erweiterte Suche
Freitag, 03.06.2016

Der schwarze Mann

Die Deutschen sind eine Promenadenmischung wie viele Völker. Nur lassen wir uns seit Jahrhunderten anderes einreden.

Von Michael Bittner

6

Michael Bittner.
Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Ein Mann läuft in Dresden eine Straße entlang, da rufen Fremde plötzlich „Guck mal, ein Jude!“ und fangen an, ihn zu bespucken. Eine junge Frau wird in einem bayerischen Touristenstädtchen von Einheimischen angesprochen: „Verpiss dich, du Türkenfotze!“ Ein Mann sitzt am Tresen einer Dresdner Bar, ein Fremder greift ihm in den Bart und lallt: „Du bist ja ein richtiger Vorzeigejude!“

Die drei Menschen, denen diese Übergriffe widerfuhren, haben zwei Dinge gemeinsam: Sie stammen aus ursächsischen Familien, haben aber das Pech, dass ihnen schwarze Haare wachsen. Ich frage mich: Wenn schon allein ich drei Opfer solcher Taten kenne, gibt es vielleicht noch viel mehr ähnliche Fälle, die aus Scham verschwiegen werden? Solche Taten erscheinen uns absurd, weil sie gewöhnliche Deutsche treffen. Aber der ganz gewöhnliche Rassismus ist es nicht weniger. Eine Faustregel der Rassisten lautet: Je dunkler Auge, Haar und Haut eines Menschen sind, desto schwächer ist sein Geist und desto übler sein Charakter.

Die meisten Menschen fühlen sich über solche albernen Vorurteile gewiss erhaben. Doch wir alle unterschätzen, welchen Einfluss die Erzählungen und Bilder besitzen, die uns Europäer über Jahrhunderte geprägt haben. Wir alle sprechen von dunklen Absichten, finsteren Mächten und schwarzen Seelen. In Märchenfilmen ist die schöne Prinzessin blond wie ein Engel, die böse Hexe hat rabenschwarzes Haar. Und nicht nur Kinder fürchten sich vorm schwarzen Mann.

All jene, die von der reinen Identität der Deutschen schwärmen, vergessen eine einfache Tatsache: Das deutsche Volk ist eine Promenadenmischung, so wie die meisten anderen Völker auch. Hitler verachtete die Deutschen deswegen heimlich und wollte aus ihnen eine reine Rasse durch gründliche Ausmerze erst noch züchten. In den Landen, die heute deutsch heißen, mischten sich im Lauf der Geschichte Juden und Römer, Germanen und Slawen. Unzählige Einwanderer hinterließen ihre Spuren. Der nationalsozialistische Rasseforscher Hans Günther teilt in seiner „Kleinen Rassenkunde der Deutschen“ sogar mit, gerade in Sachsen hätten sich die „nicht-nordischen Erbanlagen“ der minderwertigen „ostischen Rasse“ besonders stark durchgesetzt! Hoffentlich bringt diese Nachricht unsere sächsischen Rassisten dazu, sich in Zukunft selbst zu verprügeln.

›› Alle Beiträge lesen Sie gesammelt im Spezial zur Kolumne „Besorgte Bürger“

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Bernd

    2. Versuch! Vielleicht versteht das ja jetzt einer! "Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation. 

  2. Anna_DD

    Super Kommentar zu einem traurigen Thema. Der begrenzte geistige Horizont ist es, der den Nationalisten verwehrt, den Unterschied zwischen Nationalstolz und Nationalismus zu erkennen. Aber ggf hilft ihnen dieses Video, in dem per DNA die Abstammugn von Menschen geklärt wurde. Ich wäre gespannt, wieviele Nationalisten überhaupt bereit wären, Ihre Identität testen zu lassen. Sicher hätten sie Angst, nicht arisch zu sein und von ihresgleichen gemobbt zu werden.

  3. Otto

    Ein Blick auf die Landkarte müßte genügen, um zu verstehen, dass fast das gesamte Gebiet der ehemalige DDR slawisch besiedelt war. Der große Anteil slawischer Ortsnamen ist nicht zu übersehen. Natürlich gibt es unter Historikern dazu unterschiedliche Begründungen. Die moderne Forschung unterstreicht aber auch, dass der mittelalterliche Landesausbau nicht nur von Deutschen vorangetrieben wurde und schon gar nicht eine "Völkerwanderung" aus westdeuchen Siedlern nach sich zog. Von Hobbyhistoriker geflissentlich unterschlagen und von unseren Provinznationalisten gänzlich verdrängt wird auch die Tatsache, dass große Teile der Ober- und Niederlausitz bis ins 17. Jahrhundert zum böhmischen Königreich gehörten. Selbst große Gebiete von Brandenburg und Schlesien wurden über Jahrhunderte von Prag aus regiert und die überwiegend slawisch (wendisch) sprechene Bevölkerung akzeptiert. In dieser Zeit kam es natürlich auch zur Vermischung und Assimilation, so wie im 14. Jahrh. u.a. schon in Thüringen.

  4. fastwriter

    Ein ganz wichtiger Beitrag. Mir fehlt schon lange die öffentliche Auseinandersetzung mit dem völkischen Denken, das in Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert den Leuten in die Köpfe eingetrichtert wurde und, wie man jetzt sieht, bis heute nachwirkt. Fakt ist: Es gibt keine "Deutsche Rasse". Es gibt nicht einmal "Deutsche Gene". Es gab auch jahrhundertlang kein "deutsches Nationalgefühl". Deutschland als einheitliches Staatsgebilde ist gerade einmal 145 Jahre alt. Es gibt nicht einmal eine einheitliche "Deutsche Kultur". Was hat ein Ostfriese kulturell mit einem Oberbayern gemeinsam? Nichts! Mit einem niederländischen Friesen dafür fast alles. Beispiele dieser Art kann man hundertfach finden. Deswegen wäre es wichtig, die Diskussion über völkisches Denken und Rassenwahn in der breiten Öffentlichkeit zu führen. Vielen Dank deshalb für Ihren Vorstoß, Herr Bittner.

  5. Lubomira

    @ fastwriter: Na endlich bringt es jemand auf den Punkt! Diese fehlende Diskussion ist schon lange nötig sowie ein differenzierter Geschichtsunterricht über unseren Vielvölkerstaat. Nachdem sich jeder "Deutsche" mal mit seinen un- und mittelbaren Vorfahren beschäftigt zwischen dem 1.Jh und 1900 wird er erkennen können und müssen, dass in den meisten Familien Vorfahren aus Gegenden gefunden werden, die nicht als "deutsch" zu bezeichnen sind. @ Otto hat Recht, wenn er schreibt, dass die früheren Herrschaften eine Assimilation sowie Vermischung mit den "anderen" Völkern normal waren. Heute werden die "Anderen" als Ausländer bezeichnet. Nur können wir unsere Vorfahren nicht mehr "nach Hause" schicken mit der Begründung, dass sie als "Ausländer" nicht zu uns gehören und unsere Kultur beeinflussen....Was machen wir nun mit unseren familiären "Ausländer"-Vorfahren?

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.