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Dienstag, 09.02.2016

Der Leidenschaftliche

Roger Willemsen, ein Freigeist und publizistischer Tausendsassa, ist mit 60 Jahren gestorben.

Von Karin Großmann

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Roger Willemsen war ein genauer Beobachter. Zuletzt landete er mit „Das Hohe Haus“ einen Bestseller. Foto: dpa/Jens Kalaene
Roger Willemsen war ein genauer Beobachter. Zuletzt landete er mit „Das Hohe Haus“ einen Bestseller. Foto: dpa/Jens Kalaene

© dpa

Als seine wichtigste Tätigkeit hat Roger Willemsen mal das Vermitteln genannt und meinte damit den Brückenschlag zwischen Menschen, die nichts voneinander wissen und vielleicht auch nichts wissen wollen. Er hat zwischen Sturköpfen aller Art vermittelt, zwischen Minderheiten und Mehrheiten, Mann und Frau, Klassik und Jazz, Volk und Parlament – es dürfte schwerfallen, ein Gebiet zu finden, auf dem Roger Willemsen nicht unterwegs war als charismatischer Streiter für die Vernunft. Im August hat er wegen einer Krebserkrankung alle Veranstaltungen abgesagt. An diesem Montagnachmittag kam die Nachricht von seinem Tod.

Willemsen wurde sechzig Jahre alt. Er war der Vertreter einer Spezies, die in Deutschland mit der Lupe zu suchen ist: Er war ein wirklicher Intellektueller, und er hatte Witz. Sein Intellekt war von immensem Wissen und von Welterfahrung gespeist und sein Witz frei von modischer Häme. Denn Zynismus, sagte er, hat der Zerstörung nichts mehr entgegenzusetzen. Deshalb war Willemsen nicht der Beobachter, der mit kaltem Kalkül das Gekrabbel der Menschenkäfer betrachtet. Sein Blick war: Anteilnahme. Man könnte es auch mit dem großen Wort Humanismus benennen. Das machte jedes Buch von ihm und jedes Bühnenprogramm, jeden Auftritt besonders. Er stand nicht über den Leuten, sondern bei ihnen, und das galt für die hübsche Gemüseverkäuferin und den sabbernden Bettler am Straßenrand irgendwo auf der Welt genauso wie für den Politiker im Bundestag, dem niemand zuhört.

Wirklichkeitshungrig bis zuletzt

Willemsen hörte zu. Und er sah genau hin. Immer hatte er das Gefühl, „es gäbe ein Geheimnis aufzudecken, eine Erregung zu steigern“, sagte er in einem SZ-Gespräch. Sein gewaltiger Wirklichkeitshunger grenzte an Voyeurismus. Einmal erzählte er, wie er nachts in London stundenlang fremden Menschen durch die Stadt folgte, nur um zu sehen: Wo gehen die hin, was tun die, was widerfährt ihnen? Das war nicht die Schaulust jener, die sich nach einem Verkehrsunfall an der Blutlache laben. Seine Schaulust war die des Chronisten, der ganz dicht herantritt und dem Gegenüber doch seine Würde lässt. Dabei interessierte er sich vor allem für die Brüche im Leben, für das Scheitern und das Bestehen im Scheitern und den Neuanfang danach. Nicht zufällig trägt eines seiner zahlreichen Bücher den Titel „Der Knacks“. Er sah es auch als seine Aufgabe, „das Weltbild des Unglücks begreiflich machen zu wollen“. Dieses Bild zeigte er stets am Beispiel des Einzelnen. Denn nur im Konkreten meinte er helfen zu können.

Mit dem Unglück hatte er schon als Halbwüchsiger zu tun. Der Vater starb früh, ein Grundschulfreund stürzte in einen Berg aus Einmachgläsern, ein anderer Freund nahm sich das Leben … Die Mutter arbeitete in einem Auktionshaus, und oft schlugen sich die Kinder alleine durch. Der junge Roger Willemsen verdiente sich was dazu als Gärtnereigehilfe, als Kellner und später jahrelang als Nachtwächter bei der Bonner Wach- und Schließgesellschaft. Als Student lernte er, existenzielle Fragen in gesellschaftskritische zu übersetzen. Er studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, promovierte über die Dichtungstheorie von Robert Musil, publizierte darüber und brachte 1986 sein erstes richtiges Buch heraus. Das Thema: Suizid.

Der gesellschaftskritische Blick blieb dem Vielseitigkeitstalent bis zuletzt erhalten. Parteipolitisch hat sich Willemsen nicht engagiert, doch unverkennbar wählte er seinen Platz eher bei den Linken und Grünen und ganz praktisch bei jenen, die Hilfe brauchen. Willemsen war unter anderem Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und Mitglied bei Amnesty International und Care International.

Gerade weil der Publizist und Moderator die dunkle, einsame Seite des Lebens kannte – und wie oft ihn später die Melancholie packte, wissen nur jene, die er nahe genug an sich heranließ –, gerade deshalb liebte er die lichte Heiterkeit. Die doppelsinnige Komik. Den schrägen Humor. Er sprühte vor Witz als geistreicher Musikerklärer und Bühnenclown, wenn er etwa 23 Bände Karl May in 23 Gedichten zusammenfasste und durchs Wilde Kurdistan galoppierte. Oder wenn er sich mit Anke Engelke über die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen in den Zeitungen beugte und feststellte: Realismus ist dort ein blinder Fleck. Noch im Herbst war das Hörbuch „Habe Häuschen. Da würden wir leben“ erschienen.

