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Samstag, 26.08.2017

Deshalb muss ich reden

Kurz vor seinem Tod arbeitete Martin Roth mit seinen Kindern an dem Buch: „Widerrede!“ Ein Auszug.

Von Martin Roth

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Martin Roth (1955 – 2017) bei einem seiner letzten Gespräche mit der Sächsischen Zeitung. Schon damals sprach er über sein Engagement für eine offene Gesellschaft.
Martin Roth (1955 – 2017) bei einem seiner letzten Gespräche mit der Sächsischen Zeitung. Schon damals sprach er über sein Engagement für eine offene Gesellschaft.

© Thomas Kretschel

Sie werden sich fragen, warum ich meine Stimme erhebe, warum ich Familien aufrütteln will über die Generationen hinweg. Und warum ich der Meinung bin, dass das Politische, die Wertedebatten und der ehrliche Gedankenaustausch über die gesellschaftspolitischen Weichen, die richtig oder falsch gestellt werden können, unseren Alltag wieder viel mehr durchdringen müssen. Ich bin überzeugter Europäer. Das hat natürlich auch mit meinem Alter zu tun. Als Deutscher des Jahrgangs 1955 habe ich mir schon als junger Mensch eine andere oder besser: eine zweite sehr starke Identität gesucht. Zuerst war ich Europäer, dann Deutscher. Schon viele Monate vor der finalen Brexit-Entscheidung war mir klar, dass die von Propaganda durchdrungene und verdorbene Diskussion um den Brexit nicht zu vereinbaren ist mit meiner europäischen Identität.

Die Art und Weise des Austritts, wie da mit welchen Lügen und welcher Polemik agiert wurde, gerade von Wendehälsen wie Boris Johnson – das alles war übel und tragisch zugleich. Diese grandiose und ansteckende Dynamik, die von der Welthauptstadt London ausgeht, verliert zwar nicht die Anziehungskraft, auch nicht die Strahlkraft für die Avantgarde. Aber sie basiert mehr und mehr auf einem unseriösen politischen Fundament. Für mich war London immer eine Stadt, die funktioniert hat: aufregend, lebendig, kosmopolitisch. Und ich habe immer das Gefühl gehabt, dass dann, wenn London funktioniert, es Hoffnung gibt auch für andere Metropolen. Wenn so viele Menschen aus so vielen Ländern relativ friedlich zusammenleben und zugleich diese Stadt mit diesem Tempo leben und produktiv sein kann, dann ist das übertragbar.

Stattdessen hat eine schwer verständliche Aggressivität das Referendum bestimmt, die es – wir müssen ehrlich sein, wenn wir etwas ändern wollen – nicht nur in Großbritannien gibt. Wir erleben sie in Bayern, in Sachsen, nicht nur bei der AfD, bei den Rechtspopulisten und Europa-Gegnern in den Niederlanden, in Frankreich, Österreich, Polen und Ungarn. Bildung zählt viel zu wenig, Ernsthaftigkeit nicht, Expertentum nicht, Fakten werden einfach weggewischt, Halbwahrheiten und Lügen haben Konjunktur. Leute wie Nigel Farage klagen, wie schlimm bei uns alles ist, zugleich sterben im Mittelmeer Menschen zu Tausenden.

Wohin sind wir gekommen, wenn die Maßstäbe derart verrutschen! Direkt vor unseren Augen baut sich ein extrem rechtslastiges Europa auf. Und damit passiert etwas – zum ersten Mal in meinem Leben auf diese Weise –, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Mit einer Geschwindigkeit, dass ich mir die Frage stellen muss: Möglicherweise haben wir, die Europäer mit Herz und Hirn, die einen Kontinent in Frieden für unsere Kinder und Enkelkinder gestalten wollten, plötzlich den Sinn für die Realität verloren. Wo sind unsere christlichen Werte? Die Nächstenliebe? Begriffe wie Freiheit, Toleranz und Solidarität sind mir heilig. Heilig ist ein großes Wort, aber es geht auch um viel. Ich will nicht akzeptieren, dass Menschen wie Marine Le Pen die künftige Tonlage bestimmen, dass Nationalisten wieder hoffähig sind. Die Rhetorik in England war so kriegerisch, dass sich jedem vernünftigen Menschen Parallelen zu unserer Geschichte aufdrängen müssen, an die 1920er-, 1930er-Jahre. Haben da nicht auch viele Menschen gedacht und gesagt: Was da passiert, ist nicht gut, aber so schlimm wird es schon nicht kommen?

Ich habe vor langer Zeit eine Doktorarbeit über die Kulturpolitik der 1920er- und 30er-Jahre geschrieben. Die unendlich vielen Zeitungsartikel aus den 20er-Jahren sind mir immer in Erinnerung geblieben: Dort hatte ich genau das gelesen, was ich in den Brexit-Wochen und bei der Wahl vom Juni 2017 in London erlebte: Stimmung gegen irgendetwas machen, vorpreschen, sich dann dafür entschuldigen, aber andere gehen im Windschatten hinterher, legen eins drauf. So schaukelt sich die Stimmung hoch, irgendwann ist die Entwicklung nicht mehr zu stoppen. Wir wissen, wie das ausging. Natürlich sind das riskante Vergleiche.

Aber wer aufrütteln will, muss die vornehme Zurückhaltung aufgeben können. Nur: Wo war die große Aufregung im Herbst 2015, als in Dresden auf der Pediga- Demonstration die Galgen-Attrappen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel hochgehalten wurden? Dieses Schweigen macht mich fertig.

