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Montag, 25.04.2016

Die große Katastrophe

Die Türkei stört sich an einem Musikprojekt der Dresdner Sinfoniker. Die wollen dennoch in Istanbul spielen.

Von Marcus Krämer und Andy Dallmann

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© Dresdner Sinfoniker

  • An Menschen wie diese Armenier will das Musikprojekt „Aghet“ erinnern. 1915 wurden sie vom türkischen Staat verfolgt, vertrieben und zu Hunderttausenden ermordet. Unter den Opfern waren auch die Eltern von Marc Sinans Großmutter. Ihr widmet er seine Musik, aber auch dem muslimischen Paar, das seine Großmutter rettete und aufzog.
    An Menschen wie diese Armenier will das Musikprojekt „Aghet“ erinnern. 1915 wurden sie vom türkischen Staat verfolgt, vertrieben und zu Hunderttausenden ermordet. Unter den Opfern waren auch die Eltern von Marc Sinans Großmutter. Ihr widmet er seine Musik, aber auch dem muslimischen Paar, das seine Großmutter rettete und aufzog.

Die einen nennen es Heuchelei, die anderen sprechen von Diplomatie. Das Verhältnis zwischen der Türkei und den Armeniern versetzt westliche Politiker jedenfalls seit jeher in erstaunliche verbale Verrenkungen. Bis heute vermeiden viele Offizielle, auch in Deutschland, den Begriff „Völkermord“, wenn es um die Vertreibung und Ermordung Hunderttausender Armenier im Osmanischen Reich vor 100 Jahren geht. Zu allergisch reagiert die türkische Regierung allein auf die Erwähnung dieses Begriffs, den sie rundheraus ablehnt. Und zu wichtig ist die Türkei geostrategisch, als Nato-Partner in einer ewigen Krisenregion. Das alles ist überhaupt nicht neu, und deshalb ist es zunächst auch nicht weiter verwunderlich, was den Dresdner Sinfonikern nun passiert ist. Was die Sache nicht besser macht.

Nach dem umstrittenen Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei und den Querelen um den Komiker Jan Böhmermann scheint der Skandal nun aber perfekt zu sein: „Erdogan will deutsches Kulturprojekt stoppen“, so lautete eine Schlagzeile der Bild am Sonntag. Das ist gekonnt zugespitzt, denn zuerst einmal geht es darum, dass der türkische EU-Botschafter sich offenbar bei der Europäischen Kommission über das armenisch-türkische Konzertprojekt „Aghet“ der Dresdner Sinfoniker beschwert hat, wie am Samstag die Zeitung Dresdner Neueste Nachrichten berichtete. Die EU fördert das Projekt, und die Sinfoniker reden in ihrer Ankündigung von „Völkermord“ beziehungsweise „Genozid“.

Immerhin hat der türkische Botschafter mit seiner Einmischung erreicht, dass sich nun sogar der Boulevard für ein ambitioniertes Musikprojekt der Sinfoniker interessiert. Der Schuss geht also, wie schon im Fall Böhmermann, voll nach hinten los. Die EU-Kommission hat die Projektbeschreibung zu „Aghet“ vorläufig von ihrer Internetseite gelöscht und will nun die Formulierung ändern. Man darf vermuten, dass der Begriff „Genozid“ in der neuen Fassung nicht mehr auftauchen wird. Und trotzdem führt die ganze Posse dazu, dass nun erst recht auf allen Kanälen vom Völkermord an den Armeniern die Rede ist.

Die Sächsische Zeitung hat die türkische Botschaft um eine Stellungnahme gebeten. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe blieb eine Antwort aus. Auch die Europäische Kommission hält sich zu den Vorwürfen bedeckt. Auf mehrere konkrete Fragen erhielt die SZ auch aus Brüssel keine eindeutigen Antworten. Stattdessen schickte eine Sprecherin eine allgemeine, sehr diplomatische Erklärung. Man habe die Projektbeschreibung wegen der „geäußerten Bedenken gegenüber der Wortwahl“ von der Seite genommen. Ein neuer Text werde in den nächsten Tagen veröffentlicht.

Die Kommission behalte sich das Recht vor, die Formulierung auf ihrer eigenen Seite anzupassen. Das Projekt „Aghet“ selbst und dessen Förderung sei jedoch nie infrage gestellt worden. Tatsächlich findet sich im Internet nach wie vor eine offizielle Liste der EU mit geförderten Programmen. Unter der Projektnummer 559644 steht dort auch der Titel „Aghet – Die große Katastrophe“, finanziert mit 200 000 Euro.

Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, ist nun wütend und enttäuscht zugleich: „Was die Türkei da versucht, ist eine bodenlose Unverschämtheit“, sagte er der SZ. „Andererseits hätte die EU-Kommission aber auch nicht einknicken dürfen. Es gibt schließlich keinen Grund, die Projektbeschreibung zu entschärfen.“

Angefangen hätten die Querelen vor gut zwei Wochen – also etwa zu der Zeit, in der auch die Böhmermann-Schmähgedicht-Affäre aufkochte – und sich dann stetig hochgeschaukelt. „Wir bekamen die Information von der EU-Kommission, dass es eine offizielle Anfrage des türkischen Vertreters bei der EU zu unserem Projekt gebe“, so Rindt. „Die wollten dann von uns zunächst erfahren, ob wir etwas darüber wüssten. Und wir wussten von nichts.“

Danach soll die Türkei nahezu täglich bei der EU-Kommission interveniert und immer mehr Druck aufgebaut haben. Rindt: „Es wurde wohl gedroht, die Zahlungen an den EU-Kulturfonds einzustellen. Letztlich sei sogar die Rede davon gewesen, die Beitrittsverhandlungen auf Eis zu legen.“ Immerhin, sagt Rindt mit einem Anflug von Sarkasmus, hätte der türkische EU-Botschafter nicht verlangt, „Aghet“ ganz abzublasen. „Es würde ihm wohl genügen, wenn die EU uns nicht mehr unterstützt und nicht mehr über das Projekt informiert.“

Für ihn stehe somit fest, die türkischen Offiziellen hätten nicht verstanden, worum es geht. „Aghet“ sei keine Provokation, sondern eine Geste der Versöhnung. Schon allein, weil Mitinitiator Marc Sinan sowohl armenische als auch türkische und deutsche Wurzeln hat. Deshalb will Rindt auch unbedingt am Novemberkonzert in Istanbul festhalten. „Auch wenn das garantiert kein leichter Trip wird: Das ist enorm wichtig für uns alle.“ Er hofft, dass die Türkei unter dem öffentlichen Druck, der sich gerade aufbaue, gar nicht erst versuchen werde, den Istanbul-Auftritt seines Orchesters zu verhindern.

Solidarisch zeigte sich am Sonntag Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD). Sie erklärte: „Ich unterstütze dieses Projekt der Dresdner Sinfoniker und warne vor einer Einflussnahme der Türkei.“ Sie weise die Versuche, die Meinungs- und Kunstfreiheit zu beschränken, zurück und versicherte: „Ich bin stolz, dass sich die Kulturstiftung Sachsens zur Förderung dieses einzigartigen und länderübergreifenden Konzertprojekts entschieden hat.“

Am 30. April ab 20 Uhr spielen die Dresdner Sinfoniker und Marc Sinan mit armenischen und türkischen Gästen sowie Mitgliedern des No Borders Orchestras, des Dresdner Kammerchors und AuditivVokal „Aghet“ im Festspielhaus Hellerau.