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Die Gnade der deutschen Geburt

Stolz ist nichts anderes als Dankbarkeit. Deshalb darf man auch stolz sein auf unser Land.

27.05.2016
Von Werner J. Patzelt

 der deutschen Geburt
Unser Autor: Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Den Bürger Bittner macht besorgt, dass manche Deutsche ihr Vaterland lieben wollen. Patriotismus führe nämlich rasch zum Nationalismus – und der zum wechselseitigen Umbringen. Das kann man so sehen. Aber auch anders.

Warum wohl soll man jene Frau, von der man zufällig geboren wurde, mehr lieben als andere Frauen ähnlichen Alters? Und kann man eigentlich auf seine Mutter oder auf seinen Vater stolz sein? Immerhin hat man zu deren Leistungen nichts beigetragen. Umgekehrt: Warum eigentlich schämt man sich manchmal für Leute aus seiner Familie und für deren Verhalten? Dafür kann man selbst doch nichts! Ebenso wenig wie der Bürger Bittner für Hitlerei und Holocaust.

Womöglich gibt es eben doch Zusammengehörigkeit, die nicht einfach dahinschwindet, bloß weil die Zauberformel von „Individualität und Humanität“ erklingt. Oder, weil man sie einfach nicht mag.

Wie weit oder wohin hätten wohl Bittner und ich es gebracht, wäre unser Land von Bürgerkriegen zerrissen wie Somalia oder Libyen? Was für kultivierte Zeitgenossen wären wir wohl, wenn wir weiterhin in jenen Trümmerstädten leben müssten, die der an seine Ausgangsstätte heimgekehrte Krieg in Deutschland geschaffen hat? Oder in einer brasilianischen Favela? Wem das Glück gegönnt war, in einem guten Land wie dem unseren aufzuwachsen, der mag schon leichthin sagen, so etwas wie Dankbarkeit – die mit Zuneigung, ja Liebe gar nicht wenig zu tun hat – wäre für diesen schlichten biografischen Zufall durchaus nicht angebracht. Doch wird sich ein Flüchtling nicht wundern, wenn er, unter Gefahren nach Deutschland gelangt, bald erfährt, dass gerade den dort Einheimischen das Land seiner eigenen Hoffnung nicht wirklich viel bedeutet?

Mich wundert seit Langem, dass gerade jene sich bei der Bekundung eines rein geschäftsmäßigen Verhältnisses zum eigenen Land so oft so toll vorkommen, die sonst nicht müde werden, Empathie und Sensibilität, Zuneigung und Solidarität zu loben. Die auch gar nicht merken, dass Stolz nichts anderes ist als Dankbarkeit dafür, einer Gruppe tüchtiger Leute angehören zu dürfen – verbunden mit der Bereitschaft, dieser Gruppe etwas von dem zurückzugeben, was man ihr verdankt. Und vermischt auch mit Freude am Sehenlassen dessen, wie gerne man sich so verhält.