sz-online.de | Sachsen im Netz

Die Kanzlerin kommt knapp davon

Christian v. Ditfurth schreibt einen Politthriller der Extraklasse über den Westen, der in eine Katastrophe stürzt.

22.09.2017
Von Rainer Rönsch

erin kommt knapp davon
Christian v. Ditfurth, 64, schreibt seit 1999 Krimis und andere Romane voller Brisanz.

© Zitzlaff

In Berlin, Paris und London werden die Chefs von Wasserwerken mit ihren Ehefrauen in der Badewanne ertränkt. Es folgen Anschläge auf Brücken und auf den Eurotunnel. Was soll mit den offenbar zentral gelenkten Morden erreicht werden, die immer mit Wasser zu tun haben?

Es ist dies der dritte Fall für den Berliner Kriminalhauptkommissar Eugen de Bodt, der aus Trotz gegen den Vater zur Polizei ging, und dessen Widerspenstigkeit gegen alle Chefs wohl auch mit seinem Vaterkomplex zu tun hat. Gemeinsam mit Oberkommissarin Silvia Salinger und anderen aus früheren Romanen des Autors bekannten Mitstreitern bemüht er sich, die Signale zu deuten. Hat ein vom Untergang bedrohter Inselstaat bezahlte Terroristen auf den Westen gehetzt?

Ein paar Nächte lang ist de Bodt „auch nur ein Mann“. Die grünäugige neue Nachbarin bringt ihn zum Reden. Dann aber siegt das Misstrauen, das zum Berufsbild des Kriminalisten gehört, über das Testosteron. Lächelnd teilt er der Schönen mit, dass er ihre Verbindung zu den Gangstern durchschaut. Er wendet sich wieder Silvia Salinger zu, der es an Vertrauen und Selbstvertrauen fehlt und die unter dem Schwebezustand ihrer Beziehung leidet wie er.

Auch Mit- und Gegenspieler aus dem Thriller „Zwei Sekunden“ von 2016 sind wieder da: russische Agenten, der selbstironische Kriminalist Yussuf, der intrigante Kollege Krüger und vor allem der Killer Bob, der vor de Bodts Augen per Hubschrauber aus dem Zuchthaus befreit wird.

Irgendwann erkennt Eugen de Bodt, dass es nicht um Wasser geht, sondern um Geld, sagenhaft viel Geld. Das Wort „Leerverkauf“ klingt so obszön, wie es der Sachverhalt ist: Man verkauft Wertpapiere, die einem noch gar nicht gehören, in der sicheren Erwartung eines Börsensturzes und kauft sie danach zu Spottpreisen auf. Wer aber weiß, dass die Börse einbrechen wird? Der Kriminalist findet die Antwort, muss sich hinsichtlich des genauen Zielpunkts der Verbrecher korrigieren, erntet dafür Hohn und Spott – und behält am Ende wieder recht.

Bei diesem Thriller auf „Königsebene“ wird selbstverständlich kein Kreistierarzt attackiert, sondern die Frau Bundeskanzlerin höchstselbst. Weil de Bodt sie rechtzeitig warnt, macht er sich vorübergehend unangreifbar, sodass seine Chefs zähneknirschend akzeptieren, dass er „vielleicht später“ mal Zeit für sie hat. Die Drahtzieher der Verbrechen finden sich dort, wo man sie gefühlsmäßig nach realen Schweinereien vermutet – Volkswagen ist ausnahmsweise nicht gemeint.

In einer spannenden Nebenhandlung wird ein Computernerd zum mörderischen Rächer seiner Freundin, die beim Tauchen in der Südsee mit einem für ihn gedachten Harpunenpfeil getötet wurde. Der Mann hatte zufällig einen geheimen Server gefunden und gehackt.

Sein Können beweist der Autor Christian v. Ditfurth auch in kurzen Szenen mit Opfern der Anschläge. Keine zwei Seiten braucht er, um auf einer Unglücksfähre eine komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung facettenreich darzustellen. Hohes Tempo, giftiger Sarkasmus, sensationelle Verbrechen, rasch wechselnde Perspektiven und ein eigenwilliger Held, der inkorrekt das Richtige tut: Christian v. Ditfurth hat einen Politthriller der Extraklasse geschrieben.

Christian v. Ditfurth: Giftflut. Carl’s books, 479 Seiten, 15 Euro