Anke Engelke gehörte ebenso zu seinen Bühnenpartnern wie Dieter Hildebrandt. Mit dem Kabarettisten war er viele Jahre auf Tour und verbreitete die Weltgeschichte der Lüge. Im Dresdner Presseclub hielt er dann eine wunderbare Lobrede auf den Bruder im Geiste, der ihm zugleich ein väterlicher Freund war. Wenn Willemsen über Hildebrandt sagte, er sei ein Sprachrohr für jene gewesen, die selbst keine Stimme haben, so gilt das für ihn auch.

Glanzvolle Dresdner Rede

Es war nicht sein einziges Gastspiel in der Region. Ein Glanzpunkt in der Reihe der Dresdner Reden war der Auftritt von Roger Willemsen im hiesigen Schauspielhaus vor zwei Jahren. Er hätte stundenlang sprechen können, und nicht ein Zuhörer hätte den Saal verlassen. Leidenschaftlich warb er für die Kultur des Engagements. Wer versuche, Fremdes zu verstehen, der beginne, sich für andere zu engagieren. Und wie sollte denn eine Gesellschaft funktionieren ohne diese Bereitschaft?

Dabei spickte Willemsen seine Rede mit literarischen Zitaten und mit Anekdoten aus aller Welt und erwies sich auch als großer Geschichtenerzähler. Er erzählte von Taxifahrern in Poppenbüttel und afghanischen Jungen, von Nomaden in Timbuktu und Straßenkindern in Manila. Dass Willemsen ohne Manuskript sprach, muss nicht sonderlich erwähnt werden. Das ist für ein solches rhetorisches Talent selbstverständlich. Das Wort Geistesarbeiter verliert in diesem Zusammenhang alle Bedeutungsschwere. Denn dazu gehört ja auch dieses Leuchten in den Augen, diese Besessenheit, diese Bereitschaft zum Gefühlsüberschwang. Ein Willemsen könnte die Maßeinheit sein für solchen Redefuror. Er war auch im Anhimmeln nicht zu übertreffen. Das überzeugte auch im Fernsehen.

Willemsens TV-Karriere begann 1991 beim Bezahlsender Premiere. Dort moderierte er mehr als 600 Ausgaben der Interviewreihe 0137, benannt nach der Telefonvorwahl, unter der sich Zuschauer an der Live-Sendung beteiligen konnten. Es war die Zeit, in der eine neue Generation von Moderatoren vor die Kamera trat mit Harald Schmidt, Friedrich Küppersbusch, Götz Alsmann, Oliver Kalkofe – dazwischen Roger Willemsen. „Willemsens Woche“ hieß seine bekannteste Fernsehreihe. Hier sprach er mit den Großen der Welt und fragte, was sonst kaum einer zu fragen wagte. „Meinen Sie, es ist gut, eine Karriere zu beginnen, indem man Friedhofsblumen besingt“, wollte er beispielsweise von Udo Jürgens wissen. „Gibt’s denn eine Frau hinter ,Siebzehn Jahr, blondes Haar’?“

Sie war immer schon da, diese unbändige und unstillbare Neugier auf den anderen Menschen. Dieser Neugier sind Bücher zu verdanken wie „Die Enden der Welt“, „Momentum“ oder zuletzt „Das Hohe Haus“, der Bericht von einem Jahr Bundestagstribüne, vom „Hollywood der Politik“. Das gehört nun auch zum Vermächtnis dieses publizistischen Ausnahmetalents.

Buchtipp: „Der leidenschaftliche Zeitgenosse“, Herausgegeben von Insa Wilke. S. Fischer, 510 Seiten

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Reyes Carrillo

    Vielen Dank, liebe Frau Großmann, für diese außergewöhnlich gelungene, psychologisch wunderbar stimmige und damit runde Würdigung dieses besonderen Menschen!

  2. PS

    @1: Das sehe ich auch so. Ich kann mir keinen besseren Nachruf vorstellen. Vielen Dank, Karin Großmann!

  3. mike80

    Möge sich so mancher Diskutant in den Foren bei der Qualität von Gesellschaftsanalyse und -kritik an Roger Willemsen ein Beispiel nehmen, sonst wird die Verrohung der deutschen Sprache stetig zunehmen und wir sind wieder in der Lingua1933 angekommen. Wie Kritik an Politikern funktioniert, hat er unterhaltsam in seinem Buch "Das hohe Haus" dargestellt.

  4. Oldie - 88 -

    Die letztzen Sendungen mit ihm erlebten wir in der SW-Funk-Reihe "Ich trage einen großen Namen", eine Sendung, die wir in den letzten Jahren nie ausließen. Selten bedauern wir den Tod eines so großen Menschen so wie seinen. Seine Worte ".....Wer versuche, Fremdes zu verstehen, der beginne, sich für andere zu engagieren. Und wie sollte denn eine Gesellschaft funktionieren ohne diese Bereitschaft?..." sind unvergessen und gerade in der heutigen Zeit besonders wertvoll. Danke, Roger Willemsen. Du hast uns auch gezeigt, dass die flachen Programme unserer Flachbildschirme nur flache Geister beeinflussen können, nicht aber Denker wie Dich und Deine Freunde hier in unserem Lande. Du wirst uns fehlen. G.Danke.

  5. dd pp

    Schade, dass er so früh von dieser Welt gehen musste, er hätte dieser Gesellschaft "Deutschland" noch viel in ihre Stammbücher schreiben können.

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