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Sonntag, 01.01.2012

DFF - die Letzte

Vor 20 Jahren ist der Deutsche Fernsehfunk abgeschaltet worden – nach 39 Jahren und elf Tagen. Für Macher und Zuschauer war der Abgang arg ruppig.

Von Thomas Schade

Dieser Dienstag ist ein verregneter Silvestertag, kein richtiger Winter und erst recht kein Wetter für Außenaufnahmen in Berlin-Adlershof, wo der Deutsche Fernsehfunk (DFF) seinen Sitz hat. Dennoch macht sich Rudolf Mühlfenzl auf den Weg. Von seinem Büro in der Nalepastraße am Spreeufer aus fährt der Bayer raus zum Sendezentrum für einen letzten Auftritt, den er sich nicht nehmen lassen will.

In Adlershof setzt sich der 72-Jährige vor einen Regietisch mit Monitoren und Reglern. Die Technik ist dem gestandenen TV-Journalisten nicht fremd. Doch diesmal greift er nur zu einer schwarzen Klappe, die Film- und Fernsehleute vor die Kamera halten, wenn sie drehen. Mit weißer Kreide steht darauf: „DFF, die Letzte“. Es ist der 31.Dezember 1991, und Rudolf Mühlfenzl will mit dem Bild zeigen, dass er seinen Job beendet hat. Einen Job, den er selbst mal als „Drecksarbeit“ bezeichnet hat: die Abwicklung des Deutschen Fernsehfunks. Wenige Stunden später schalten Techniker den Sender ab.

Nach 39 Jahren und elf Tagen wird an diesem 31. Dezember 1991 fast nur noch aus der Konserve gesendet. Am Vormittag verabschieden sich die Fernsehmacher schon mal mit einem durchaus kritischen Rückblick auf die eigene Geschichte. Michael Albrecht, ein DFF-Kameramann und der letzte Generalintendant des Senders, resümiert: Es seien sehr viele kulturelle Werte geschaffen worden – „im Sinne von Filmen, von Sendungen, von Programm“. Im Archiv gebe es „tolle Sendungen, die man immer wieder mit Genuss sehen wird. Und es gibt viel Böses.“ Albrecht ist heute Digitalchef der ARD, und die Sendeanstalten im Osten leben tatsächlich noch immer ganz gut mit DFF-Konserven. Serien wie „Polizeiruf 110“ sind Kult.

In einer der letzten Live-Sendungen zaubert an diesem Silvesternachmittag das Jugendmagazin „elf 99“ einen fröhlichen Kehraus auf den Bildschirm. Die junge Mannschaft mit den Moderatoren Jan Carpentier, Ingo Dubinski und Viktoria Herrmann hatte im Wendeherbst 1989 mit Besuchen in Honeckers Waldsiedlung Wandlitz oder beim Stasi-Wachregiment Felix Dzierzynski Aufsehen erregt und 1990 den Fernsehpreis „Bambi“ erhalten. Keine der künftigen ostdeutschen Länderanstalten aber will die Sendung übernehmen.

Das Adlershofer Sendezentrum ähnelt im Dezember 1991 einer Geisterstadt. „Es hatte sich Agonie breitgemacht“, sagt Holm Henning Freier zurückblickend. Er ist 1991 der letzte Intendant an dem Fernsehstandort, er muss das Licht ausknipsen. Schon seit dem 15.Dezember ist die Betriebskantine geschlossen. Die Mitarbeiter, die den Sendebetrieb aufrechterhalten, bringen den Kaffee in Thermoskannen mit.

„Elf 99“ wird etwas mehr als drei Jahre in der Marktwirtschaft durchhalten und danach ein Opfer der Quote, aber das wissen die Macher an diesem Silvestertag noch nicht. Und so fliegen vor laufenden Kameras erst mal die Sektgläser in die Kulissen, die Prinzen trällern „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“, und zur besten Sendezeit am Abend legt „elf 99“ noch ein Spezial drauf. Thema: Hurra, der Büstenhalter wird 100. Da ist der letzte „Scharfe Kanal“ schon gelaufen, das satirische Erbe von Karl Eduard Schnitzlers (Sudel-Ede) Schwarzem Kanal.

