruckt sein, aber das reicht nicht. Oder?

Der sogenannte „Pisa-Schock“ vor gut 15 Jahren – in der gleichnamigen Studie war an die Adresse Deutschlands vor allem das zu große Abhängigkeitsverhältnis von sozialer Herkunft und Bildungschancen kritisiert worden – hatte zwar dazu geführt, dass es Stück für Stück ein wenig besser wurde. Aber die Entwicklung stagniert inzwischen wieder, Deutschland hängt, hinter Ländern wie Singapur, Japan, Finnland, Australien und Großbritannien im gesichtslosen Mittelfeld fest.

Die Schüler wissen natürlich, was wir ihnen antun. Ein zwölfjähriges Mädchen sagte kürzlich zu mir: „Das bringt doch nichts, das hat doch mit echtem Lernen nichts zu tun. Etwas auswendig können heißt doch noch lange nicht, es auch wirklich zu verstehen!“ Ich glaube, die meisten jungen Erwachsenen erinnern sich noch gut daran, was Lernen einmal für sie gewesen ist. Damals, bevor die Schulkrake sie sich gegriffen hat, bevor man damit anfing, sie mit totem Lehrplanwissen zu traktieren. Sie haben sich – mehr denn je in der heutigen vernetzten Welt – eine Vorstellung von kreativem Zusammenwirken bewahrt. Und die versuchen sie nun andernorts zu leben: nach der Schule und ohne uns, vor ihren privaten PCs, im Freundeskreis. Irgendwann werden zumindest die Besten von ihnen uns überholen – und werden die Sache hoffentlich dann nicht mehr mit der Floskel abtun: „Bei uns war es auch nicht besser, wir mussten ja auch den ganzen Mist schlucken, bevor wir alles wieder vergessen durften.“

So, wie wir es heute tun, indem wir ihnen dicke Lehrpläne stricken und das mit gutem Lernen gleichsetzen. Aber gutes Lernen braucht Zusammenhang, braucht Freiräume und vor allem: Zeit zum Nachsinnen, ohne Stress. Oder wollen wir gar nichts anderes, als nur brave Staatsbürger heranziehen, die nichts mehr hinterfragen? Und die auf Wahlwerbung, die volltönend Bildung anpreist, ohne zu sagen, was sie darunter versteht, hereinfallen?

Sachsen schreibt, was Bildung und Schule betrifft, jedenfalls mehr denn je in diesen Tagen negative Schlagzeilen. Man hat plötzlich bemerkt, dass es zu wenige Lehrer gibt. Also sucht man händeringend welche. Sogenannte Seiteneinsteiger sind, neben Absolventen aus Bayern, die zu Hause keine Stelle bekommen haben, zur Zeit das Allheilmittel. Die zuständige sächsische Ministerin erklärte, es sei „schwerer als in den Jahren zuvor, für jede Klasse einen Lehrer zu finden“. Zu finden! Das klingt dann doch mehr nach Lotterie als nach einem guten Plan.

Was mich wirklich ärgert: Das „Wie“ des Unterrichtens – die Qualität der Schule, die wir unseren Kindern anbieten wollen – scheint bei all diesen Debatten nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Im Gegenteil: Einige Behörden entfalten eine wahrlich beachtliche Verhinderungsenergie, um das, was es an interessanten und lebhaften Schulprojekten immerhin schon gibt, verbieten zu lassen. Die in Dresden-Klotzsche ansässige Natur-und-Umweltschule (NuS) kämpft seit nunmehr sechs Jahren um ihre Genehmigung. Sie hat auch für das neue Schuljahr seitens der zuständigen Behörde nur eine „Duldung“ erhalten (was gleichbedeutend ist mit: kein Geld). Die ersten Schülerjahrgänge, die an dieser Schule einst Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, besuchen heute sächsische Gymnasien. Aus dem Umfeld hört man, beim Wechsel dieser Schüler an andere Schulen habe es weder Eingliederungsprobleme noch Leistungseinbrüche gegeben. Viele von ihnen verfügten zudem über eine beachtliche soziale Kompetenz. Man fragt sich, wo hier das Problem ist.

