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Mittwoch, 11.01.2017

Die Alibifrauen

Die deutsche Theaterlandschaft ist einzigartig – und einzigartig männlich. Warum nur gibt es so wenige Intendantinnen?

Von Johanna Lemke

Carena Schlewitt ist derzeit Direktorin der „Kaserne“ in Basel. Ab 2018 wird sie Intendantin des Festspielhauses Hellerau in Dresden. Sie ist eine von wenigen Theaterchefinnen in Deutschland.
Carena Schlewitt ist derzeit Direktorin der „Kaserne“ in Basel. Ab 2018 wird sie Intendantin des Festspielhauses Hellerau in Dresden. Sie ist eine von wenigen Theaterchefinnen in Deutschland.

© Dominik Labhardt

Es gab Tage, da wollte Barbara Mundel alles hinschmeißen. Da dachte sie: Das schaff ich nicht, ich mach das nicht weiter. Als sie als Mutter einer vierjährigen Tochter die Intendanz des Staatstheaters Freiburg antrat. Ohne helfende Großeltern in der Nähe, ohne Partner, der unter der Woche mitmachen konnte. Die Kinderfrau gehörte zur Familie, die Oma kam wochenweise von Hannover gefahren, wenn Mundel auf Geschäftsreise ging. Inzwischen ist die Tochter aus dem Gröbsten raus, aber damals wusste Barbara Mundel nicht immer, ob das so eine gute Idee war.

Mundel ist eine von sehr wenigen Intendantinnen an deutschen Bühnen. Je nachdem, welche Häuser man mitzählt, bewegt sich die absolute Zahl zwischen acht und maximal fünfzehn. Das sind etwa 20 Prozent. Die Spitzenhäuser sind vorwiegend in der Hand von Männern. Und wenn man sich die Zahlen anschaut, bekommt man nicht gerade Hoffnung, dass sich das so schnell ändern würde; es hat sich in den letzten 20 Jahren so gut wie nichts getan.

Männliche Stagnation herrscht an deutschen Theatern, auch in den nächstniedrigeren Chefetagen: Die meisten Schauspieldirektoren sind Männer, ebenso viele Chefdramaturgen. Drunter dann erst wird es immer weiblicher, bis man bei den mies bezahlten Souffleusen angekommen ist – die sind fast allesamt Frauen.

Dresden ist in dieser Hinsicht der bundesweiten Theaterlandschaft voraus. Am Theater Junge Generation gibt es mit Felicitas Loewe eine Intendantin. Die Leitung des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau wird ab 2018 die erfahrene Theaterfrau Carena Schlewitt übernehmen, die derzeit noch das Produktionshaus „Kaserne“ in Basel leitet. „Es stört mich, dass ich im 21. Jahrhundert oft noch die Alibifrau bin“, sagt Schlewitt. In Kommissionen, Jurys, auf Preisverleihungen treffe sie oft nur auf schwarze Anzugrücken.

Theater sollen die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln. Sie setzen sich im besten Fall mit Themen aus der ganzen Gesellschaft auseinander. Dafür bekommen sie Geld vom Staat. Im Idealfall repräsentieren Theater also das Volk. Als staatlich subventionierte Einrichtungen müssen sie außerdem eigentlich dafür sorgen, dass keine Personengruppe benachteiligt ist. Wie lässt es sich rechtfertigen, dass Frauen im Theater so selten das Sagen haben?

Sind die Frauen selbst schuld?

Vielleicht sind sie ja selbst schuld? Sind sie möglicherweise nicht gut genug, um Theater mit mehreren Hundert Mitarbeitern zu leiten? Merkwürdigerweise sind aber die Studiengänge, in denen die späteren Intendanten sitzen, voll von Frauen. Sind sie alle weniger fleißig als ihre männlichen Mitabsolventen? Zeigen sie im späteren Berufsleben so gravierend weniger Leistung als die Herren?

In der Karriereforschung geht man davon aus, dass Menschen in Führungspositionen Menschen mit einem ähnlichen sozialen Hintergrund oder mit ähnlichen Eigenschaften fördern. Das heißt: Männer befördern Männer, Frauen befördern Frauen, und solange wenige Frauen oben sind, werden wenige nachrücken. Damit ließe sich erklären, warum sich in den vergangenen 20 Jahren kaum etwas getan hat an den Theaterspitzen; es kippt einfach nicht. Der Wikipedia-Eintrag zu „Intendant“ kennt die weibliche Form schlicht nicht. In der Liste der berühmten Intendanten taucht eine einzige Frau auf: die inzwischen verstorbene Marie Zimmermann. Die Theaterwelt ist eine männliche Welt.

Wie in anderen Kunstinstitutionen herrscht an Theatern der Genius-Gedanke. Man kann künstlerisches Talent eben nicht messen, und eine gleichberechtigte Ausschreibungspraxis lässt sich schwerlich vorschreiben. Zudem sind die Karrieren hinauf zur Theaterleitung so unterschiedlich wie die Bewerberinnen und Bewerber selbst. Wie soll eine völlig anders ausgebildete Frau beweisen, dass sie genauso gut oder sogar besser ist als der konkurrierende männliche Bewerber, wenn das Netzwerk mehr zählt als Kompetenz?

Außerdem zweifeln Frauen eher an sich, sagt Barbara Mundel. „Sie müssen mehr ermutigt werden, sich überhaupt zu bewerben. Sie trauen sich den Job nicht zu – oder er ist ihnen schlicht zu stressig.“ Diese Tendenz beobachtet Mundel aber auch zunehmend bei Männern. Im Theater gilt Aufopferungsbereitschaft als wichtige Tugend, die Betriebe sind oft noch extrem hierarchisch organisiert. Während junge Unternehmen flexible Arbeitszeiten einführen und Hierarchien verflachen, bleibt in Theatern alles beim Alten.

Das hat gravierende Folgen: „Es gibt generell weniger Lust, am Theater Führung zu übernehmen“, hat Barbara Mundel festgestellt, und sie kann das verstehen: „Man zerreibt sich total zwischen künstlerischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei teamorientiert zu führen, ist sehr schwierig.“ Mundel fragt sich daher weniger, wie man die Frauen fördern kann, sondern eher: „Lassen sich diese Strukturen ändern?“

„Gemischte Teams sind besser“

Bessere Arbeitsbedingungen gleich mehr Frauen? Können Chefinnen die Strukturen verändern, damit mehr Frauen Führungsjobs auch anstreben? Carena Schlewitt ist da skeptisch. Sie hat ihre Erfahrungen vor allem in der Freien Szene gesammelt, und selbst für die tendenziell weniger hierarchisch organisierten Produktionshäuser sagt sie: „Es muss jemanden geben, der führt.“ Öffentlichkeit und Geldgeber würden einen Kopf verlangen, einen Ansprechpartner, der ein absolutes Standing hat. Ihren eigenen Führungsstil würde Schlewitt nicht als „typisch weiblich“ bezeichnen. „Gibt es das überhaupt?“, fragt sie, „oder hängt das nicht von der Person ab?“ Selbst die Frage, ob sie lieber mit Frauen arbeitet, beantwortet sie mit einem Satz: „Gemischte Teams sind besser.“

Das bestätigt auch Barbara Mundel in Freiburg. Sie würde nicht behaupten, dass Frauen die besseren Chefs machen. „Aber ich kann es solidarischer machen. Hier wird niemand komisch angeguckt, wenn er mal früher gehen muss oder das Kind mitbringt.“ Vielleicht gelingt es ihr ja eines Tages, dass sie, Carena Schlewitt und die anderen, keine Alibifrauen mehr sind. Sondern die Hälfte.