Der meldet sich Punkt 20 Uhr mit der Ansage: „Guten Abend meine Damen und Herren! Hier ist der Bayerische Rundfunk mit all seinen ostdeutschen Sendern.“ Zum Abschied prosten die Macher auf „Sudel-Ede“ und den „selbstabgewickelten Mühlfenzl“. Der Bayer hatte 19.50 Uhr persönlich und ganz öffentlich Vollzug gemeldet. Im Radio brauchte er 3:48 Minuten, im Fernsehen dauerte es etwas länger (4:08 Minuten). Seine Botschaft ist eindeutig: Das Ende des Staatsrundfunks der DDR und die föderale Neuordnung sei die Vollendung der Deutschen Einheit im Bereich des Rundfunks.

Die DDR-Volkskammer hatte im Artikel36 des Einigungsvertrages zugestimmt, dass der Rundfunk und das Fernsehen der DDR als öffentlich-rechtliche Anstalten weitergeführt werden, aber nur bis zum 31. Dezember 1991. In dieser Nacht sollten beide Anstalten ihre Arbeit einstellen und neu aufgebaute Sender in den neuen Ländern ihren Betrieb aufnehmen. In ihrer letzten Arbeitssitzung einigte sich die Volkskammer noch auf die Wahl eines Rundfunkbeauftragten, der diese Umwandlung vornehmen sollte. „Doch zur Wahl kam es in jener Nacht nicht mehr, dass hatte die CDU geschickt verhindert“, erinnert sich Holm Henning Freier. Für diesen Posten hatte Michael Albrecht seinen Hut in den Ring geworfen, den die Abgeordneten Wochen vorher erst zum DFF-Fernsehchef gewählt hatten. „Albrecht hätte versucht, einen starken ostdeutschen Rundfunk aufzubauen als Pendant zum WDR“, weiß Freier, der heute die Stasi-Unterlagen-Außenstelle in Neubrandenburg leitet. Aber das sei politisch nicht gewollt gewesen.

Stattdessen klingelt wenige Tage nach den Feiern zur Deutschen Einheit das Telefon bei dem bereits pensionierten Rudolf Mühlfenzl, ein Mann mit CSU-Parteibuch. Bei ihm meldet sich die Bonner CDU-Zentrale. „Sie suchten jemanden, der die Medienszene gut kennt, der Prügel gewohnt ist und der nichts mehr werden will“, erzählt Mühlfenzl später. Am 15. Oktober 1990 wird er in einem umstrittenen Verfahren als Rundfunkbeauftragter für die neuen Länder eingesetzt. Nach Absprachen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und den Staatskanzleien der fünf neuen Länder sei ihm klar gewesen, dass Adlershof abgewickelt werden müsse. „Die wollten alles, nur keine neue Zentrale in Berlin“, so Mühlfenzl, der 2000 verstarb. „Er hatte den politischen Auftrag, Adlershof und die Nalepastraße zu zerschlagen“, bestätigt auch Ex-Intendant Freier. Gleichzeitig sollten die neuen Länder mit Staatsverträgen neue, föderale Rundfunkstrukturen gestalten. So beschlossen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Ende Mai 1991 die Gründung des Mitteldeutschen Rundfunks.

Derweil handelt Rudolf Mühlfenzl im Stile eines Liquidators – unbeeindruckt davon, dass sich die Sender seit Herbst 1989 selbst erneuerten und vor allem emanzipierten. Die Rundfunk- und Fernsehmacher im Osten waren längst dabei, sich selbst aus der Zwangsjacke der SED zu befreien. „Wir haben unsere Plagegeister hier draußen ja auf eigene Kappe abgeschüttelt“, sagte der vom letzten DDR-Regierungschef de Maizière eingesetzte DFF-Intendant Michael Albrecht in jenen Tagen dem „Spiegel“. Hörer und Zuschauer bekommen ein Programm mit frischen, neuen Sendungen wie „Klartext“, „Ungeschminkt“ oder „Prisma“ geboten. In denen werden Themen aufgegriffen, die Monate vorher noch tabu waren. Und was kaum einer für möglich hält: Der DFF erzielt Einschaltquoten, die sich im Vergleich mit der ARD und dem ZDF durchaus sehen lassen können. Jeder Dritte guckt den Sender, den der Bayer Mühlfenzl abwickeln soll.

