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Freitag, 19.05.2017

Die Lust des Gerhard Richter

Der Maler Gerhard Richter zeigt farbexplosive Bilder in Dresden und bindet sich noch stärker an seine Geburtsstadt.

Von Rafael Barth

Ein gut gelaunter Gerhard Richter präsentiert seine jüngsten und farbenfrohen Werke im Dresdner Albertinum.
Ein gut gelaunter Gerhard Richter präsentiert seine jüngsten und farbenfrohen Werke im Dresdner Albertinum.

© Roland Bonss

Dresden. Wie es leuchtet. Das Gelb könnten Raps und Sonnenblumen verstäubt haben. Auf das Rot wäre jeder Hummer neidisch. Türkisblau strahlt die Südsee durch. Die kräftigen Farben brechen sich Bahn auf den neuen Bildern von Gerhard Richter. Manchmal platzen sie hervor aus dunklen Schründen und durchstoßen mächtige Schichten. Der Maler nennt diese Werke eine Befreiung. Oder, noch schöner: Altersleichtsinn.

Schon deshalb ist es ein Glücksfall, dass sie nun in Dresden zu sehen sind. Richter, dem das Etikett anhaftet, der bedeutendste Künstler der Gegenwart zu sein, ist im Februar 85 geworden. Pünktlich zum Geburtstag gratulierte das Museum Ludwig in Köln mit einer Ausstellung, und damit jene Stadt, in der Richter seit Jahrzehnten lebt. Zur Welt gekommen ist er 1932 in Dresden. Er wuchs in der Oberlausitz auf, wurde in Zittau zum Schriften- und Bühnenmaler ausgebildet und begann in Dresden das Kunststudium. Es war der Anfang einer beeindruckenden Karriere, die ihn auf den Gipfel der Kunstwelt führte und noch nicht beendet ist. Beleg dafür ist die Kölner Ausstellung, die in veränderter Form am Freitagabend im Dresdner Albertinum eröffnet wurde. Auch am Rhein zeigte man neue, abstrakte Bilder. Aber erst jetzt an der Elbe gibt es sieben Gemälde zu sehen, bei denen die Ölfarbe noch nicht durchgetrocknet ist. Sie sind gerade mal zwei Monate alt.

Man spürt darin die Befreiung, von der Richter spricht. Man kann den Aufbruch nachvollziehen, wenn man weiß, woran er vorher gearbeitet hat. Fotografien aus dem Konzentrationslager Birkenau hatten ihn angeregt zu einer Gruppe von vier großformatigen Gemälden, auf denen graue Schlieren dominierten, durchbrochen von Einpeitschungen in Rot und Grün. Es war ein weiterer Vorstoß Richters, den Bruchstellen des abgelaufenen Jahrhunderts künstlerisch Gestalt zu geben. In den späten Achtzigern hatte er für eine Kontroverse gesorgt mit figürlichen Porträts verstorbener RAF-Häftlinge. Auch dieser sogenannte Stammheim-Zyklus war schon im Albertinum zu sehen.

Dort sind seit einigen Jahren zwei Ausstellungssäle exklusiv für Richters Arbeiten reserviert. Für die jetzige Ausstellung haben die Staatlichen Kunstsammlungen diesen Platz geräumt, einzig die Glas- und Stahlkonstruktion „9 stehende Scheiben“ blieb an ihrem Ort. Sie passt ideal dorthin. Besucher können durch die spiegelnden Scheiben auf die vibrierenden Bilder schauen, so verstärken sich Bewegungen und Reflexionen aus der Malerei in den Raum hinein.

