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Mittwoch, 28.12.2016

Der muffige Mythos von Marxloh

Der Duisburger Stadtteil gilt als düstere muslimische Parallelgesellschaft. Doch wer ihn wirklich kennt, der weiß: Das Zusammenleben ist manchmal schwierig, es funktioniert aber trotzdem.

Von Franz Voll

Duisburg-Marxloh gilt als sozialer Brennpunkt, weil dort viele Migranten leben. Doch ist das wirklich ein Problem?
Duisburg-Marxloh gilt als sozialer Brennpunkt, weil dort viele Migranten leben. Doch ist das wirklich ein Problem?

© action press

Ich bin 1955 in Essen geboren und lebe auf Usedom. Bis zum 45. Lebensjahr habe ich in Essen gewohnt und gearbeitet. Ich kenne mich in den Städten des Ruhrgebiets bestens aus, und was dort geschieht, verfolge ich immer noch aufmerksam – mit Neugier, auch mit Anteilnahme. In den letzten Jahren nun macht vor allem ein Stadtteil von sich reden, mit dem ich zu früheren Zeiten nichts Aufsehenerregendes verbunden hätte, der aber seit geraumer Zeit in einem düsteren, geradezu bedrohlichen Licht erscheint. Erschreckend, was mir da aus Duisburg-Marxloh zu Ohren kommt. Das ganze Viertel muss sich hinter meinem Rücken in ein Kriegsgebiet verwandelt haben. Wie sonst ist es zu verstehen, dass Marxloher Bürger mit Sätzen zitiert werden wie diesem: „Ich werde mir eine doppelläufige Schrotflinte zulegen“?

Marxloh – ein rechtsfreier Raum, eine No-go-Area? Marxloh – das Detroit Deutschlands?

Ich wollte es wissen. Aus diesem Grund habe ich mich in Marxloh für sechs Monate niedergelassen, habe dort gewohnt, habe dort gearbeitet, bin dort selbstverständlich auch einkaufen gegangen und habe mich zu jeder Tages- und Nachtzeit im Viertel umgesehen. Was soll ich sagen? Ich war in einen Stadtteil geraten, wie es ihn hundertfach im Ruhrgebiet gibt: verfallene öffentliche Gebäude, heruntergekommene Schulen und Kindergärten, marode Straßen. Ich traf Menschen, die zu kämpfen hatten, die nämlich aus eigener Erfahrung wussten, was ein Existenzminimum ist. Der Augenschein bestätigte sich in Gesprächen: Was die Menschen hier bedrückte, das war vor allem die Armut und das Fehlen von Arbeitsplätzen. Natürlich gab es hier Kriminalität, das soll nicht verschwiegen werden, aber schlimmer als in vergleichbaren Ruhrgebietsstädten geht es hier nicht zu. Woher also der üble Ruf?

Tatsache ist: Marxloh ist filmreif. Der ganze Stadtteil könnte als Kulisse herhalten für Filme, die unsere Zukunft möglichst schwarzmalen wollen. Wo in Deutschland findet sich zum Beispiel eine rund drei Kilometer lange Einkaufsstraße, in der ausschließlich Geschäfte mit türkischen Namen vertreten sind? Allein diese ausgefallene Optik Marxlohs scheint beunruhigte Gemüter magisch anzuziehen. Hier braucht man weiß Gott nicht lange zu warten, bis man einen Menschen mit fremdländischem Aussehen vor einem türkischen Geschäft vor die Linse bekommt. Bequemer kann man es also gar nicht haben, wenn man einen Bericht über gescheiterte Integration abliefern will. In diesem Punkt hält Marxloh, was es verspricht, und der Rest lässt sich schnell dazufabulieren.

Aber warum? Liegt es im Trend, ein bisschen Angst zu schüren? Kommt es mittlerweile gut an, in Ressentiments herumzustochern? Vielleicht flammt da ja was auf? Oder sparen sich viele Journalisten die Recherche und schreiben einfach voneinander ab?

Wahr ist: Marxloh macht es einem nicht leicht. Das ist eine komplizierte Welt, mit der man sich lange eingehend beschäftigen muss, und das Thema Integration steht ja wirklich auf der Tagesordnung. Man tut der Marxloher Realität und seinen Bürgern aber unrecht, wenn man aus wenigen Eindrücken pauschale Urteile ableitet. Natürlich kann man einen Bericht über die Kriminalität am Pollmann-Eck machen, aber dann sollte man bitte nicht von dieser Gegend auf ganz Marxloh schließen.

Und die Marxloher selbst? Leben sie eigentlich in ständiger Angst, oder ist diese Angst eine Erfindung der Medien?

