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Mittwoch, 10.02.2016 Perspektiven

Die Lust auf Presseschelte

Noch nie gingen beim Deutschen Presserat so viele Beschwerden ein. Doch ein großer Teil davon ist absurd – und trotzdem Anlass zum Nachdenken.

Von Katrin Saft

Erlaubt scheint nur noch zu sein, was der eigenen Auffassung entspricht.
Erlaubt scheint nur noch zu sein, was der eigenen Auffassung entspricht.

© dpa

Götze und Müller schießen Polen ab, titelt eine Zeitung. Ein Fußball-Sieg, der zum Politikum gerät. Denn angesichts des Überfalls Hitler-Deutschlands, klagt ein Leser, gehöre eine solche Überschrift verboten – und beschwert sich beim Deutschen Presserat. Das Gremium aus Verlegern und Redakteuren wacht darüber, dass publizistische Grundwerte wie Sorgfalt, Persönlichkeitsschutz oder Trennung von Werbung und Redaktion eingehalten werden. Nicht nur die Zahl der Beschwerden ist auf Rekordhöhe gestiegen, sondern auch der Ton unsachlicher geworden.

Es geht um „Volksverhetzung“, „Tendenz-Propaganda“ und „mediale Hinrichtung“. In Zeiten, wenn Menschen auf der Straße „Lügenpresse“ skandieren, klingen die Vorwürfe zuweilen erschreckend fundamental. Da wird sich über „gezielte Desinformation“, „gedankliche Brandstiftung“ und „rhetorische Gewaltspiralen“ beklagt. „Dies sind Methoden, die ich nur aus DDR-Zeiten und dem Dritten Reich kenne“, schreibt ein Leser an den Presserat und fordert, die verantwortlichen Autoren zu rügen. Ein Zeichen für den Verfall von Moral und Anstand in den Redaktionen?

Zwar musste der Presserat im vergangenen Jahr mehr Rügen für schwere Verstöße aussprechen. Doch fast die Hälfte der 2 358 Beschwerden hat es nicht mal bis in die beratenden Ausschüsse geschafft – weil sie anonym, absurd oder schon auf den ersten Blick unbegründet waren. Auffällig oft geht es dabei um politische Interpretationen oder die persönliche Deutung von Geschehnissen. Ein Leser zum Beispiel schneidet über Monate Fotos von rauchenden Menschen aus und behauptet: Dahinter steckt die Raucherlobby! Ein Redakteur beschreibt Demonstranten mit den Worten: „Die meisten sind Männer mit dicken Bäuchen und bunten T-Shirts.“ Das, so ein Beschwerdebürger, verletze die Menschenwürde und suggeriere: „Hier haben nur fette Schweine zu Unrecht demonstriert.“

Auch der Presserat bekommt die Hysterisierung der Gesellschaft zu spüren, die weniger auf Fakten als auf Gefühlen beruht. Eine Zeitung veröffentlicht nach Paris ein Foto des bärtigen ISIS-Anführers unter der Überschrift „Der Feind“. Damit, so unterstellt ihr ein Beschwerdeführer, vermittle sie die Botschaft: Alle muslimisch aussehenden Männer sind Feinde.

Die politisch motivierten Beschwerden haben deutlich zugenommen. Im Kern geht es immer wieder um die gleichen Anschuldigungen: Die Presse berichte einseitig, verfälsche oder lasse Fakten weg. Eine Rede des türkischen Präsidenten Erdogan sei nicht korrekt übersetzt, Putin zu Unrecht kritisiert worden. Dabei versuchen diejenigen, die die Pressefreiheit am lautesten einfordern, sie manchmal für sich selbst auszulegen. Ein NPD-Chef wird mit einem Döner erwischt, und eine Redaktion fragt: Dürfen Ausländerhasser beim Türken essen? Parteifreunde sehen darin eine Missachtung von Persönlichkeitsrechten, weil an Essgewohnheiten kein öffentliches Interesse bestehe. In diesem Fall schon!