Mir fällt auf, dass gerade vieles, was vor hundert Jahren schon einmal aufkochte, wieder akut zu werden scheint. Im Dresdner Schulmuseum kann man sich darüber informieren, mit welcher Begeisterung um 1920 herum viele Volksschullehrer und zum kleineren Teil auch Gymnasialpädagogen sich für eine neue Schule einsetzten. Sie hatten von der lebensfremden „Paukschule“ genug, sie wollten mehr schulische Selbstverwaltung und, vor allem, Lehrplanfreiheit, um besser auf die Interessen und angelegten Begabungen der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen eingehen zu können. Heute gewinnt die Idee einer Neuen Schule, früher bekannt unter dem Begriff Reformschulbewegung, wieder an Bedeutung – gewiss auch, weil in unserem System so einiges festgefahren ist.

Zum Schuljahresbeginn starten in Sachsen sechs neue Schulen in privater Trägerschaft. Sie gesellen sich zu heute so bekannten und beliebten Einrichtungen wie der 1992 gegründeten Freien Alternativschule, der Laborschule in Gorbitz, der Christlichen Schule Dresden in Zschachwitz oder der Freien Montessorischule Huckepack. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht darum, freie Schulen gegen staatliche in Stellung zu bringen. Jede Schule, welche ihren Schülern dabei hilft, zu freien Persönlichkeiten heranzuwachsen, ist gut und wichtig. Man sollte den Freien nur die gleichen Chancen einräumen, ihre Idee von Schule in die Tat umsetzen zu dürfen. Und ihnen nicht das Leben schwer machen. Die Reformschulbewegung kam auf, weil offensichtlich etwas faul war mit der Schule im Staate. Heute sind wir, scheint es, wieder an diesem Punkt angekommen: die Schule, ein starrer und schwerfälliger alter Tanker, den man als Schüler nur mit Widerwillen besteigt. (Klar, ist nicht überall so.) Wer ehrlich ist, muss sich doch die Frage stellen, warum Elterninitiativen sich freiwillig all den Ärger aufbürden, den eine Schulneugründung mit sich bringt. Warum sie Kraft, Geduld, Freizeit dafür opfern, etwas Neues zu gründen. Vielleicht, siehe oben.

Das Problem ist aber gar nicht das Problem. Schlimm wird es nämlich erst dann, wenn man die Augen davor verschließt. Und wenn man denen, die mit großem Engagement versuchen, Schule aktiv mitzugestalten, den Mut zu nehmen versucht. Dann ist, finde ich, ein Aufschrei fällig. Vielleicht sollten Eltern, Lehrer und Schüler in Sachsen und darüber hinaus einer verfehlten Bildungspolitik gegenüber vorerst auch nur eine Duldung aussprechen. Denn, wie ein erzürnter Familienvater mir auf Facebook schrieb: „So geht Sächsisch – aber Schule geht so nicht!“

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. F.B.

    Diesem Kommentar ist inhaltlich nichts hinzuzufügen. Danke sehr, Herr Sielaff! Bleibt die Frage, ob und wann die ebenso langzeitregierende wie bildungspolitisch versagende Sachsen-CDU in diesem Land von ihrer bildungs- und sozialpolitischen Inkompetenz eingeholt und abgelöst wird? Vielleicht gehen zu viele Ältere wählen, denen ihre eigene Rente wichtiger als die Bildung ihrer Enkelgeneration erscheint? Es ist ja nicht so, das wir darbenden Eltern und unsere Kinder baldige Besserung in Sicht hätten: gerade fängt eine ausgebrannte Lehrer*innengeneration an, in (Vor-)Rente zu gehen. Dadurch fehlen weit mehr Lehrer*innen, als die paar in Sachsen ausgebildeten Lehrkräfte, Quereinsteigende oder bayrische Importe je kompensieren könnten. Eine Ministerin, der dieses Thema wirklich am Herzen liegt, hätte hier längst aufschreien und ihre wirtschaftsfixierte Parteielite mäßigen müssen...

