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Montag, 09.10.2017

Der ewige Schwule

„Ein Mann sieht rosa“ am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen will mit Klischees spielen. Doch es verstärkt sie, statt sie zu durchbrechen.

Von Marcel Pochanke

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Homo oder Hetero: In „Ein Mann sieht rosa“ in Bautzen hängt an dieser Frage die berufliche Zukunft von Pignon (Jan Mickan, sitzend). Chef (Olaf Hais) findet, dass ein Schwuler zu Werbezwecken doch nützlich wäre.
Homo oder Hetero: In „Ein Mann sieht rosa“ in Bautzen hängt an dieser Frage die berufliche Zukunft von Pignon (Jan Mickan, sitzend). Chef (Olaf Hais) findet, dass ein Schwuler zu Werbezwecken doch nützlich wäre.

© Miroslaw Nowotny

Am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen hatten die zwei Lustspiele „Dinner für Spinner“ und „Die Nervensäge“ in den vergangenen Spielzeiten großen Erfolg. Im Mittelpunkt steht der mausgraue, unbedarfte Francois Pignon, dem Jan Mickan eine große Glaubwürdigkeit verleiht und dessen Rolle durchaus Kultcharakter erreicht. In „Ein Mann sieht rosa“ soll er nun gekündigt werden, was seinen neuen Nachbarn auf die Idee bringt, er solle sich als schwul darstellen, dann würde sich das wieder einrenken.

Grundlage ist der gleichnamige Film aus der Feder des französischen Genrespezialisten Francis Veber. „Jetzt dürfen die letzten Homophoben für ihre Beschränktheit büßen“, schrieb ein Kollege vor 16 Jahren über den Streifen. In der fluffigen Leinwanderzählung geht es um den inneren Wandel, das Wiederfinden von Stärke, das Eingestehen von Schwäche. Schwul oder nicht schwul ist auch eine, aber nicht die entscheidende Frage. Wie im richtigen Leben. Die zwei echten Schwulenhasser werden als rückständige Idioten gezeigt und fallen schließlich aus der Gemeinschaft.

Nun aber Bautzen: Hier wird eine Gemeinschaft nahegelegt, die sich in ihrem Nicht-Schwulsein demonstrativ einig ist: „Was ist denn das!? Was macht er denn da?! Wo kommt diese Schweinerei her?!“ „Schwuchtel“ und „Tunte“ werden unaufhörlich und ironiefrei in den Saal gerufen, und bleiben – anders als in der filmischen Vorlage – unwidersprochen. Bezeichnend, dass der einzige echte Homosexuelle in der Theaterfassung der Exot bleibt. Rainer Gruß bemüht sich, der Figur des Jean Pierre Belone, des Nachbarn von Pignon, Tiefe zu verleihen. Heraus kommt ein süßlicher, einsamer Kauz, der sich die „kleine Komödie“ ausdenkt: Einen schwulen Mitarbeiter kann der Kondomproduzent nicht entlassen, was würde das für einen Aufschrei bei Medien und in der Szene geben?

So wird Pignon zum „Betriebshomo“ – das Wort verwendet das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen tatsächlich. Das Wort diente, das sei zur Entlastung der Bautzener gesagt, auch der deutschen Fassung des Films zu Werbezwecken. Das macht es jedoch nicht besser.

Belone selbst war vor Jahren wegen seines Schwulseins gekündigt worden. Heute wäre das gerade andersherum, frohlockt er. Das liegt jedoch, so die These, an der Außenwelt, also fremden Bestimmern – den Medien und den Schwulen. In dem Unternehmen, wie es die Bautzener Schauspieler zeigen, hätte er weiterhin keine Chance. Das wird entschieden zu wenig hinterfragt. Man muss es sagen: Das Stück, wie es in Bautzen gezeigt wird, ist im Kern selbst homophob.

Peter Kube in seinem Element

Dabei hat die Inszenierung durchaus starke Momente. Der Dialog von Pignon und Santini, dem anfangs machohaften Schwulenhasser, auf einem Bänkchen vor Blumen gelingt Jan Mickan und Marian Bulang wundervoll. Die Schauspieler sind um ihre Rollen nicht zu beneiden. Die des Betriebsdirektors Kopel (Olaf Hais) ist besonders undankbar. In ein scheußliches rot-weiß-gestreiftes Kostüm gezwängt, kann Kopel vor Klischees kaum laufen. Und Regisseur Peter Kube unternimmt gar nicht erst den Versuch, die Figur des Managers, der schmierig alles für den Erfolg und für eine Affäre mit der Chefbuchhalterin tut, mit Facetten auszustatten. Santini bekommt von Marian Bulang eine sympathische Unbeholfenheit verliehen, ist aber dazu verdammt, ein Idiot zu bleiben. Natürlich, auch darüber darf gelacht werden. Auch über die Kostüme von Jens Büttner. Jeder Akteur steckt in einem Anzug, der seine Rolle karikiert. Das ist wie Steak au four: Fleisch mit Fleisch überbacken, nur bitte nicht zu blass. Die Szenen und Situationen jagen sich in schneller Folge. „Ein Mann sieht rosa“ hält sich nicht in einem Bild auf, schon folgt die Konsequenz mit einer Drehung der Bühne. Hier ist Peter Kube in seinem Element, die Pointen weiß er zu setzen. Die Inszenierung ist als spaßiger Abend kein Fehlschlag, wenn man über eine bestimmte Art von Witz lachen kann.

„Ein Mann sieht rosa“ am Deutsch-Sorbischen, Volkstheater Bautzen, wieder Mittwoch, 11.10., 15 Uhr, und Freitag, 13.10., 19.30 Uhr. Karten: 03591 584225

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. elbgeistDD

    Ob der Nachbar Belone wirklich der einzige Schwule in dieser Geschichte bleibt, lässt die Inszenierung aber ziemlich offen. Die Rezension durch Herrn Pochanke ist ziemlich hölzern und einseitig, als liebte er den Verriss - der ist aber bei diesem Stück nicht angebracht, zeigt es doch mehr Facetten als durch den Kritiker beobachtet und beschrieben.

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