Die Antwort lautet: Kein Marxloher würde bestreiten, dass es in seinem Viertel zu Drogen- und Eigentumsdelikten kommt. Eingeschüchtert sind die Marxloher trotzdem nicht, und im Übrigen: Angst vor Kriminalität ist keine Duisburger Erfindung, die wird mittlerweile von 60 Prozent der Bundesbürger geteilt. Geschürt wird diese Angst aber vor allem in Marxloh, durch Medienvertreter, die – ohne tiefere Einblicke gewonnen zu haben – in den Zuwanderern die Wurzel allen Übels erblicken. Würde diese Einschätzung stimmen, wäre Marxloh in der Tat zum Fürchten. Nur – wer dort wohnt, wer die Verhältnisse kennt, reagiert gelassener. Bleibt die Frage: Ist Marxloh vielleicht doch ein Musterbeispiel für gescheiterte Integration? Diese Behauptung wurde in einem Fernsehbericht aufgestellt. Zum Beweis zog man die vielen Rumänen und Bulgaren in Marxloh heran. Nüchtern betrachtet handelt es sich hierbei allerdings um Europäer, die von ihrem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch machen, wenn sie nach Duisburg kommen und Arbeit suchen. Das vereinigte Europa ist nun mal vor allem eine Wirtschaftsgemeinschaft, in der sich jeder Europäer frei bewegen darf, und dieses Recht ist auch Bulgaren und Rumänen nicht abzusprechen.

Vielleicht sollten wir einmal die Optik wechseln. Früher, als es das alte Ruhrgebiet noch gab, hat man es gern mit einer Schmiede oder einer großen Werkstatt verglichen. Heute wäre es angemessener, das Bild eines Labors zu gebrauchen. Eines Labors des Miteinanderlebens, der europäischen Integration. Und, ja, da pufft es gelegentlich, da knallt es mal, es wird halt experimentiert, aber in die Luft geflogen ist dieses Labor noch nicht, auch in Marxloh nicht. Warum also den Teufel an die Wand malen? Die Marxloher selbst sind gar nicht gegen Integration, das ist ein Ergebnis meiner eigenen Recherchen. Es stellt sich aber die schwierige Frage, ab wann ein Einwohner mit Migrationshintergrund als integriert gelten darf. Der Ruhrgebietler im Allgemeinen schlägt sich mit solchen Fragen indes nicht lange herum, er neigt zu praktischen Lösungen, und auch in Marxloh hat man sich für das „Prozedere Ruhrgebiet“ entschieden, das in der einfachen Formel besteht: Versuchen wir’s halt.

Schauen wir doch mal, ob wir ein friedliches Zusammenleben hinkriegen. Diese Einstellung begegnete mir jedenfalls an jeder Ecke und in jedem Gespräch, und sie braucht auch gar nicht zu verwundern, denn das Ruhrgebiet war immer schon ein Einwanderungsland, wo käme sonst ein „Tatort“-Kommissar namens Schimanski her? Nein, mit dem Thema Einwanderung geht man in Marxloh erstaunlich locker um, und wie antwortete mir Brandobermeister Stradmann auf meine Frage, was er von diesem Stadtteil hält? „Ich habe Marxloh in der Vollblüte erlebt, und ich erlebe Marxloh jetzt – es ist halt ein anderer Strauch, der blüht, und den muss man nur richtig annehmen.“ Nichts veranschaulicht diese Einstellung besser als die Tatsache, dass hier die Pegida-Kundgebungen winzig klein ausfallen. Ich hatte anderes erwartet, aber dieses Häufchen von knapp 200 Personen war kaum sichtbar. Im Übrigen ist die Duisburger Pegida-Bewegung die einzige im ganzen Ruhrgebiet. Wer so lange Erfahrung mit Menschen aus anderen Ländern hat, dem bereiten Fremde keine großen Kopfschmerzen.

Was bleibt an Eindrücken haften, wenn man sechs Monate in Marxloh gelebt hat? Zunächst einmal: Am Ende ist man enttäuscht. In einem Stadtteil mit knapp 60 Prozent Einwohnern mit Migrationshintergrund, da muss es doch drunter und drüber gehen. Und ein Gymnasium, dessen Schülerschaft zu 85 Prozent aus Migranten besteht, die auch noch aus rund 40 verschiedenen Nationen stammen, das kann doch gar nicht funktionieren.

Denkste! Solche Erwartungen werden tatsächlich enttäuscht. Wahr ist: Das Zusammenleben ist manchmal schwierig, wird aber in den meisten Fällen gemeistert. Einen besonders tiefen Eindruck haben bei mir die jungen Marxloher hinterlassen, die Generation der vier- bis 35-Jährigen. Die Angehörigen dieser Altersklasse kennen es gar nicht anders. Sie haben vom Kindergarten an bis zum Abitur mit Gleichaltrigen aus anderen Nationen gespielt, gelernt, gestritten und sich wieder vertragen – und stehen heute im Leben gut da.

Lassen Sie mich einen von ihnen als Beispiel anführen: den Präsidenten des Duisburger Karnevalvereins Rot-Weiß, Wolfgang Swakowski. Der Mann könnte die Integration erfunden haben, sein Name lässt auf polnische Vorfahren schließen, seine Ehefrau stammt aus dem Kosovo, seine Schwiegertochter ist Italienerin und sein Schwiegersohn in spe Türke. Noch Fragen?

Unser Autor: Franz Voll (61) stammt aus Essen und ist Fernsehreporter, u. a. im „Team Wallraff“. Für sein Buch „Inside Duisburg-Marxloh“ (Verlag Orell Füssli, 224 S., 17,99 Euro) hat er monatelang vor Ort gelebt und recherchiert.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.