sz-online.de | Sachsen im Netz

Der große Kommunikator

Mit dem Tod von Wolfgang Donsbach verliert Dresden einen streitbaren Professor, der sich gern einmischte und um die Stadt sorgte.

28.07.2015
Von Heinrich Maria Löbbers

 Kommunikator
„Volksaufstand in Elbflorenz“ hieß das Diskussionsthema dieser Veranstaltung mit TU-Professoren im März im Kleinen Haus in Dresden. Es war nur eine von unzähligen Foren, auf denen Wolfgang Donsbach über Pegida debattierte. Nun ist der streitbare Kommunikationswissenschaftler völlig unerwartet verstorben.

© Sven Ellger

Wieder mal kein gutes Wochenende für Dresden. Rechtsradikale Randalierer vor der Zeltstadt für Flüchtlinge sorgten bundesweit für negative Schlagzeilen.

Auch dazu hätte sich Wolfgang Donsbach sicherlich gern geäußert. So wie der Professor stets befragt wurde, wenn wieder mal Erklärungen für schwer Erklärliches gesucht wurden. Er hätte wohl ein weiteres Mal auf seine Studie verwiesen, nach der die Menschen in Dresden nicht ausländerfeindlicher sind als der Rest Deutschlands. Die Hälfte der Bürger sei durchaus bereit, Flüchtlingen zu helfen. In der Tat konnte man auch das am Wochenende feststellen.

Doch Professor Donsbach wird nicht mehr analysieren und kommentieren, was in seiner Wahlheimat geschieht, sei es im Zusammenhang mit Pegida, mit dem Gedenken am 13. Februar oder der Waldschlößchenbrücke. Der Kommunikationswissenschaftler, der auch ein großer Kommunikator war, ist am Sonntag verstorben, mit gerade mal 65 Jahren, völlig überraschend. Herzinfarkt beim Rollhockeyspielen, wozu er sich immer sonntags mit Freunden traf. Dabei wirkte er immer so sportlich und frisch, körperlich wie geistig.

Generationen von Studenten geprägt

„Die Nachricht traf die Universität wie ein Schock“, hieß es gestern in einer schriftlichen Mitteilung der TU Dresden. Vielen wird es so gegangen sein. Die TU trauere „um einen ihrer profiliertesten Professoren und einen weit über die Universitätsgrenzen hinaus gesellschaftlich engagierten Wissenschaftler“. Donsbach war erst im März emeritiert worden, aber Seniorprofessor geblieben. Er hinterlässt eine Frau und einen 14-jährigen Sohn.

Der in Bad Kreuznach geborene Donsbach, der in Mainz promoviert hatte, kam 1993 als Gründungsdirektor nach Dresden, wo er das Institut für Kommunikationswissenschaft aufbaute und fast zwei Jahrzehnte lang leitete. „Er hat zum exzellenten Ruf der TU Dresden beigetragen und Generationen von Studenten geprägt“, heißt es von der Uni. Er erhielt zahlreiche Ehrungen für seine Verdienste in der Meinungsforschung und der politischen Kommunikationsforschung. Die öffentliche Meinung war sein Spezialgebiet, kein Wunder, dass er selbst oft in der Öffentlichkeit stand.

Dresden hat nicht viele intellektuelle Stimmen, die sich öffentlich in aktuelle Debatten einmischen. Gerade in diesen Pegida-Zeiten werden sie vermisst. Donsbach meldete sich immer wieder zu Wort: in Interviews, Podiumsrunden, mit eigener Sendung im Dresden Fernsehen und in Zeitungsbeiträgen – immer wieder gern auch in der Sächsischen Zeitung, wo er einst die Hochschulredaktion mitetablierte.

Und er tat das provokant. Man musste seine Meinungen nicht teilen, oft wurde er dafür gescholten, aber seine Einwürfe waren es wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Den Gegenwind, den er provozierte, nahm er als Ansporn zur Debatte. Diese Stimme wird fehlen in Dresden.

Zum Beispiel seine oft wiederholte These: „Der größte Teil des Dresdner Imageschadens ist nicht durch die Pegida-Demonstrationen entstanden, sondern durch die Art der Berichterstattung.“ Mit so einem Satz können viele Journalisten schwer umgehen. „Wir haben neben der Politikverdrossenheit auch eine Medienverdrossenheit“, stellte Donsbach fest. Über „Themen, die den Normalbürger interessieren“, werde oft nicht vorbehaltlos berichtet.

Wie immer man solche Einschätzungen sieht, davon unbenommen bleibt sein beherztes Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit und für eine weltoffene Stadt. Nach der rassistisch motivierten Ermordung der Ägypterin Marwa El Sherbini im Landgericht kritisierte Donsbach 2010 in einem offenen Brief die „wachsweichen“ Reaktionen der Stadt. „Dresden versteht die Dimension dieses Verbrechens nicht“, es gehe um eine weitverbreitete Haltung. „Der Fall Marwa muss uns antreiben, couragiert Toleranz zu leben. Das gibt es zu wenig.“ Und der Professor hatte auch einen Vorschlag: „Die beste Therapie ist mehr Zuzug von Ausländern! Er macht die Stadt nicht nur bunter und interkultureller und damit auch internationaler, sondern verleiht dem Fremden Normalität.“

Medienkritiker und Grünkohlkönig

Im Elfenbeinturm blieb Donsbach selten, engagierte sich stattdessen vielfältig, etwa als Vorstandsvorsitzender der Internationalen Schule. Und machte Späße mit. Anfang des Jahres wurde er zum Grünkohlkönig gekürt und hatte selbst dazu eine Umfrage parat: Dresden sei gespalten, 44 Prozent essen gern Grünkohl, 42 Prozent nicht. Sein Fazit: „Meinungskämpfe gibt es hier selbst um das unbedeutendste Gemüse.“

Zuallererst war da aber der Wissenschaftler, der stets eine Theorie hatte. Etwa die „Theorie des feindlichen Mediums“, die besagt, dass man Berichterstattung stets aus der eigenen Perspektive verzerrt wahrnimmt. Je deutlicher man selber eine Meinung zu einem Thema hat, umso weniger ausgewogen erscheinen Berichte dazu.

„Zu schnell, zu oberflächlich, zu schlecht bezahlt“, hieß sein jüngster Vortrag zur „Krise des Journalismus“. Aber er hatte auch Trost: „Die Zeitung wird nicht untergehen. Die Antwort auf die aktuelle Zeitungskrise heißt: guter Journalismus, gedruckt oder online. Zeitungen müssen beweisen, was sie können und wert sind.“

Wir haben verstanden.