Selbst vor Kommentaren, die eindeutig von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, macht Kritik heute nicht mehr halt. Erlaubt scheint nur noch, was der eigenen Auffassung entspricht. „Diese Denkart“, bemängelt ein Leser einen Leitartikel, „wird allmählich zur inoffiziellen Staatsreligion.“ Und ein anderer fordert, dass ein Kommentar nicht von demjenigen geschrieben werden dürfe, von dem der dazugehörige Bericht stamme. Ja, von wem denn sonst? Von einem Neutrum, das keine Ahnung vom Thema hat?

Auch Satire, die ausdrücklich zuspitzen und verspotten darf, landet immer häufiger als Beschwerdefall beim Presserat: Eine Karikatur in einer Regionalzeitung zeigt ein Flüchtlingsboot auf hoher See. Fragt der eine Insasse: „Was machen wir, wenn wir in Europa sind?“ Sagt der andere: „Camping!“ Der Zeichner, so der Vorwurf, mache sich über die Todesangst von Flüchtlingen lustig. Eine andere Karikatur zeigt einen Afrikaner mit wulstigen Lippen. Schon das riecht nach Diskriminierung.

Überraschend ist nur, dass sich heutzutage auch deutsche Minder- und Mehrheiten zunehmend diskriminiert fühlen. Jäger sehen sich diskriminiert, weil sie als Tierquäler oder potenzielle Mörder dargestellt würden. Fleischesser rufen nach dem Presserat, weil eine Kritik am Fleischkonsum nachweislich von einer Veganerin stamme. Transsexuelle beklagen sich über „Misgendering“, weil nicht jeder Redakteur sauber durchhole, wann es sich noch um Mann oder schon um Frau oder umgekehrt handle.

Doch auch der Mann als solcher beschwert sich inzwischen auffällig oft über seine angebliche Diskriminierung. Eine Zeitung zum Beispiel berichtet über einen Fall von Ärztebestechung: „Millionen für die Herren in Weiß“. Der Vorwurf: Sie unterschlage damit glatt, dass es auch Frauen gibt, die den Arztberuf ausüben. Die Überschrift „20 Männer greifen zwei Polizisten an“ soll gegen den Pressekodex verstoßen, weil „die Zugehörigkeit der Verdächtigen zu einem Geschlecht erwähnt wird“. Und geradezu sexistisch sei es, eine Studie zum umweltbewussteren Verhalten von Frauen anzukündigen mit der Zeile: „Der Mann als Klimarisiko“.

Von den 2 358 Beschwerden voriges Jahr bleiben neben diversen Missbilligungen und Hinweisen für kleinere Verstöße. am Ende 35 Rügen übrig. Dazu zählen aber nicht in erster Linie Fälle von Diskriminierung oder politischer Unkorrektheit, sondern vor allem Schleichwerbung und Verletzung des Persönlichkeitsschutzes. Letztere gipfelt in den Abdruck von Opfergalerien und die unangemessen sensationelle Darstellung von Brutalität und Leid nach Anschlägen oder Unglücken. Fast in Echtzeit gehen die Beschwerden ein – und zwar massenhaft: nach Charlie Hebdo, nach Germanwings, nach Paris.

Insofern lässt sich die gestiegene Fallzahl auch als Ausdruck gewachsener Sensibilität, als zivilgesellschaftliches Engagement für Qualität in der Presse interpretieren. Und das ist gut so. Auch wenn die meisten Beschwerden beim Presserat unbegründet sind, lohnt sich die Diskussion darüber. Zeitungen dürfen eine Haltung haben. Die Frage ist allerdings, ob sie in gesellschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen auch immer den richtigen Ton finden, sie an die Leser zu bringen. Die Überschrift „Keiner will VW ficken“ zum Beispiel ist presseethisch nicht zu ahnden. Geschmacklos bleibt sie trotzdem. Und wenn eine überregionale Zeitung nach der Merkel-Visite in Heidenau titelt „Besuch im Tal der Mitleidslosen“, so mag das eine zulässige Zuspitzung sein. Pauschal in die rechte Schublade gesteckt fühle ich mich als Tal-Bewohnerin dadurch trotzdem.

Unsere Autorin Katrin Saft ist Vorsitzende des Beschwerdeausschusses 2 des Deutschen Presserates. Die Diplomjournalistin leitet die gemeinsame Redaktionsagentur der Sächsischen Zeitung und der Freien Presse „Nutzwerk“, die die Leben- und Serviceseiten produziert.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.