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Der verlorene Sohn

Eine spannende Geschichte um Heuchelei und Toleranz, um Verdrängen und Vergeben erzählt „So auf Erden“.

04.10.2017
Von Klaus Braeuer

rene Sohn
Simon (Jannis Niewöhner, r.) spürt, dass Johannes (Edgar Selge) etwas für ihn empfindet, das über väterliche Sorge hinausgeht.

© Christiane Pausch/SWR/Eikon Südwest GmbH/dpa

Gottesglaube, verbunden mit viel Lebensfreude – das will der Herr Pastor seiner freikirchlichen Gemeinde „Der Weg“ in Stuttgart verkünden. Dass seinem eigenen Gewissen und seinem Glauben an Gott alsbald eine schwere Prüfung bevorsteht, kann er zu Beginn des Filmdramas „So auf Erden“ noch nicht wissen.

Doch genau das passiert bald. Gegen seine erste Einschätzung nehmen Johannes Klare und seine Frau Lydia den Straßenmusikanten Simon bei sich zu Hause auf, nachdem sie ihn nahezu bewusstlos unter einer Fußgängerbrücke auflesen. Das kinderlose Paar glaubt rasch an die göttliche Fügung, dass ihnen „ein Sohn geschenkt sei“, muss aber entdecken, dass der junge Mann drogenabhängig ist. Sie versuchen, ihn zu entgiften – doch er haut ab. Als Simon bei seinem Vater einbrechen will, holt Klare ihn dort ab und bürgt sogar für ihn.

Anfangs sagt Pastor Klare noch so schöne Worte wie: „Die Bibel kennt ganz wunderbare Schutzfunktionen gegen die Angriffe der Lust. Ihr dürft nie vergessen, dass Ihr etwas ganz besonderes seid, aber ihr müsst auch etwas dafür tun, dass sich der Schutz von Gottes Wort entfalten kann.“

Er schenkt schon mal sein Jackett einem Armen und er ruft sein „Amen“ außerordentlich emphatisch in den Saal. Doch schon bald ist er mit seinem Latein am Ende – erst recht, als er spontan von Simon auf den Mund geküsst wird und herausfindet, dass der junge Mann schwul ist. Klare entdeckt daraufhin, dass er sein eigenes Schwulsein lange verdrängt hat, und muss das Verhältnis zu seiner Frau überdenken – und vor allem zu sich selbst finden. Der 25-jährige Jannis Niewöhner spielt den charmanten Simon, der geheimnisvoll und verloren wirkt, sehr glaubhaft. Seine Filmfigur nistet sich schnell im Pastorenhause ein, singt mit Herrn Klare schon mal am Klavier und bezeichnet Jesus als „Bodyguard“. Das bieder-missionarische Ehepaar Klare wird vom Schauspieler-Ehepaar Edgar Selge/Franziska Walser eindringlich gespielt; sie haben ihre Predigten im Film selbst geschrieben. Die Diskussion zwischen den beiden und dem überschwänglichen Simon darüber, ob die Liebe zwischen Männern gottgewollt ist, wird sehr ernsthaft geführt. Der Versuch beider, Klare davon abzubringen, scheitert kläglich – auch, weil der Pastor seiner Begierde nicht widerstehen kann. (dpa)

„So auf Erden“, Mi. 20.15 Uhr, ARD