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Freitag, 07.12.2012

Der „Glockenschlag der Republik": 60 Jahre „Tagesschau"

Sie ist die „Mutter aller Nachrichtensendungen" im deutschen Fernsehen: 60 Jahre alt wird die „Tagesschau". Zwar erst am 26. Dezember, aber gefeiert wurde das ARD-Flaggschiff schon jetzt.

Hamburg. Welchen Satz „Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo der „Tagesschau" auf die Geburtstagstorte zum 60. schreiben würde? „Mit der "Tagesschau" bin ich vom Kind zum Mann geworden", sagt Mascolo und erinnert sich an Zeiten, als es von der ältesten Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen nur die 20-Uhr-Ausgabe gab. „Entweder musste ich vor der "Tagesschau" ins Bett oder nach der "Tagesschau"", erzählt der 48-Jährige. „Die Wahrheit ist, wir wollten nicht die "Tagesschau", sondern wir wollten das, was danach kommt." Auch als einziger „Systemfremder", wie er sich selbst nennt, kommt er auf der ARD-Gala zum Jubiläum um ein Lob nicht umhin: „Immer pünktlich, immer zuverlässig, fast immer fehlerfrei und ein kleines bisschen humorlos", bescheinigt er dem ARD-Flaggschiff „typisch deutsche Eigenschaften" und spricht vom „Glockenschlag der Republik".

Schlag 20.00 Uhr ist „Tagesschau"-Zeit im deutschen Fernsehen - und das schon seit Jahrzehnten: Am 26. Dezember 1952 ging sie erstmals an den Start und noch immer läutet die „Mutter aller Nachrichtensendungen" hierzulande für viele Millionen Deutsche den Feierabend ein. Zwar verfolgen längst nicht mehr so viele Zuschauer wie einst die Nachrichtensendung im „Ersten", als das ARD-Flaggschiff weit mehr als die Hälfte aller TV-Haushalte vor dem Bildschirm versammelte. Auch werden ihre Sprecher wohl kaum noch für Regierungssprecher gehalten. Und vorbei sind die Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, nicht während der abendlichen 15 Minuten zu telefonieren. Dennoch behauptet sich die „älteste Quotenkönigin der Republik" als Marktführerin. Liefen von ihr 1952 gerade mal drei Ausgaben wöchentlich, sind es heute diverse täglich.

Anne Will denkt nicht an Rückkehr

Zur Jubiläumsparty ertönte der Gongschlag am Donnerstagabend im Cruise Center Hamburg-Altona erst 20.13 Uhr: „Wenn das die richtige "Tagesschau" wäre, dann hätten wir jetzt ein Problem", sagte Gala-Moderatorin Judith Rakers, selbst Sprecherin der Sendung. Mehr als 400 Gäste waren über den ARD-blauen Teppich zum festlichen Dinner gegangen, um das Jubiläum schon mal vorzufeiern. Sender-Stars wie die Talkmaster Anne Will, Frank Plasberg und Sandra Maischberger waren gekommen, um zu gratulieren. Talkshow-Moderatorin Will erinnerte sich an ihre „Tagesthemen"-Zeit, stellte aber vor der Gala klar: Spekulationen über ihren Wechsel zur „Tagesschau" seien „vollständig abstrus". Eine moderierte Hauptausgabe fände sie falsch: „Ich finde das Sprecherprinzip genau richtig und auch wirklich gut."

Zwei Drittel aller Deutschen sehen regelmäßig „Tagesschau", wie eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Zeitschrift „Hörzu" ergab. Ob die 20-Uhr-Sendung noch die Nachrichtenquelle Nummer eins ist, hatte sie gefragt. „Das Ergebnis: Für zwei Drittel aller Deutschen lautet die Antwort: Ja!", berichtet die Zeitschrift in ihrer aktuellen Ausgabe. „84 Prozent halten die 20-Uhr Nachrichten zudem für besonders aktuell und informativ." Den Erfolg der beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg angesiedelten Nachrichtenmacher und insbesondere den der Hauptausgabe, hob auch NDR-Intendant Lutz Marmor hervor: „Sie ist eines der letzten Lagerfeuer, die wir im deutschen Fernsehen haben." Nach wie vor sei die „Tagesschau" ein „Parameter des Wichtigen" und gebe vielen Menschen mit ihrer Hauptausgabe eine Struktur.

Merkel hat früher heimlich geguckt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schickte eine Videobotschaft: Die Sendung sei „eine Institution im besten Sinne des Wortes", sagte Merkel. „Millionen von Fernsehzuschauern tagtäglich können sich nicht irren. Die "Tagesschau" hat Maßstäbe gesetzt." Sie selbst kenne die Sendung viel länger, als sie es eigentlich gedurft hätte, wäre es nach den Machthabern in der ehemaligen DDR gegangen, berichtete Merkel. „Ich empfand es immer als wohltuend, eine Nachrichtensendung verfolgen zu könne, die mir nicht einbläuen wollte, was ich zu denken habe." Die „Aktuelle Kamera", die tägliche Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, war am 21. Dezember 1952 fünf Tage vor der Premiere der „Tagesschau" an den Start gegangen.

Vieles aus der Anfangszeit der „Tagesschau" ist weit entfernt von der heutigen Ausstattung des 24-Stunden-Betriebes. So leistete sich die Sendung zunächst keinen sichtbaren Sprecher, Cay-Dietrich Voss präsentierte sie mit einem Redakteur aus der Sprecherkabine. Mit Karl-Heinz Köpcke erhielt die Sendung am 2. März 1959 erstmals ein Gesicht. Der Mann, der bis 1987 Chefsprecher war, wurde zur Ikone der TV-Nachrichten - und fortan avancierten die Sprecher zu den prominenten Köpfen der Republik. Von den Frisuren Dagmar Berghoffs, die 1976 als erste Frau die „Männerbastion" der „Tagesschau"-Sprecher knackte, bis hin zu den Hollywood-Plänen Susan Stahnkes - das Medieninteresse an den „Aushängeschildern" war immer groß.

So wie derzeit an der Erneuerung des „Tagesschau"-Studios und der Überarbeitung ihrer Erkennungsmelodie. ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke betonte noch einmal, dass das neue Studio im nächsten Jahr in Betrieb genommen werde: „Dann, wenn es fertig ist", sagte er, „und keinen Tag früher". Man habe keinen Druck. Erst am Tag vor der Feier hatte die „Bild"-Zeitung berichtet, dass sich die Erneuerung des Studios verzögere und bis zu 40 Millionen Euro kosten könnte. Der Sender selbst betonte, die Kosten lägen bei 23,8 Millionen Euro. Ihren 60. begeht die „Tagesschau" jedenfalls am zweiten Weihnachtsfeiertag noch in der alten Kulisse. (dpa)