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Samstag, 11.11.2017 Perspektiven

Der Prophet im eigenen Land

Ostdeutsche Kunst erfährt im Ausland wachsende Anerkennung. Ein Beitrag zur Ostkunst-Debatte aus amerikanischer Sicht.

Von April A. Eisman

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Mit ständig wechselnden Präsentationen will man im Dresdner Albertinum der Platznot Herr werden, zum Beispiel mit der Reihe „Focus Albertinum“, die hier in einem Raum in dichtester Hängung „Frauenbilder der Neuen Sachlichkeit“ versammelt.
Mit ständig wechselnden Präsentationen will man im Dresdner Albertinum der Platznot Herr werden, zum Beispiel mit der Reihe „Focus Albertinum“, die hier in einem Raum in dichtester Hängung „Frauenbilder der Neuen Sachlichkeit“ versammelt.

© Daniel Koch

  • Mit ständig wechselnden Präsentationen will man im Dresdner Albertinum der Platznot Herr werden, zum Beispiel mit der Reihe „Focus Albertinum“, die hier in einem Raum in dichtester Hängung „Frauenbilder der Neuen Sachlichkeit“ versammelt.
    Mit ständig wechselnden Präsentationen will man im Dresdner Albertinum der Platznot Herr werden, zum Beispiel mit der Reihe „Focus Albertinum“, die hier in einem Raum in dichtester Hängung „Frauenbilder der Neuen Sachlichkeit“ versammelt.
  • April A. Eisman lehrt und forscht an der Iowa State University in den USA. 2007 promovierte sie über Bernhard Heisig und die Kulturpolitik in Ostdeutschland.
    April A. Eisman lehrt und forscht an der Iowa State University in den USA. 2007 promovierte sie über Bernhard Heisig und die Kulturpolitik in Ostdeutschland.

Als amerikanische Wissenschaftlerin, die sich auf ostdeutsche Malerei und ihre Rezeption im Westen spezialisiert und viel Zeit in Dresden verbracht hat, beobachte ich die Abwesenheit von DDR-Kunst in Deutschlands Museen, besonders in denen des Ostens, deren entsprechende Bestände herausragend sind, mit großem Erstaunen. Dass die ostdeutsche Kunst nicht so gut sei wie westliche Kunst, ist schlichtweg ein Irrtum. Während in der jüngsten SZ-Debatte niemand diesen Standpunkt geradeheraus vertrat, liegt diese Annahme jedoch im Kern der Abwesenheit der ostdeutschen Kunst in den deutschen Kunstmuseen seit 1990. Es sei daran erinnert, dass ostdeutsche Kunst im Westen in den späten 1970er- und 1980er-Jahren in bedeutenden Ausstellungen gezeigt wurde: auf der Documenta und der Biennale in Venedig, auf Sonderausstellungen in England, Frankreich, Italien, Westdeutschland und den USA. Das Interesse des Westens endete abrupt mit der deutschen Wiedervereinigung.

Die Vorstellung, den Westen als Prüfstein für „gute“ Kunst zu benutzen, ist veraltet. Dieses Zentrum-Peripherie-Modell, das den Westen in den Vordergrund stellt, ist in den letzten Jahren außerhalb Deutschlands durch ein Kunstverständnis ersetzt worden, das sich auf eine Vielzahl von künstlerischen Zentren mit jeweils eigenen Kontexten und Regeln stützt. Diese Verschiebung zu einem globalen Ansatz hin hat ein erneutes Interesse für die ostdeutsche Kunst bei wichtigen Museen geweckt, wie etwa beim Museum of Modern Art in New York, das kürzlich drei englischsprachige WissenschaftlerInnen, mich eingeschlossen, einlud, Vorträge über ostdeutsche Kunst im Rahmen eines Projekts zu halten, das das Kunstverständnis des Museums über den traditionellen westlichen Rahmen hinaus zu erweitern versucht.

Die fehlende Anerkennung ostdeutscher Kunst im vereinten Deutschland steht in einem extremen Kontrast zu dem wachsenden Interesse im Rest der Welt. In den letzten Jahren gab es mehrere wichtige Ausstellungen ostdeutscher Kunst außerhalb Deutschlands, von der „Art of Two Germanys“-Ausstellung im Los Angeles County Museum of Art im Jahr 2009 über die herausragende Werner-Tübke-Retrospektive in Zwolle in den Niederlanden in diesem Jahr bis zu einer bevorstehenden Ausstellung über deutsche Nachkriegskunst im Busch Reisinger Museum in Harvard. Zudem fanden Tagungen zu ostdeutscher Kunst in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten statt, darunter die von mir organisierte „Reassessing East German Art“-Konferenz an der Iowa State Universität im Jahr 2014. Sie brachte 16 WissenschaftlerInnen aus England, Frankreich, Deutschland – darunter zwei aus Dresden – und den USA zusammen. Im nächsten Sommer wird das Defa-Filminstitut in Amherst, Massachusetts, ein vierwöchiges Seminar unter dem Titel „Kultur im Kalten Krieg: Ostdeutsche Kunst, Musik und Film“ durchführen. Mehr als 25 WissenschaftlerInnen füllen vier Wochen mit Vorträgen, Lesungen, Filmen und Diskussionen über die ostdeutsche Kultur!

