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Mittwoch, 24.02.2016

Der tönende Anwalt

Sie ist mit die größte, älteste und fleißigste Musikinstitution. Zudem kann die Singakademie Dresden gut wirtschaften und plant 2016 ein „Jahr der Tausend“.

Von Bernd Klempnow

Im September 2002 gab es im Zwinger ein erstes Konzert nach der Flutkatastrophe, bestritten von der Singakademie Dresden und den Landesbühnen Sachsen.
Im September 2002 gab es im Zwinger ein erstes Konzert nach der Flutkatastrophe, bestritten von der Singakademie Dresden und den Landesbühnen Sachsen.

© SZ Thomas Lehmann

Der Chef taucht ab – aber nur für gut zwei Stunden. Ekkehard Klemm wird an den folgenden Wochenenden seine Dresdner Singakademie nicht dirigieren. Das überlässt er bei Aufführungen von Haydns „Schöpfung“ Taktstock-Talenten und mischt nur vom Cembalo aus mit. Der Grund: Die Singakademie ist mit 260 Mitgliedern nicht nur eines der größten und mit 130-jähriger Tradition eines der ältesten Musikinstitute Sachsens, sie ist auch eines der vielseitigsten. Kein anderes Laienensemble pflegt so ambitioniert die Chorsinfonik in ihrer Breite, nimmt sich so selten aufgeführten und neuen Werken an und leistet intensivst Nachwuchsarbeit. Letzteres eben nicht nur im eigenen Kinderchor. „Wir wollen mithelfen, gute Chordirigenten zu qualifizieren“, sagt Klemm, der auch Hochschullehrer ist. Diese Qualifikationsmaßnahme ist in Dresden am 6. März in der Lukaskirche zu erleben.

Auch sonst wird 2016 kein Jahr der kleinen Vorhaben. Klemm, der seit 2004 die Singakademie wieder zu einem der leistungsfähigsten, generationsübergreifenden Laienensembles gemacht hat, plant „Musik für Tausend – ein wahrhaft großartiges Panorama bedeutender Chormusik“. Ob im großen, im Kammer-, im Kinder- oder im Seniorenchor, die Sänger werden Mahlers Achte ebenso wie Orffs „Carmina burana“ und Beethovens Neunte interpretieren. Eine wiederentdeckte Johannespassion von Georg Gebel, der Musiker in der Privatkapelle von Graf Heinrich von Brühl gewesen ist, wird es ebenso geben wie Uraufführungen von Kantaten des Dresdner Avantgarde-Komponisten Jörg Herchet. Der arbeitet seit Jahren an einer „zeitgenössischen Erwiderung auf Bachs Weihnachtsoratorium“. Seine Kantaten zum „Fest der Geburt Christi“ erklingen im zweigeteilten Jahresend-Konzert, das mit eben jenem WO von Bach beginnt. In anderen Konzerten ist Bach nur „virtuell anwesend“, etwa, wenn Klemm das „Ricercar“ des Thomaskantors auf seine Weise zerlegt.

Es gibt viele spannende Projekte, auch der einzelnen Teilchöre. Wichtig ist: Neugierig sein, denn Allerweltsprogramme gehören nicht zu den Vorhaben. Das zahlt sich aus. Die Akademie hat keine Sängerprobleme. Wohl verlassen stetig Studenten oder Wegziehende den Chor, aber Zuziehende finden aufgrund des Akademie-Profils „recht schnell den Weg zu uns“.

Der Montagabend gehört der Stimme

Auch das Publikum schätzt zunehmend die oft mit Neuem kombinierten Offerten. Die Kasse klingelt, zumindest erwirtschaftet die Akademie gut 40 Prozent ihres Etats über Einnahmen und Mitgliedsbeiträge selbst, was ungewöhnlich viel ist. Außerdem gibt es von den verschiedensten Stellen für Sonderprojekte wie das Dirigier-Seminar zur „Schöpfung“ Fördergeld. Das honoriert die ansonsten eher knausrige Stadt Dresden und erhöht ihre Förderung um 10 000 Euro. Wer also Lust hat, bei diesem großen, traditionsreichen und fleißigen Anwalt für Chormusik mitzuwirken: Proben sind jeweils montags.

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