Das gilt besonders auch im Kulturbetrieb und gerade für Kulturpolitiker. Dasitzen, sich auf seine schönen Themen und schönen Häuser zurückziehen und Ereignisse unkommentiert vorüberziehen lassen – das geht nicht mehr. Ich verstehe Kunst und Wissenschaft als wesentlichen Bestandteil unseres zivilen Lebens, weil viel bewirkt werden kann durch künstlerische und kreative Prozesse. Ich bin überzeugt, dass Kunst und Kultur unverzichtbare Grundlage einer Gesellschaft im demokratischen und friedlichen Zusammenleben sind. Je kreativer eine Gesellschaft ist, umso fähiger ist sie, aufzustehen und damit zu überleben.

Mir stellt sich deshalb schon seit Langem die Frage, ob wir alle nicht viel zu viel den Politikern überlassen. Ich habe meine tägliche Arbeit immer als eine sehr politische betrachtet; man erreicht eben unendlich viele Menschen, wenn man im weiten Bereich der Kultur tätig ist. Wenn ich nur noch einen einzigen Vortrag halten dürfte in meinem Leben, dann wäre dies ein Plädoyer dafür, sich zu informieren, zu engagieren, die offene Gesellschaft nicht nur bei Wahlen, aber eben auch bei Wahlen zu verteidigen. Ich würde sagen: Bitte, wählen Sie! Egal was, aber eine demokratische Partei, eine Partei, die sich für demokratische Ziele einsetzt.

Und vor allem: Bitte machen Sie sich stark für das, was eine offene Gesellschaft bedeutet. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Regierungen etwas für uns tun. Sondern wir müssen versuchen, die Politik zu unterstützen in diesen schwierigen Zeiten.

Über das Buch

Martin Roth, langjähriger Direktor des Deutschen Hygiene-Museums und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist vor drei Wochen gestorben.

Postum erscheint am Montag sein Buch, das er als Gesprächsband zusammen mit seinen drei erwachsenen Kindern Clara, Roman und Mascha verfasst hat: „Widerrede! Eine Familie diskutiert über Populismus, Werte und politisches Engagement“, Verlag der Evangelischen Gesellschaft, 96 Seiten, 9,95 Euro.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 18 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. J.A.Woll

    Begriffe wie Freiheit, Toleranz und Solidarität sind Ihm wichtig und scheinbar verloren gegangen. Dem stimme ich zu. All das kann aber nur funktionieren wenn es auch geschützt wird. Offene Grenzen für Alle und Jeden ob mit oder ohne Papiere und Aufnahme in Größenordnungen welche nicht beherrschbar sind, führen zu dieser untragbaren Situation. Millionen Menschen mit völlig anderem Weltbild, Erfahrung und Lebensgewohnheiten einfach mal so integrieren zu wollen ist mehr als naiv, weltfremd und gefährlich. Europäische Werte und Tugenden brauchen Schutz und kein kunterbuntes Multikulti - Trallala. Das ist falsch verstandene Freiheit und Toleranz.

  2. Wähler

    Wer besorgte Bürger beschimpft und meint, nur eine "Elite" habe die Weisheit gepachtet, muss sich nicht wundern, wenn die Menschen extrem wählen. Herr Roth hat große Verdienste bei der Modernisierung der Museenlandschaft erworben. Er war sicher ein Visionär. Leider kann er sich nicht mehr in die aktuelle Debatte einbringen. Vielleicht hätte er dann den Mut gehabt und ausgesprochen, dass nicht eine einsame Frau allein entscheiden darf, was für die Menschen richtig ist. Monarchie hatten wir mal. Eine Meinungsdiktatur bleibt im Kern eine Diktatur.

  3. alt

    Martin Roth als ehemaliger Direktor der SKD bringt sich postum in die Diskussion über unsere Zukunft ein. Die Kunstsammlungen machen gerade eine Ausstellung über einen unbekannten Philosophen aus der ganz fernen Vergangenheit!

  4. jk

    Den Kommentatoren @1 und @2 kann ich mich voll und ganz anschließen. Roth mahnt eine offene Gesellschaft an und ist für mehr Bürgerbeteiligung. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Im gleichen Atemzug beklagt er den Rechtspopulismus, erkennt aber leider nicht, dass genau jener Rechtspopulismus ein Ergebnis der derzeitigen Verhältnisse ist. Niemand käme auf den Gedanken, den langwierigen Weg der wöchentlich wiederkehrenden Montagsdemos zu beschreiten, wenn es keine Probleme in diesem Land gäbe. Warum sind denn die Briten, trotz etlicher Sonderverträge mit der EU, dennoch aus der EU raus? Vielleicht weil Sie, auch aufgrund ihrer viel weitreichender und längeren Erfahrungen mit fremden Völkern befürchten, bei unkontrolliert offenen Grenzen ihre soziale Sicherheit und inneren Frieden zu verlieren? Wenn also die Briten austreten, sollten wir Deutsche uns nicht fragen, was mit denen nicht stimmt, sondern viel eher, was mit uns nicht stimmt! R.I.P. Herr Roth

  5. map

    Wie wichtig die Hinweise von Martin Roth sind/wären zeigt sich doch an den vorherigen Kommentaren. Es ist eben doch Populismus zu suggerieren, A. Merkel allein hätte die Entscheidungen im Sommer 2015 allein und gegen die gesamte deutsche Bevölkerung getroffen. Ich empfehle den Kommentatoren sich mit den Geschehnissen 2015 zu beschäftigen. Dann gäbe es manchen von Ihnen hier dargestellten Mythos nicht. Es ist gut über den Tellerrand hinauszuschauen. Deutschland sieht sich durch die Flüchtlinge mit großen Herausforderungen konfrontiert. Das ist aber nichts im Vergleich zur Situation der Männer, Frauen und Kinder, die aktuell auf dem afrikanischen Kontinent, aus der Heimat vertrieben, umher irren.

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