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Samstag, 27.02.2016

Der Herr der Fliege und sein Groll

Helmut Reitze ist dienstältester Intendant in der ARD. Nach 13 Jahren beim Hessischen Rundfunk geht er in Rente – mit kritischem Blick auf die Branche.

Von Jörg Fiene

Das Gesicht kennt man: Helmut Reitze war lange Nachrichten-Mann für ARD und ZDF.
Das Gesicht kennt man: Helmut Reitze war lange Nachrichten-Mann für ARD und ZDF.

© dpa

Helmut Reitze bindet selbst. „Eine Frage der Ehre“, sagt der Intendant des Hessischen Rundfunks, Markenzeichen Fliege. Mehr als 50 der modischen Seidenbinder hängen in seinem Kleiderschrank, eine mit Senderlogo ist nicht darunter. „So etwas haben wir nicht. Wir müssen sparen“, sagt Reitze. Der Zwang zum Geldzusammenhalten hat ihn in den vergangenen 13 Jahren als Senderchef begleitet wie sein Faible für Fliegen. Ende Februar tritt der 63-Jährige in den Ruhestand. Er geht zwei Jahre vor Ablauf seiner dritten Amtszeit, aus gesundheitlichen Gründen. Sein Nachfolger ist sein bisheriger Stellvertreter, der hr-Fernsehdirektor Manfred Krupp. Reitze hinterlässt dem 59-Jährigen einen Sender mit mehr Zuschauern, mehr Zuhörern, mehr Online-Nutzern und weniger Mitarbeitern als bei seinem Amtsantritt 2003 – aber auch einen Fehlbetrag von 82 Millionen Euro im Etat für das laufende Jahr bei erwarteten Erlösen aus Gebühren und Werbung von 500 Millionen Euro.

Einfach kleinsparen lasse sich eine solche Deckungslücke nicht. Der Fehlbetrag sei eine Folge der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Diese zwinge den hr wie andere Unternehmen, zunehmend mehr Geld für spätere Rentenansprüche seiner Beschäftigten zurückzulegen. „Das ist gesetzlich geregelt.“ Aber die Liquidität des Senders sei bis 2020 gesichert.

Mehr als 40 Jahre hat Reitze Fernsehen und Radio gemacht, nach seinem Volontariat in Kassel bei einer Tageszeitung. Er berichtete als Korrespondent für das ZDF aus Brüssel und Washington, wo er sich Ende der 1980er-Jahre bei US-Kollegen das Fliegetragen abschaute. Er moderierte für das „heute-journal“, war zweiter Chefredakteur bei ARD-aktuell.

Wenn er nun vom 1. März an nicht mehr ins Büro kommt, will er den Medienmenschen Helmut Reitze hinter sich lassen. Er möchte nicht Ratgeber sein für ehemalige Kollegen – auch wenn er sich über ein zunehmendes „Schwarmverhalten der Medien“ ärgere. Auch wenn er sich wünsche, die Branche hätte sich die Fähigkeit zur kritischen Gegenreaktion bewahrt, statt „wie vor der Kölner Silvesternacht kollektiv in die eine Richtung und danach in die andere zu laufen“. Vermeintlich kluge Sätze aus dem Ruhestand habe er selbst nie gern hören wollen, sagt der promovierte Volkswirt. Als Rentner will sich der 63-Jährige dem Fotografieren widmen und sich ehrenamtlich in Stiftungen engagieren.

Reitze, geboren im nordhessischen Gudensberg, hat den hr konsequent auf Hessen gebürstet. Weniger Lückenfüller aus anderen ARD-Landesanstalten im TV-Programm, mehr eigene Informationsformate: Mit dieser Strategie schaffte der Sender im ARD-internen Vergleich der dritten Programme den Sprung vom Tabellenende ins Mittelfeld und steigerte seinen Marktanteil bei Zuschauern von 5,1 auf 7,0 Prozent. Die Regionalisierung auch auf den Internetseiten hat dem Senderchef aber auch Konflikte mit den Zeitungsverlegern im Land eingebracht, die in der Strategie einen gebührenfinanzierten Angriff auf ihr Kerngeschäft sehen. (dpa)