  2. Joachim Herrmann

    Nicht man müsste- nein, man muss!Die Nordländer Europas haben es vorgemacht.Sie haben das Schulsystem der DDR von Ideologien befreit und so weiterentwickelt.In BRD undenkbar- in dieser Kleinstaaterei, wo Nord und Süd sich gegenseitig nicht anerkennen- schlimmer nichtwürdeigen.Noch schlimmer Sachsen- es ist gut so, es bleibt- basta.Dazu Bildungsagentur- was für ein idiotischer Name und nun noch Zentralisierung.Bildung als Kultur ist zumindest Wissen, (Erziehung) Kopfnoten aber ebenso sozialstrukturelles Tun und Denken.Ohne diese Systematik wird der Schöler ins Abseits des Lebens verleitet.Lehrmittel- hm, ein einziges Chaos.Lehrinhalte-. wo bleiben unsere überzähligen Institute, Besserwisser im akademischen Bereich, Gluckscheißer mit Dr. Titel und politische Entwicklungshelfer aller Diäten?!Das Wissen hat sich enorm verfielfacht, die Auswahl hat nur einen Gewerbeschein.Und Grundausbildung (Rechnen, Schreiben, Lesen) bis zur 4., 5. bis 8. Strukturbildung, danach Verififizierung OS/ Gym?!!

  3. Joachim Herrmann

    P.S.: Man sehe mir die Fehler nach, bei all der Wut im System. Frontalunterricht und "freies" Wesen der Inhalte- sicher diskutabel- aber? Lehrinhalte und die pädagogischen Kausalitäten der Unterbringung beim Schüler scheinen wesentlicher vom Schulstandort ab zu hängen, als von der Notwendigkeit Wissen, Erkenntisgewinn, Verarbeitungsmöglichkeiten und Zukunftsweisung in eine Gemengelage zu bringen. Zudem die Tagesverteilung von "Anstrengungen" und die Wiederholbarkeit von "Angefüttertem". Gleichwohl darf man wohl noch nach der Individualität von Leistungsvermögen auch in der Umsetzung in allen Schultypen fragen?! Und, die Einteilung von Zulassungsbedingungen für "Höherwertiges", ist das schizophrenste, was unser Land umsetzt. 1. bis 4. Klasse sollte dem Grundsätzlichen des Lerneinstieges folgen (Grundlagen, wie Sprache (n), Rechnen, Schreiben (ohne Smartphone), musische und intelektuelle Erzeihung und Bildung). 5. bis 8. dann die Grundlagenfächer Naturwissenschaft. Dann die Trennung!!!

  4. Müller

    Lehrplan entrümpeln - JA, einheitlich Lehrpläne in ganz D - JA, später anfangen - NEIN, der frühe Vogel fängt den Wurm, DDR-Schulsystem wieder einführen - NIEMALS, Gott sei dank ist dieser Dreck Geschichte!!!

  5. Berg

    Ein blindwütender Rundumschlag, dieser Aufsatz - Und Joachim Herrmann setzt gleich noch zwei Schläge obenauf, auch vor Wut, wie er selber schreibt. - Der Autor sollte zunächst aus seiner Dichterrolle heraustreten und sich all die anderen Berufe vergegenwärtugen, für die umfangreichste Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben werden, egal ob als Facharbeiter oder als Ing., Arzt, Richter, Architekt, Lehrer. Und für all diese beruflichen Tätigkeiten wird in der Schule vorbereitet, in allen Fächern und in Disziplin, Ausdauer, Anstrengung, Fleiß. Ich weiß nicht, welcher Quali sich der Autor gewidmet hat, Wiki schreibt nichts dazu. Ich bin aber froh, dass mir und meinen Kindern und meinen Enkeln in der Schule viel beigebracht worden ist, auch das zeitige Aufstehen mit einem Fußmarsch durch frischgefallenen Schnee....

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