Zwar sind die Bilder frei von historischen Bezügen. Zwar helfen Titel wie „Abstraktes Bild (949-2)“ bestenfalls beim Schreiben der Künstlerchronik. Zwar mag man sich auch an Pixelgewitter erinnert fühlen, wie sie auf dem Bildschirm eines gestörten Computers niedergehen. Doch rufen die Gemälde unwillkürlich Natur und Landschaft in den Sinn. Die schroffen Oberflächen von Felsen zum Beispiel oder Verzweigungen von Flechten. Unübersehbar ist die zeichnerische Qualität der Arbeiten, die entsteht durch den flammenden Wechsel von Linien, Flächen, Flecken. Ein langer Arbeitsprozess führt den Künstler zu diesen Bildern, die bis zu zweieinhalb Meter breit sind. Mit dem Pinsel trägt er mehrere Schichten Farbe übereinander auf, der Rakel hilft beim Verwischen. Mit einem Messer kratzt Richter Spuren in die Oberfläche, legt tiefere Ebenen wieder frei, dringt vor bis auf den Untergrund. Das Ergebnis sind kleinteilige, heftig pulsierende Farbräume. Sie sehen aus, als hätte jemand die Kontrolle verloren. Ein Kontrollverlust, vom Künstler selbst überwacht.

Richter prüft seine Arbeiten, und manche zieht er zurück, selbst wenn der Kunstmarkt millionenverzückt danach giert. In der Ausstellung hängen zwei Gemälde, die ursprünglich Seestücke von Richter zeigten. Der Künstler hat die beiden Querformate übermalt. Nun gleicht der abstrakte Gestus dem der anderen Arbeiten daneben. Warum er eigene Bilder verwarf? „Die waren stimmungsvoll“, kommentiert Richter. „Hat nicht gereicht.“

Man merkt, dass ihn das Großaufgebot der Presse am Freitagvormittag Kraft kostet. Die Zornesfalte und der gerade Strich des Mundes machen ihn streng. Er spricht so leise, dass manches im Gemurmel untergeht. Was ihm diese Schau bedeutet, da er von New York bis Peking schon überall ausgestellt hat? Richter: „Das gehört zur Malerei dazu, sie zu zeigen. Es wäre Wahnsinn, wenn sie nicht verstanden würde.“ Was seine Anmerkungen zum Verstehen beitragen? Was hat ihn angetrieben, nach früheren, gedämpfteren Abstraktionen nun auf pralle Vielfarbigkeit zu setzen? Richter einsilbig präzise: „Lust.“

Er weiß, dass es gut ankommt, wenn man die örtlichen Medien mit Komplimenten versorgt. Gefragt, wie die vorher in Köln gezeigten Bilder nun in Dresden wirken, sagt er: „Hier sehen sie schöner aus.“ Er liefert dafür Argumente. Im Museum Ludwig hingen die Gemälde wie in einem Flur. Im Albertinum bekommen sie nun mehr Raum und mehr Luft – den klassischen Oberlichtsälen sei Dank.

Es seien durchaus auch „sentimentale Gründe“ gewesen, sagt Richter, die Bilder in seiner Geburtsstadt auszustellen. Gleichwohl verbindet den Künstler viel mit Dresden. Seit 2006 betreiben die Staatlichen Kunstsammlungen das Gerhard-Richter-Archiv mit Tausenden Briefen, Büchern, Fotos, Plakaten, Presseartikeln, Einladungskarten. Die Mitarbeiter erstellen das siebenbändige Werkverzeichnis des Künstlers, was bedeutet, etwa 3 500 Arbeiten akribisch zu katalogisieren. Ins Leben gerufen wurde das Archiv vom früheren Sammlungschef Martin Roth, allerdings ohne alle rechtlichen Fragen erschöpfend zu klären. Nun steht fest: Das Archiv bleibt dauerhaft in Dresden. Es will die Zusammenarbeit mit dem Kölner Atelier des Künstlers ausbauen. Generaldirektorin Marion Ackermann freut sich darüber: „Was mit einem Handschlag mit Martin Roth begann, hat jetzt eine schriftliche, verbindliche Form gefunden. Beide bekennen sich noch stärker zueinander: Gerhard Richter zu Dresden und wir zu Gerhard Richter.“

Die Ausstellung „Gerhard Richter. Neue Bilder“ ist bis 27. August zu sehen im Dresdner Albertinum, Eingang Georg-Treu-Platz oder Brühlsche Terrasse, geöffnet Di – So von 10 bis 18 Uhr.

Katalog nur zur Kölner Ausstellung im Verlag der Buchhandlung Walther König, 72 S., 24 Euro.