In einer Zeit, in der sich die meisten Städte um ein Alleinstellungsmerkmal für das Stadtmarketing bemühen, füllen Kunstmuseen in Städten wie Dresden ihre Säle mit oft zweitklassiger „Siegerkunst“ des Westens, während etliche erstklassige Werke ostdeutscher Kunst im Depot verschwinden. Ich denke hingegen, dass es die Pflicht eines Museums ist, die besten Werke seiner Sammlung zu zeigen und andere über diese Werke aufzuklären, wenn das nötig ist. Ein wunderbares Beispiel für diesen Ansatz ist das ARoS Aarhus Kunstmuseum, in dem moderne dänische MalerInnen Teil der Dauerausstellung sind.

Zu sehen sind erstklassige Arbeiten von KünstlerInnen, von denen die meist nichtdänischen Besucher nie gehört haben. Das Albertinum sollte dasselbe machen. Es müsste den Wert seiner Sammlung erkennen und eine führende Rolle in der Neubewertung dieser Sammlung übernehmen. Damit würde das Albertinum ein einzigartiges Profil entwickeln, das BesucherInnen anzieht – sowohl ältere Einheimische, die schon lange ostdeutschen Kulturinstitutionen entfremdet sind als auch internationale TouristInnen. Zu sagen, dass das Albertinum nicht genug Platz für DDR-Kunst habe, ist irreführend und unrecht. Nicht zuletzt könnte das Museum den ehemaligen Baselitz-Raum im nordwestlichen Teil wechselnden „Ausstellungen“ ostdeutscher Kunst widmen, wie kürzlich dem Werk von Karl-Heinz Adler. Aber eine bessere Lösung wären die Räume auf der Nordseite des Gebäudes, die für solche Werke eingerichtet sind. Doch der chronologische Ansatz wird nach der Weimarer Zeit nicht weitergeführt, als ob deutsche Kunstgeschichte in den 1930er-Jahren enden würde. Hans Grundigs „Den Opfern des Faschismus“ ist eine willkommene Ausnahme, aber der nordöstliche Eckraum benötigt Wilhelm Lachnits „Der Tod von Dresden“ als Teil einer Dauerausstellung, zusätzlich zu einer wechselnden Auswahl anderer Werke, die in den Jahren direkt nach dem Krieg entstanden. In zeitlicher Reihenfolge sollten sich die nächsten Räume auf die Kunst zwischen 1949 und 1989 konzentrieren. Da die Sammlung des Albertinums reich an ostdeutscher Kunst ist, könnte man erwarten, dass in diesem Teil mehr ostdeutsche Kunst als westdeutsche Kunst ausgestellt wird.

Man muss aber vermeiden, sich nur auf Künstler wie Hermann Glöckner und A.R. Penck zu fokussieren, die im Westen bekannt und anerkannt sind. Die Dauerausstellung müsste KünstlerInnen zeigen, die in der DDR hoch angesehen waren. Das Albertinum besitzt herausragende Werke von Angela Hampel, Wolfgang Mattheuer, Nuria Quevedo und Wilhelm Rudolph, um nur einige zu nennen. Eine Auswahl sollte in der Dauerausstellung vertreten sein. Die offizielle ostdeutsche Kunstgeschichte wird mit „alternativen“ KünstlerInnen komplexer werden. Das darf aber nicht zum Ausschluss derer führen, die einen festen Platz im ostdeutschen Kanon haben.

Der Platzmangel des Albertinums erklärt außerdem nicht, weshalb ihm ostdeutsche Kunst zum Opfer fallen muss. Wenn mehr Platz für eine sich ständig erweiternde zeitgenössische Sammlung benötigt wird und Gerhard Richters Räume nicht ohne Rücksicht auf ihn als Stifter neu zugewiesen werden können, sollte darüber nachgedacht werden, ob man nicht einige Werke des 19. Jahrhunderts in die Gemäldegalerie Alte Meister verlegt.

