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Freitag, 11.03.2016

Der Rettungsring vom Panikdampfer

Benjamin von Stuckrad-Barre stülpt sein Innerstes nach außen, schildert seinen steilen Aufstieg und den Absturz in die Sucht.

Von Ulrich Steinmetzger

Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie ist provokant, übersteigert und ichbezogen.
Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie ist provokant, übersteigert und ichbezogen.

© picture alliance / dpa

Das Buch hebt an mit einem der seltsamsten Grenzübertritte, von denen man je gelesen hat. Zwei übernächtigte Gestalten unter Hüten, knapp 30 Jahre zwischen ihnen, zwei öffentliche Personen aus der alten Welt bei der Ankunft in der neuen, wo sie keiner kennt. Vor allem nicht der amerikanische „Grenzkontrolldobermann“, der gar nicht anders kann, als misstrauisch zu sein, angesichts der Fantasieuniform des sonnenbebrillten Älteren mit Nadelstreifenhosen, Kapitänsjacke und neongrünen Socken an den schuhlosen Füßen. So schlurft Udo Lindenberg zum Zoll am Flughafen, im Schlepptau seinen Adlatus in Matrosenhemd und Jogginghose. Die Szene endet nicht wie zu erwarten in einem fensterlosen Raum. Sie gipfelt in einem amüsierten Durchwinken, weil Udo mit seinem Charme und dem Laberjazz seiner Freestylemonologe den Guantanamo-Blick des Terriers im Glaskasten entschärft. Ankunft in Los Angeles.

Benjamin von Stuckrad-Barres vorläufige Autobiografie ist ein Buch der Grenzübertritte. Aus der Provinz in die Metropolen, vom Tag in die Nacht, aus der Nüchternheit in den Totalabsturz des Rauschs, aus der Rampensauprominenz ins verheulte Kissen, von der Bühne in die Klinik. Es ist der temposcharfe Bericht eines Medienpopstars, der vom gnadenlosen Regime dieses Leb-Schnell-Stirb-Jung spricht. Stuckrad-Barre erzählt in seiner zupackenden Sprache von dem tiefen Loch, das ihn fast verschluckt hätte, und wie ausgerechnet Udo Lindenberg von seinem Panikdampfer den Rettungsring warf.

Er erzählt provokant, übersteigert und so ichbezogen, wie sich das für eine Autobiografie gehört. Er erzählt anrührend, plausibel und so, dass man die Logik dieser Abwärtsspirale eines Hyperaktiven begreift und gebannt verfolgt. Und das nicht nur der vielen Prominenz wegen, die er unterwegs an sein „Panikherz“ drückt: Helmut Dietl, Gerhard Schröder, Jan Ullrich, Thomas Gottschalk, Wolfgang Joop, Bret Easton Ellis, Courtney Love und so fort.

Steil und schnell führte der Weg des Pastorensohns aus Rotenburg an der Wümme ganz nach oben. Das jüngste von vier Kindern eines Ökohaushalts wurde früh sozialisiert mit lautem Deutschrock à la Lindenberg, Grönemeyer und Westernhagen. Das wies den Weg aus dem nervenden Gutmenschentum daheim. Auf den Familienumzug nach Göttingen folgte eine atemnehmende Karriere: Stadtmagazin, Plattenlabel, eine erste Titelgeschichte aus diesem „Rumwurschteln in den Aurazonen von Rockstars“, die richtigen Telefonnummern, taz-Praktikum, FAZ-Berlinseiten, Redakteur beim Rolling Stone, Fernsehen mit Harald Schmidt, MTV und Posterwerbung für ein Modehaus – immer weiter, immer schneller.

Und dann der erste gigantische Bucherfolg mit Lesungen nicht in der Stadtbibliothek Bad Kreuznach, sondern vor 2 000 Leuten bei Rock am Ring. Das große Geldverdienen, dann der Partysommer 2000 in Berlin. Da war Benjamin von Stuckrad-Barre gerade mal Mitte zwanzig und hatte viel Feind, viel Ehr. Dann war es vorbei mit dem Wir-sagen. Es folgten Lagerbildung und Intrigen, die in Essstörungen und Koks mündeten und sich steigerten zu Kotzattacken vor dem Klo und immer mehr Realitätsverlust. Nasenbluten in die Euroscheine, ultrakomplizierte Speiseregeln, Therapien und der Tod des „Strickjackenjesus“ Kurt Cobain. Auch die eigene Existenz begann sich aufzulösen im „autistischen Suchtgeschufte“. Doch irgendwann war Udo wieder da, der zwischendurch niedergeschriebene Held der Vergangenheit. Er beendete den Kalten Krieg und präsentierte livehaftig sein „Idealbild einer gelungenen männlichen Existenz“. Siehe oben.

Ins legendenumwobene Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard, wo John Belushi und Helmut Newton starben, James Dean durchs Fenster sprang und Jim Morrison von der Dachrinne, lädt Lindenberg den früh Auserwählten und jetzt Übriggebliebenen zum Sonnetanken. Der fand hier, inzwischen abstinent, den Ort, schreibend sein Innerstes nach außen zu stülpen. Man liest das gebannt, gehetzt, erschrocken und fasziniert, denn Stuckrad-Barre ist im Beobachten seiner und unserer Gegenwart ein begnadeter Autor.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz. Kiepenheuer & Witsch, 574 Seiten, 19,99 Euro