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Der rote Sündenbulle

Die Ausschreitungen gegen RB Leipzig zeigen: Andere Vereine laden nur ihre eigene Schuld ab.

10.02.2017
Von Michael Bittner

Sündenbulle
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Der Fußball ist eine kleine Welt, in der sich die große spiegelt. Im Laufe weniger Generationen wurde wie der Rest der Welt auch der Fußball durch die kapitalistische Globalisierung auf den Kopf gestellt. Aus Amateuren, die ein Leben lang für den Verein ihrer Geburtsstadt kickten, wurden hoch bezahlte Profis, die bedenkenlos den Arbeitgeber wechseln, wenn ihnen woanders bessere Bezahlung winkt. Aus Vereinen sind profitorientierte Firmen geworden. So wurde der Fußball vom Zweck zum Mittel, um Geld zu verdienen.

Nicht alles an dieser Entwicklung war schlecht: Die Stadien wurden sauberer und friedlicher, weil man auch Familien als Zuschauer anlocken wollte. Und da selbst kleine Vereine ausländische Spieler einstellten, wurde auch der Rassismus zurückgedrängt. Schimpansen, die schwarze Spieler mit Affenlauten beleidigen, hört man im Stadion heute seltener als früher. Doch mit dem Kapitalismus hielt auch die Klassengesellschaft Einzug. Nicht nur sind die Spieler heute Großverdiener, die mit ihren Fans kaum noch etwas gemein haben. Auch das Publikum zerfällt in eine Oberklasse, die in der VIP-Lounge Champagner schlürft, eine Mittelschicht auf den Sitzplätzen und das Fußballproletariat in der Stehkurve.

Solche Ungleichheit weckt Neid und Zorn. Aber ganz wie im echten Leben solidarisieren sich die kleinen Leute nicht, sondern lassen sich gegeneinander aufhetzen. Keinen anderen Zweck verfolgt ja die Hasskampagne gegen RB Leipzig. Der Leipziger Verein ist der Sündenbulle, auf den die anderen stellvertretend ihre eigene Schuld laden. Alle Vereine sind längst kommerzielle Unternehmen, aber allein den Leipzigern wird vorgehalten, sie seien ein Retortenprodukt. Ausgerechnet die Chefs und Fans der Aktiengesellschaft Borussia Dortmund brüllen bei der Heuchelei am lautesten mit. Und dann wundern sie sich scheinheilig, wenn ihre Hetze in Gewalt umschlägt. Die Ähnlichkeiten zur politischen Wutbürgermalaise dieser Tage sind erstaunlich. Es würde mich nicht wundern, wenn dieselben Leute, die RB Leipzig durch einen abgeschlagenen Bullenkopf bedrohten, auch Schweinsköpfe vor Moscheen werfen.

Hoffen wir, dass sich dieser Fußballkampf friedlich beilegen lässt. Nicht, dass wie in Thailand der Bürgerkrieg zwischen Rothemden und Gelbhemden erst durch einen Militärputsch beendet werden kann.

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