Paul Kaisers Kritik an Hilke Wagner ist insofern unfair, als dass er die Schuld bei der Direktorin Hilke Wagner sucht. Das Problem existierte schon lange bevor sie Direktorin wurde. Hilke Wagner zeigt ein deutliches Interesse an der ostdeutschen Kunst: Im Mai 2017 unterstützte sie den „Transatlantic Workshop on East German Art“ im Albertinum. Außerdem wurden unter ihrer Leitung ostdeutsche Arbeiten der vom Goethe-Institut organisierten Ausstellung „Geniale Dilletanten“ hinzugefügt.

Deutschland scheint ein strukturelles Problem zu haben, wenn es um ostdeutsche Kunst geht. Den neu eingestellten MitarbeiterInnen fehlt oft die Erfahrung mit dem Thema oder das Wissen. Was die Sache noch verschlimmert, ist, dass sie, kaum dass sie sich in die Materie eingearbeitet haben, ihren Job für eine „bessere“ Stelle aufgeben oder ihre Verträge auslaufen. Bis deutsche Fachleute erkennen, dass die ostdeutsche ein genauso bedeutender Teil der Nachkriegskunst ist wie die westdeutsche, kann die Überwindung der Ost-West-Debatte nicht sachlich stattfinden.

Um noch einmal auf Kaisers Kritik am Albertinum zurückzukommen: In Bezug auf die Dauerschau des Museums hat er recht. Die Galerie Neue Meister hat die Pflicht, das Beste aus ihrer Sammlung zu zeigen, auch die in der DDR geschaffenen Werke. Dresdens bemerkenswerte Kunsttradition endet nicht 1949. Es ist an der Zeit, dass das Albertinum – und die Museen in ganz Ostdeutschland – die ostdeutsche Kunst in ihre Dauerausstellungen integrieren und nicht warten, bis der letzte Künstler, der sie geschaffen hat, gestorben ist.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Berg

    Es war einzusehen, dass nach der Wende auch die Maler in der Dresdner Heimat ihre Bilder zeigen wollten, die zu DDR-Zeiten dort nicht aufgehängt wurden. Immerhin wirkte damals auch ein Wechselkurs Ost-/Westmark, den nun weggefallen war. Das ist das eine. Aber umso offensichtlicher ist es nun zu sehen, was für Stile da gegeneinander geraten. Und was dem Kunstkenner zusagt, muss noch lange nicht dem einfachen Dresdner Galeriebesucher gefallen, der sich zur Erbauung hin und wieder zwischen Gemälde setzt. Den abwertenden Urteilen über die Strichmännchen schließe ich mich gerne an, wenn sie neben Mattheuer und Sitte hängen sollten. - Außerdem ist es durchaus Diskussionen wert, ob das Albertinum unbedingt im internationalen Wettbewerb mitspielen muss oder für die Dresdner als Freizeitaufenthalt mit eigenen Bildern dienen sollte. Vergleich: wieviele Dresdner Sänger/innen singen in der Semperoper, seit sie internat. Rang anstrebt? Keine! Carmen kommt aus Ägypten.

  2. AMi

    Frau Hilke Wagner sollte eine Dienstreise in das Museum Barberini in Potsdam unternehmen. Dort wird sie verstehen, was ihre Kritiker meinen.

  3. witzig

    Das hört sich doch alles sehr vernünftig an, was Frau Eismann sagt. Ausgerechnet eine Amerikanerin springt den Ostdeutschen bei, die berühmt sind für ihre antiamerikanischen Reflexe.

  4. C.G.

    Als die Diskussion über Form und Zusammensetzung in der Galerie kürzlich aufkam und von den Dresdnern argwöhnisch beäugt wurde, wurden die Kritiker sofort mundtot gemacht und als Ewiggestrige und dresdentypische Meckerer und Verhinderer beschimpft. Sogar Pegida wurde von den üblichen, nie themenbezogene Argumente vorbringende Zeitgenossen benutzt, um Stimmung zu machen. Nun mehren sich allerdings die Stimmen von außenstehenden Beobachtern, die nicht nur in der „sächs. Provinz“, sondern international verankert sind. Sie warnen vor einer Fehlentwicklung in Sachen Ausstellungspräsentation in der Galerie. Sogar von „zweitklassiger Siegerkunst“ ist die Rede. Wenn das ein Dresdner gesagt hätte, der würde wohl zerrissen werden. Fazit: So doof und beschränkt sind wir wohl doch nicht und die üblichen Stimmungsmacher gegen die Sachsen, insbesondere die Dresdner, haben sich zurück gezogen. Zumindest bei diesem Thema, andere Spielwiesen, um ihre Gelüste auszuleben, gibt es noch genug.

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