Mit kommissarischen Vollmachten ausgestattet habe der Rundfunkbeauftragte „einfach über die Köpfe der Betroffenen hinweg“ agiert, erinnert sich der damalige Vize-Rundfunkintendant Jörg Hildebrand. Er wird von Mühlfenzl alsbald gefeuert, weil er sich nicht an dessen Dienstanweisung Nr. 1 halten will. Die verpflichtet alle Mitarbeiter, über die Vorgänge ihrer Abwicklung „Stillschweigen zu bewahren“.

Mühlfenzl kommt aus dem oberbayerischen Hechendorf und bezieht in der Nalepastraße das größte Büro. Alsbald wissen die Rundfunk- und Fernsehmacher im Osten, dass er als ausgemachter Parteibuch-Journalist im Auftrag des Kanzlers der Einheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunkbereich die mediale Einheit vorbereiten soll – im Interesse der CDU. Vergebens versucht Intendant Albrecht, unter dem Namen „Ost3“ die besten DFF-Produktionen in einen Sender des Ostens hinüberzuretten. Albrecht nennt es „Barbarei“, all die eingespielten Redaktionen und Produktionsteams „vor die Hunde gehen zu lassen“.

Ein erster harter Schnitt folgt schon am 15. Dezember 1990. Pünktlich zur Tagesschau 19.58 Uhr übernimmt das erste Programm der ARD die leistungsstarke Senderkette des DFF 1. Fortan bleibt den Adlershofern nur noch die UHF-Sendekette des DFF 2. Gleichzeitig beginnt auch die große Ausgliederung. In mehreren Wellen seien Autoren, Regisseure, Produktionsleiter, Kameraleute in die Selbstständigkeit entlassen worden, sagt Holm Henning Freier. Als Freiberufler hätten sie dann für den DFF oder die neuen Länderanstalten arbeiten können. Hunderte wurden in einer großen Auffanggesellschaft umgeschult. Viele Mitarbeiter seien beim MDR untergekommen. „Wir haben versucht, das alles sozial erträglich zu gestalten“, erinnert sich Freier. „Aber dennoch war die Stimmung mies, und für viele waren wir Mühlfenzls Werkzeuge, weil wir seine Anweisungen umsetzen mussten.“ So seien im Dezember 1991 kaum noch Mitarbeiter in der Adlershofer Sendezentrale gewesen. „Diese Leere hatte schon etwas Gespenstisches.“

Auf dem Bildschirm kann man das nahe Ende am 31.Dezember 1991 ahnen, als pünktlich 19.30 Uhr „Aktuell“ beginnt, die letzte Live-Sendung des DFF. Sprecherin Heidrun Schulz möchte zum Abschluss ein persönliches Wort der Redaktion an die Zuschauer richten, aber nach wenigen Sekunden wird der Bildschirm dunkel. Erst beim Wetter taucht die Sprecherin wieder auf.

Dann, ab 21.30 Uhr, strahlt der DFF seine letzte Sendung aus: die Silvestergala mit dem bezeichnenden Motto „Auf ein Neues!“. Sie wurde Wochen vorher in der Stadthalle Chemnitz aufgezeichnet und strotzt vor Ironie und Hintersinn: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei ...“, trällern da Beppo Küster und Partnerin. Dagmar Frederik seufzt mit Uwe Jensen im Duett „Goodbye my Love, es darf nicht weitergehen ...“. Uta Schorn haucht „zum Abschied leise Servus“ in die Kamera. Und Ina-Maria Federowski, Gabi Rückert und Inka schmettern „Adieu mein kleiner Gardeoffizier ...“ – es klingt wie ein besonderer Abschiedsgruß an Rudolf Mühlfenzl. Im Schlussbild kurz vor Mitternacht stimmt die fast komplett vertretene DDR-Schlagerelite an: „Es ist Feierabend ...“ Das immer treue Fernsehballett gestaltet das letzte DFF-Bild: eine Uhr, auf der die 25 Sekunden ablaufen.

Punkt Mitternacht taucht Cornelia Nossek im Studio des MDR auf dem Bildschirm auf, ist aber nicht zu hören. Der Ton kommt ulkigerweise vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg. Sekunden später melden sich zwei Reporter vor dem Tor der Leipziger Thomaskirche mit Sektglas und Sprechzettel in der Hand. Aber auch sie sind nicht zu hören. Es ist ein etwas holpriger Sendebeginn des MDR, nach einer recht ruppigen Abschaltung des DFF.